Kirche und Menschenrechte

10. September 2017 08:32; Akt: 10.09.2017 08:32 Print

Wie christlich sind unsere Werte?

von Rolf Maag - Politiker behaupten immer wieder, die wichtigsten europäischen Werte, etwa die Menschenrechte, hätten christliche Grundlagen. Stimmt das?

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Kürzlich verlangte ein SVP-Politiker, in den Schulzimmern von Kriens müssten Kreuze hängen, weil «die öffentliche Schule ein Spiegelbild unserer christlich geprägten Identität, Kultur und Traditionen ist». Ähnlich argumentiert CVP-Präsident Gerhard Pfister, wenn er immer wieder die christlichen Werte hochhält. Was könnte damit gemeint sein?

Eine mögliche Antwort liefert ein Positionspapier des Dachverbands Schweizer Lehrerinnen und Lehrer aus dem Jahr 2008. Dort werden die Freiheit des Individuums, das Gebot der Chancengleichheit, das Prinzip des Ausgleichs zwischen Bedürftigkeit und Überfluss sowie die Garantie körperlicher und seelischer Unversehrtheit zu den nicht verhandelbaren Grundwerten mit angeblich christlicher Grundlage gezählt. All diese Werte und Ziele sind in den verschiedenen Menschenrechtserklärungen, etwa derjenigen der UNO aus dem Jahr 1948, verankert.

Intolerante Praxis

Sind die Menschenrechte christlich begründet? Wenn man die jahrhundertelange Praxis der christlichen Kirchen betrachtet, muss man das bezweifeln. Bis in die Neuzeit begegneten sie Andersdenkenden und -gläubigen mit äusserster Intoleranz. Als Beispiele können etwa die Zwangstaufen der Sachsen unter Karl dem Grossen, die Exzesse der Inquisition, die Verbrennung des Arztes Miguel Serveto in Calvins Genf oder die Wiedererrichtung des jüdischen Ghettos unter Papst Pius IX. im Jahr 1850 dienen.

Andererseits bemerkt der christlich gesinnte Politologe Hans Maier: «Menschenrechte und Menschenwürde sind nicht denkbar ohne das Werk christlicher Erziehung durch Jahrhunderte hindurch.» Er fügt allerdings hinzu: «Aber ebenso wahr ist, dass die Kirche auf Idee und Bewegung der Menschenrechte lange Zeit mit Skepsis, ja mit Ablehnung reagiert hat.» Haben die Kirchen vielleicht ihre eigenen Lehren falsch verstanden?

Gottesebenbildlichkeit

Diesen Eindruck könnte man gewinnen, wenn man einen Text liest, der ganz am Anfang der Bibel (1. Buch Mose, 1, 26) steht: «Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich. Sie sollen herrschen über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels, über das Vieh, über die ganze Erde und über alle Kriechtiere auf dem Land.» Manche meinen, die Idee der Menschenwürde habe ihre Grundlage in der hier beschriebenen «Gottesebenbildlichkeit».

Der Politologe Armin Pfahl-Traughber schreibt dazu: «Die Auffassung von der Ähnlichkeit des Menschen mit Gott bezieht sich auf das Verhältnis des Menschen zu Gott, hat somit eine religiöse Dimension. Es geht hier erkennbar eben nicht um das Verhältnis der Menschen zueinander in der realen Welt.» Jedenfalls fanden die Autoren der Bibel nichts dabei, dass zahlreiche Ebenbilder Gottes von ihresgleichen versklavt wurden.

Gleichheit vor Gott

Aber die Idee der Gleichheit der Menschen hat doch eine biblische Grundlage? Das scheint eine Aussage des Apostels Paulus, der einen grossen Einfluss auf die christliche Theologie hatte, nahezulegen: «Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid ‹einer› in Christus Jesus» (Brief an die Galater, 3, 28). Diese Gleichheit gilt aber nur für getaufte Christen, und auch das nur im Angesicht Gottes.

Dass auch Paulus nichts gegen die Sklaverei und somit gegen die irdische Ungleichheit einzuwenden hatte, belegt eine Passage im ersten Brief an die Korinther, 7, 20-22: «Jeder soll in dem Stand bleiben, in dem ihn der Ruf Gottes getroffen hat. Wenn du als Sklave berufen wurdest, soll dich das nicht bedrücken; auch wenn du frei werden kannst, lebe lieber als Sklave weiter. Denn wer im Herrn als Sklave berufen wurde, ist Freigelassener des Herrn. Ebenso ist einer, der als Freier berufen wurde, Sklave Christi.»

Wir alle sind Sünder

Die Vorstellungen von der Menschenwürde und den Menschenrechten sind deshalb nur schwer christlich zu begründen, weil wir angeblich alle Sünder sind, seit Adam die verbotene Frucht vom Baum der Erkenntnis kostete. Aufgrund dieser Erbsünde haben wir alle die ewige Verdammnis verdient, die Gott in seiner Barmherzigkeit jedoch einigen wenigen erspart.

Im Bewusstsein unserer Schlechtigkeit müssen wir auf Erden auch Regierungen ertragen, die uns ausbeuten und unterdrücken. Paulus sagt im Römerbrief (13, 1-2): «Jeder leiste den Trägern der staatlichen Gewalt den schuldigen Gehorsam. Denn es gibt keine staatliche Gewalt, die nicht von Gott stammt; jede ist von Gott eingesetzt. Wer sich daher der staatlichen Gewalt widersetzt, stellt sich gegen die Ordnung Gottes, und wer sich ihm entgegenstellt, wird dem Gericht verfallen.»

Säkularismus

Die Menschenrechte wurden von den Denkern der Aufklärung nicht christlich, sondern mit der natürlichen Gleichheit der Menschen begründet. Ausserdem ist die Schweiz seit der Totalrevision der Bundesverfassung im Jahr 1874 ein säkularer Staat. In einem solchen sollten aber die Normen, nach denen sich alle zu richten haben, auch ohne Rückgriff auf eine besondere religiöse Tradition begründet werden. Alles andere würde einer religiös pluralistischen Gesellschaft, in der auch sehr viele Menschen ohne Glauben leben, nicht gerecht werden.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Tom am 10.09.2017 08:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bitte mit der Bibel vergleichen

    Wen man etwas mit christlichen Werten vergleicht, sollte man es mit der Bibel vergleichen und nicht mit irgendwelchen Menschen!

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  • seven am 10.09.2017 09:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Amen

    Die Politik soll sich endlich und gesamthaft aus der Religion raushalten. Und die Religion soll sich aus der Politik komplett distanzieren.

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  • J. Schneider am 10.09.2017 08:55 Report Diesen Beitrag melden

    Unsorgfältig recherchiert...

    Ebenbildlichkeit Gottes gilt nicht "nur" für Christen, sondern für jeden Menschen. Deswegen heisst es auch, man soll niemanden umbringen. Die Gesetze im alten Testament waren für die damalige Zeit ähnlichen Gesetzgebungen weit voraus was Rechte für Sklaven und Frauen anbelangt. Vergleiche mal den Kodex Hammurabi mit dem mosaischen Gesetz. Das Doktrin der Erbsünde lässt nicht die Menschenwürde wegerklären. Ja im Namen Gottes wurde schlimmes gemacht - aber muss man nicht eher die Absicht anstatt die fehlgeleitete Praxis einzelner in so einem Artikel betrachten?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Dust1 am 12.09.2017 11:53 Report Diesen Beitrag melden

    Die Schlange ist das Ego

    Durch die Übersetzungen und Anpassungen, damit das Übersetzte einen Sinn ergibt, hat die Bibel einiges an Licht verloren und zu Missverständnissen geführt. Es gibt sicher noch Passagen die uns auch heute einiges lehren können. Vieles hat aber auch zu Leid geführt, da man die Bildsprache zu seinen eigenen Gunsten missbrauchte, auch weil man nicht alles verstand und sich darin eigene Interpretationen schufen konnte. Wenn wir schon Herrschen, dann habe wir auch eine Verantwortung gegenüber dem Planeten, trotzdem sind wir nicht mächtig, was die Erde uns immer wieder zeigt.

    • Bill am 12.09.2017 19:12 Report Diesen Beitrag melden

      @Dust1

      Wenn ich Ihren Kommentar richtig deute scheinen Sie aus irgend einem Grund davon auszugehen, dass die Bibel im Ursprung mal ein gutes Buch gewesen sein muss. Wären Sie so frei mir zu erklären warum Sie das so sehen?

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  • Ali ben Religio am 12.09.2017 10:23 Report Diesen Beitrag melden

    Es gibt die Naturgesetze!

    Alles andere ist 'Mumpitz' und 'Mummenschanz'! Alles klar?

  • Mensch am 12.09.2017 10:02 Report Diesen Beitrag melden

    Menschenverstand

    Von mir ausgesehen braucht es weder Gesetze noch Religionen, der Mensch sollte einfach wieder mit dem Gesunden Menschenverstand leben. Behandle deine Nächsten wie du behandelt werden willst ganz einfach. Das zählt auch für Tiere, Gegenstände und die Natur.

  • Peter Silie am 12.09.2017 09:57 Report Diesen Beitrag melden

    Trennen

    Eigentlich ganz einfach: In einer Institution die WISSEN vermittelt, hat GLAUBEN nichts verloren. Umgekehrt gilt: In der Kirche wird GLAUBEN praktiziert, hat mit WISSEN ebenfalls nichts zu tun. Trennt Religion von Bildung und Staat.

  • Peter am 12.09.2017 08:00 Report Diesen Beitrag melden

    Das Christentum hat vieles verhindert

    Eigentlich war es erst Napoléon der den Gedanke von Gleichheit und Freiheit jedes einzelnen in der Schweiz durchsetzte. Er hat dafür gesorgt, dass in der Schweiz das Untertanentum und die Leibeigenschaft abgeschafft wurde. Er ist der Urheber unserer Bundesverfassung. Erst mit dieser war eine Neuordnung in der CH möglich. Das Christentum ist für das sog. Mittelalter verantwortlich und hat in Europa vor allem Leid und Chaos ausgelöst. Während wir in der Schweiz Hexen verbrannten, betrieben die Holländer und Hanse Handel mit der ganzen damals bekannten Welt und sorgten für politische Stabilität.

    • Ueli am 12.09.2017 08:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Peter, stimmt

      Die letzte Hexenverbrennung in Europa war in Glarus. Aber immer noch trauert man in der Schweiz der brutalen Mentalität von 1291 nach.

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