Mythos Grenze

14. Oktober 2017 17:46; Akt: 14.10.2017 17:46 Print

Warum die Amerikaner in ihre Waffen vernarrt sind

von Rolf Maag - Das Massaker von Las Vegas wird vermutlich nichts an den US-Waffengesetzen ändern. Das ist teilweise historisch zu erklären.

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1996 kam es im australischen Port Arthur und im schottischen Dunblane zu Amokläufen, die 35 beziehungsweise 17 Todesopfer forderten. Sowohl Australien als auch Grossbritannien verschärften daraufhin die Waffengesetze erheblich. Seither hat sich in beiden Ländern nichts Vergleichbares mehr ereignet.

In den USA bildet das Massaker von Las Vegas nur den Höhepunkt in einer langen Reihe von ähnlichen Bluttaten. Dennoch konnte sich der Kongress bisher nicht dazu durchringen, den Zugang zu Schusswaffen gesetzlich zu erschweren. Dafür ist zu einem grossen Teil der Einfluss der Schusswaffenlobby verantwortlich. Dass deren Position so stark ist, dürfte aber auch durch die Geschichte des Landes zu erklären sein.

Westexpansion

Im Jahr 1893 hielt der Historiker Frederick Jackson Turner auf einer Tagung der American Historical Association einen berühmt gewordenen Vortrag. Darin behauptete er, man müsse über den Begriff der Grenze (frontier) nachdenken, wenn man verstehen wolle, wie Amerikaner typischerweise denken und handeln.

Die 13 Kolonien, die sich 1776 für unabhängig erklärten, lagen alle ganz im Osten des Landes. 1803 kauften die USA Frankreich Louisiana ab (ein riesiges Gebiet westlich des Mississippi, das nicht dem gleichnamigen Bundesstaat zu verwechseln ist), und 1846 bis 1848 besiegten sie Mexiko in einem Krieg. Dadurch erwarben sie enorme Territorien im Westen, die nur sehr dünn besiedelt waren, hauptsächlich von Ureinwohnern. Im Lauf des 19. Jahrhunderts stiessen immer mehr Glückssucher aus dem Osten, aber auch europäische Einwanderer dorthin vor.

Selbstbehauptung und Selbsthilfe

Die amerikanische Grenze verschob sich während dieser Zeit also immer mehr nach Westen. Dabei errichteten Siedler Vorposten in unwirtlichem Land, ohne sich dabei auf staatliche Hilfe stützen zu können. Wer hätte sie gegen Angriffe der Ureinwohner verteidigen sollen, die über den Landraub verständlicherweise nicht erfreut waren, wenn nicht sie selbst? Auf diese Weise wurde die Schusswaffe zu einem Symbol der Selbstbehauptung und Unabhängigkeit.

Die Grenze war nach Turner der «Ort der schnellsten und wirksamsten Amerikanisierung». Hier, wo «Zivilisation auf Barbarei» traf, hatten Turner zufolge «die ständige Wiedergeburt und der flüssige Zustand des amerikanischen Lebens» ihren Ursprung. Die Notwendigkeit, sich ständig unter unsicheren Bedingungen behaupten zu müssen, führte zu einer extremen Haltung des «Hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner» – notfalls auch mit Waffengewalt.

Der Einfluss Hollywoods

Natürlich entspricht die Lebenssituation heutiger Amerikaner nicht mehr derjenigen der Pioniere des 19. Jahrhunderts. Dass diese aber bis heute einen so starken Einfluss auf die Einstellungen vieler Amerikaner ausüben, liegt auch daran, dass Hollywood sie im 20. Jahrhundert in zahlreichen Western-Filmen glorifizierte.

Ein eindrückliches Beispiel dafür liefert «Der Mann, der Liberty Valance erschoss» aus dem Jahr 1962. Dort sagt der Cowboy Tom Doniphon (John Wayne) zu dem idealistischen Anwalt Ransom Stoddard (James Stewart): «Ich weiss, dass Ihnen diese Gesetzesbücher eine Menge bedeuten, aber nicht hier draussen. Hier draussen regelt ein Mann seine eigenen Probleme.» Erst als Stoddard vermeintlich den Bösewicht Liberty Valance erschiesst (in Wahrheit war es Doniphon), erwirbt er die Anerkennung seiner Umgebung und macht Karriere.

Liberalisierung statt Verschärfung

Eine Studie aus dem Jahr 2016 zeigt, dass Massaker mit Schusswaffen zwischen 1989 und 2014 in republikanisch dominierten Staaten mit einer Wahrscheinlichkeit von 75 Prozent zu einer Lockerung der Waffengesetze führten, während sie in den demokratisch kontrollierten keine Auswirkungen hatten. Angesichts der Kraft der amerikanischen Mythen und des verbreiteten Misstrauens gegenüber staatlichen Regelungen ist zu erwarten, dass es diesmal nicht anders sein wird.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Johnny Schmidt am 14.10.2017 17:59 Report Diesen Beitrag melden

    Das ist zu 70% einfach zu erklären

    und man muss ihnen gegenüber historisch fair sein. 'Der wilde Westen' - ausser die Region New York, Boston, New Jersey im Osten... wer der Westen vor 120 Jahren noch 'wildes Gebiet'... Sheriffs etc. mussten für Recht und Ordnung sorgen. Man hatte z.B. schon automatisch wegen der Wildnis ein Gewehr zuhause. Sich selber verteidigen...das wurde auch erwartet. Für die US-Amerikaner ist die eigene Waffe im Haus deswegen so selbstverständlich wie für die Schweizer der Armeedienst (ebenfalls historisch quasi seit 1815 zur Selbstverteidigung verlangt). Jede Nation hat ihre Geschichte, die sie prägt.

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  • Eid Genosse am 14.10.2017 18:19 Report Diesen Beitrag melden

    Absurde Linke

    Das 2nd Amendmend in der Verfassung der USA wurde deshalb in der Verfassung verankert, weil sich das Folk gegen den Staat auflehnen soll, wenn dieser zu einer Thyrannei wird. Da die Amerikanische Regierung einer Thyrannei wird/ist werden die Amis Ihre Waffen sicher nicht abgeben! Das ist genau so absurd wie die Forderung der EU, dass die Schweiz das Waffengesetz für gesetzestreue Bürger ändern soll, aufgrund des pariser Terrors. Anstatt die Grenzkontrollen zu verschärfen, dass keine illegalen Waffen mehr verschoben werden können oder den Schwarzmakt zu bekämpfen, wird das Folk bekämpft.

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  • Sarawak am 14.10.2017 18:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schweiz hat Waffentradition

    Die legalen und gesetzestreuen Bürger zu entwaffnen ist absurd. Da bleiben nur noch die Kriminellen welche Waffen besitzen. Aber in einem Land indem der Täterschutz wichtig ist, ist es auch möglich das nur noch Kriminelle bewaffnet sind.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Umberto am 15.10.2017 20:32 Report Diesen Beitrag melden

    Falsche Grundlagenannahmen

    Es mehren sich die Hinweise,dass es mehrere Schützen gab und dass dies eine Operation war,die weit im Voraus geplant war.Stephen Paddock war wohl beteiligt,aber er hat nicht allein gehandelt und die Massenmedien tun der Öffentlichkeit keinen Gefallen damit,dass sie alle Beweise ignorieren,wonach der Anschlag nicht die einsame Tat eines Einzelnen gewesen sein dürfte.Auch der Sheriff von Clark County glaubt,er hatte Hilfe.Und auf all das,sollen wieder Knebelgesetze folgen,zur Entwaffnung jeniger,die sich gegen Kriminelle wehren möchten.Alle Informationen frei zugänglich im Netz.

  • Julio Shim am 15.10.2017 17:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mexico

    Mit Geld lässt sich nicht nur Politiker kaufen. Auch Mexikaner werden Polizeikleider und Waffen verkauft die das Land nicht zur Ruhe bringen.

  • Pazi Fist am 15.10.2017 14:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Angst oder Machtgelüste

    Nur wer Angst hat wünscht sich Waffen oder solche, die andere dominieren wollen.

  • Fischli am 15.10.2017 14:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    WAffen 

    Was muss sonst noch passieren,dass in Amerika endlich das WAffengesetz verschärft wird

  • Hüngigängilerisegger Ramon am 15.10.2017 14:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Waffen bringen nix

    Je mehr Waffen, desto grösser das Gefahrenpotenzial. Einfache Daumenregel für Regierungen. Oder?