Umfangreiche Analyse

09. Oktober 2018 19:02; Akt: 09.10.2018 19:02 Print

Warum Grippewellen in Zukunft heftiger werden

An der Spanischen Grippe starben Anfang des 19. Jahrhunderts 50 Millionen Menschen. Bei der nächsten Pandemie könnten es dreimal so viel sein.

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Die erste grosse Grippewelle des 20. Jahrhunderts war die Spanische Grippe, die 1918 erstmals auftrat. (Im Bild: Erkrankte werden im Walter-Reed-Militärspital in Washington versorgt.) Mehrere Millionen Menschen erkrankten – und starben – daran. (Im Bild: Übersicht über die an der Spanischen Grippe Verstorbenen in 49 spanischen Provinzen) Allein in der Schweiz fielen ihr fast 25'000 Menschen zum Opfer. (Im Bild: Sanitäter in einem Wagen des Rekonvaleszenz-Zentrums Gunten-Sigriswil, in dem Schweizer Betroffene behandelt wurden) Schätzungen zufolge starben bis zu 100 Millionen Menschen an dem Virus. Dabei begann alles relativ harmlos: Laut dem Berliner Historiker Wilfried Witte erkrankten während der ersten Ansteckungswelle im Frühjahr 1918 zwar sehr viele Menschen, aber relativ wenige starben. Im Herbst nahm jedoch eine weitere, tödliche Welle ihren Lauf. Auch die Schweiz wurde in drei Wellen getroffen: im Juli 1918, im Oktober-November 1918 und im Dezember-März 1918-1919. (Im Bild: Ein Rekonvaleszentenzentrum bei einer Alphütte. Man ging davon aus, dass Frischluftkuren den Heilungsprozess vorantreiben.) Gerade dort, wo Menschen geballt aufeinandertrafen, wie in Rekruten- oder Kriegsgefangenenlagern, steckten sich laut Witte auf einen Schlag zahlreiche Menschen an. (Im Bild: US-Rekruten vor einem Lager.) Therapien wie invasive Beatmung standen Ärzten noch nicht zur Verfügung. Wenn überhaupt hätten Kranke in der Regel Mittel zur Kreislaufstärkung bekommen. «So etwas hat natürlich nicht geholfen», so Witte. (Im Bild: Kurzfristig errichtetes Lager für Erkrankte in den USA, 1918) Wo die Spanische Grippe ihren Ursprung hat, ist nicht gänzlich geklärt. Relativ sicher ist aber, dass sie nicht aus Spanien kam. Einer der Gründe, weshalb sie dennoch nach dem Land benannt wurde, ist, dass der damalige spanische König Alfons XIII. an dem damals noch unbekannten Virus erkrankte. Ein weiterer prominenter Betroffener war der norwegische Maler und Grafiker Edvard Munch. (Im Bild: Munchs Selbstbildnis nach überstandener Spanischer Grippe, 1919) Laut Historiker Wildfried Witte geht man heute davon aus, dass die Grippe im März 1918 zuerst Schüler und Soldaten in Kansas, USA, krank machte, die dann das Virus an Bord von Truppenschiffen nach Europa gebracht haben. Um die Infizierten unterzubringen, mussten Spitäler weltweit Notfallzentren errichten. Auch wenn die Grippewelle noch nicht über sie hereingebrochen war, standen bald in vielen Städten Notlazarette bereit. (Im Bild: Eine Halle der Universität von Burlington im US-Bundesstaat Vermont) Mit Plakaten versuchte man, die Lage unter Kontrolle zu bringen. Wie hier in Seattle machten Polizisten an vielen Orten vor, wie man den Mundschutz richtig einsetzt. Denn übertragen wurde der Erreger durch winzige Tröpfchen beim Husten oder Niesen. Wer ihn nicht trug, wurde von seinen Mitmenschen auf das Versäumnis hingewiesen. Dieser Schaffner verweigert einem Mann ohne Maske das Einsteigen. Für den Hausgebrauch gab es spezielle Grippe-Masken. Ärzte sahen bei Infizierten gewisse Muster: Nicht nur starben ungewöhnlich oft vermeintlich robuste Menschen zwischen 20 und 40 Jahren. Auch hatte sich die Haut der Erkrankten oft dunkelblau verfärbt – Zeichen der Unterversorgung mit Sauerstoff, wie Witte sagt. Wegen des fast schon schwarzen Teints hätten sich die Menschen an die Pest erinnert gefühlt. (Im Bild: Hand mit Pest-Symptomen) Zeitgenössische Ärzte hielten ein «Grippe-Bakterium» für die Ursache, obwohl man diese Theorie damals schon anzweifelte. Der wahre Auslöser, das Influenza-Virus, sollte später entdeckt werden – 1933. Obwohl es nach wie vor Pandemien gibt, gehen Experten wie Silke Buda vom Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin nicht davon aus, dass sich Szenarien wie bei der Spanischen Grippe noch einmal wiederholen. Denn vor 100 Jahren seien die Umstände andere gewesen als heute. Viele Menschen hätten auch zusätzlich schon andere Krankheiten wie Tuberkulose gehabt. Zudem waren die Ärzte auch machtlos gegen die oftmals tödlichen bakteriellen Lungenentzündungen, die auf die Grippe folgten, weil es noch keine Antibiotika gab. (Im Bild: Penicillin-Werbung in einer deutschen Apotheke, 1954) Mehr über die schlimmste Grippe-Pandemie der Geschichte können Sie in Laura Spinneys Buch «1918 – Die Welt im Fieber» erfahren, das Ende Januar 2018 auf Deutsch erscheint.

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Millionen von Menschen starben Anfang des vergangenen Jahrhunderts an der Spanischen Grippe, insgesamt rund ein Drittel der Weltbevölkerung erkrankte an dem Virus. Seitdem sind hundert Jahre vergangen, und aus der Epidemie wurden einige Lehren gezogen.

Dennoch ist die Menschheit laut einer neuen Studie auf eine nächste grosse Grippe-Epidemie schlecht vorbereitet. Die Autoren warnen, der demografische Wandel, Antibiotika-Resistenzen und der Klimawandel könnten die Bekämpfung der Krankheit erschweren, sodass bis zu 150 Millionen Menschen sterben könnten.

Vorerkrankungen machen es kompliziert

«Wir stehen nun Herausforderungen gegenüber wie einer alternden Bevölkerung sowie Menschen mit Grunderkrankungen wie Fettleibigkeit und Diabetes», sagt Carolien van de Sandt vom Peter-Doherty-Institut für Infektionen und Immunität an der Universität von Melbourne der Nachrichtenagentur AFP.

Sie und ihre Kollegen haben für die Studie, die am Montag im Fachblatt «Frontiers in Cellular and Infection Microbiology» veröffentlicht wurde, einige grosse Grippe-Epidemien analysiert: die sogenannte Asiatische Grippe von 1957, die «Hongkong-Grippe» 1968 und die Schweinegrippe 2009. Ausserdem werteten sie riesige Datenmengen über die Spanische Grippe aus, die sich 1918 am Ende des Ersten Weltkriegs auf dem ganzen Erdball verbreitete (siehe Bildstrecke).

50 Millionen Tote weltweit

Weltweit starben etwa 50 Millionen Menschen und damit 2,5 Prozent der damals Erkrankten. Bei den Opfern handelte es sich besonders häufig um junge Menschen. Das Virus war auch deshalb so tödlich, weil Unterernährung infolge des Krieges besonders verbreitet war.

Die Wissenschaft geht davon aus, dass die nächste grosse Grippe-Epidemie anders verlaufen wird und es besonders ältere und chronisch kranke Menschen in den Industrieländern treffen wird. Schliesslich gibt es hier besonders viele Übergewichtige und Diabetiker. Kirsty Short von der University of Queensland sagt, diese Menschen seien besonders häufig schwer an der Schweinegrippe 2009 erkrankt.

Viele Risikofaktoren

Short, van de Sandt und ihre Kollegen sprechen von einer «doppelten Bürde»: Die Ausbreitung eines Grippevirus werde durch weit verbreitete Unterernährung in den Entwicklungsländern sowie durch die Überernährung in reicheren Ländern gefördert.

Und auch der fortschreitende Klimawandel könnte sich auf kommende Grippewellen auswirken. Van de Sandt weist darauf hin, dass viele Grippeviren-Stämme sich zuerst in Vögeln entwickeln. Der Klimawandel könne die Flugrouten von Vögeln verändern und damit «potenziell pandemische Viren in neue Orte bringen und potenziell eine grössere Bandbreite an Vogelarten» befallen.

Nicht ausser Acht gelassen werden darf auch das Risiko, das grippegeschwächte Patienten leichter an bakteriellen Infektionen erkranken. Diese können anders als das Grippe-Virus mit Antibiotika behandelt werden. Allerdings werden wegen des massenhaften Einsatzes von Antibiotika in der Medizin und der Tierzucht immer mehr Bakterien resistent. Damit steige das Risiko, dass Menschen bei der nächsten Grippe-Epidemie an bakteriellen Folge-Infektionen sterben, sagt Katherine Kedzierska vom Doherty-Institut in Melbourne.


Sieben Milliarden Menschen

Seit 1918 hat sich die Welt sehr verändert. Es gibt mittlerweile sieben Milliarden Menschen auf der Erde, zahlreiche dicht besiedelte Mega-Städte und einen regen erdüberspannenden Flugverkehr. Das erleichtert die Verbreitung von Grippeviren und einen universalen Impfstoff gegen die zahlreichen, sich ständig neu entwickelnden Varianten der Grippe gibt es noch nicht.

Van de Sandt und ihre Kollegen heben jedoch hervor, dass moderne Entwicklungen bei der Eindämmung künftiger Epidemien helfen könnten, wie etwa die schnelle Kommunikation via Internet. So könnten im Falle einer Pandemie schnell Warnungen und Verhaltensanweisungen verbreitet werden. Schliesslich laute eine der wichtigsten Lektionen aus der Spanischen Grippe, «dass eine gut vorbereitete Reaktion der Öffentlichkeit viele Leben retten kann».

(fee/afp)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Confus am 09.10.2018 19:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Alle Jahre wieder....

    Diese Info kommt wie immer genau dann, wenn die Impfkampagnen anlaufen, die vermutlich von den Pharmamultis gesponsert werden. Der nächste Artikel zum Thema Grippe befasst sich dann auch wie jedes Jahr mit den Impfverweigerern in den Gesundheitsberufen. Wollen wir wetten?

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  • Sophia am 09.10.2018 19:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    und sie kommt bestimmt

    Wir löschen uns selber aus. Die Verblödung der Menschheit hat ein Niveau erreicht, dass keine Alternative mehr zulässt. Es ist Zeit, dass gewisse Menschen merken, dass wir nur Gäste sind und das was wir besitzen nur geliehen ist.

  • Burebueb am 09.10.2018 19:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    weis nicht wo die Blumen sind.....

    unsere Mutter Erde reguliert sich seit Jahrmillionen selbst! Ende der Durchsage!......

Die neusten Leser-Kommentare

  • Beo Bachter am 10.10.2018 21:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ist dies neue Werbung für den Impfzwang?

    Oder soll der absehbare Versuch, den Impfzwang erneut einführen zu wollen, solchen Grippemutationen den Weg bahnen, um den Menschen an die Leistungen der Pharmamultis zu ketten? Nun denn, die der Pharmalobby zuge-hörigen Mitglieder der Legislative und Exekutive werden sich bald dazu äussern...

  • Avenarius am 10.10.2018 15:55 Report Diesen Beitrag melden

    Fake News !!

    Bei uns in der Umgebung gibt's die Grippe immer weniger. Saisonale Ernährung, bisschen Sport, Spass an der Arbeit und bisserl Lachen. Und weg ist sie.

  • outgriffin am 10.10.2018 13:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Grippe ist die meist unterschätzte Krankheit

    Eine richtige Grippe wird total unterschätzt. Die Auswirkungen auf das Gehirn sind beträchtlich. Und auf Kinder im Mutterleib. Es gibt Studien die aufweisen, das Schizophrenie und Depressionen gehäuft bei Menschen auftreten, die im Winter geboren sind und man folgerte schlussendlich das eine Grippe-Erkrankung der Mutter wohl schuld daran ist. Es ist auch extrem wie eine Grippe das Denkvermögen einschränkt und das noch Monate nachdem die eigentliche Krankheit auftritt. In Japan schützen schon seit Jahrzehnten Erkrankte ihre Mitmenschen in dem sie einen Mundschutz tragen. Das wird bei uns belächelt, wäre aber absolut notwendig. Fight the virus, not wars!!!

    • Walter am 10.10.2018 22:25 Report Diesen Beitrag melden

      Ich muss doch, sonst...

      Bei uns gehen die Lemminge noch mit 40 Grad Fieber an die Arbeit, um den Leasingvertrag von Auto, Laptop und TV nicht zu gefährden.

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  • cooltour am 10.10.2018 12:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    halbwahrheiten

    mal wieder unsäglich viele halbwahrheiten hier. ich lasse mich jedes jahr impfen und hatte seither noch nie eine grippe. d.h. aber nicht, dass ich keine erkältung, bzw. keine bakteriell bedingte infekte bekomme und gleichwohl dadurch krank werde. ich kanns schon gar nicht mehr hören: "ich war 3-5 tage im bett, ich hatte die grippe" nein...hattest du nicht. grippeähnliche symptome sind noch lange nicht viral. ach ja, eine impfung schwächt übrigens das immunsystem nicht. ganz im gegenteil

  • Rigorosa am 10.10.2018 11:00 Report Diesen Beitrag melden

    TWD rückt näher

    Das ist der Lauf der Welt. Wir sind viel zu viele und werden dadurch weniger. Einige impfen, was das Zeug hält, doch bald wird es keine wirksamen Impfstoffe/Antibiotika mehr geben für kommende Viren oder sie reichen nicht aus, um alle zu versorgen. The Walking Dead lässt grüssen....

    • cooltour am 10.10.2018 12:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Rigorosa

      antibiotika haben noch nie gegen viren geholfen.

    • Butter bei die Fische am 10.10.2018 12:59 Report Diesen Beitrag melden

      @cooltour

      Es gibt bis heute auch keinen wissenschaftlichen Beweis krankmachender Viren, niemand hat je eines gesehen - geschweige denn isoliert. Aber jeder soll das glauben. Sorry, Irrsinn.

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