Frühe Spitzenforschung

03. Februar 2018 14:56; Akt: 03.02.2018 14:56 Print

Russe erweckt Kopf ohne Körper zu neuem Leben

von Fee Riebeling - Sergej Brjuchonenkos Hunde-Experimente waren nichts für schwache Nerven. Doch sie ebneten den Weg für lebensrettende Technologien.

Obwohl der Kopf vom Hundekörper abgetrennt war, regt er sich plötzlich wieder. (Video: Tamedia/American-Soviet Medical Society in New York/Brandon Films)
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Am 6. Mai 1953 führt US-Chirurg John Heysham Gibbon die weltweit erste erfolgreiche Operation am offenen Herzen durch. Dabei gelingt es ihm, den Atriumseptumdefekt (ein Loch in der Scheidewand zwischen den beiden Vorhöfen des Herzens) der 18-jährigen Patientin zu beheben.

Möglich macht ihm das eine Eigenentwicklung: eine Herz-Lungen-Maschine, welche die Pumpfunktion des Herzens sowie die Lungenfunktion für einen begrenzten Zeitraum ersetzt und so eine Operation am offenen Herzen überhaupt erst erlaubt.

Der Erste, der zu dieser Technik forscht, ist Gibbon jedoch nicht. Der eigentliche, wenn auch kaum bekannte Pionier auf diesem Gebiet, ist der Russe Sergej Brjuchonenko, wie es in «The Annals of Thoracic Surgery» heisst.

Erster Weltkrieg gab den Anstoss

Ausgelöst werden Brjuchonenkos Forschungen durch den Ersten Weltkrieg (1914 bis 1918). Als Assistenzarzt in einem Infanterie-Regiment begegnet er immer wieder Patienten, deren Lungen, Herzen und Gefässe im Kampf Schaden genommen haben – und er denkt über Möglichkeiten nach, wie man ihr Leben retten könnte.

Ab 1923 beginnt er auf diesem Gebiet zu forschen. Gemeinsam mit einem Kollegen entwickelt er einen Apparat für «künstliche Zirkulation mit Blut von Warmblütern», eine simple Art Herz-Lungen-Maschine, die er Autojektor tauft. Dieser soll ihm helfen, einen Organismus ohne eigenes Herz und eigene Lunge am Leben zu halten.

Trotz Blutungen ein Erfolg

Bereits das erste Experiment im Jahr 1926 ist vielversprechend: Zwar muss es aufgrund heftiger Blutungen des Versuchstiers unterbrochen werden. Aber zuvor gelingt es den Forschern, es während zwei Stunden mithilfe des Autojektors am Leben zu halten – etwas, was noch nie zuvor jemandem gelungen war.

Nach sieben weiteren Versuchen mit zum Teil ganzen Körpern hält Brjuchonenko fest: «Mit der Durchführung dieser Experimente wollten wir die prinzipielle Möglichkeit einer Operation am vorübergehend stillgelegten Herzen zeigen.» Das sei ihnen gelungen. Damit der künstliche Kreislauf aber tatsächlich angewendet werden könne, müsse die Technik noch verbessert werden.

Neues Leben im abgetrennten Kopf

1928 ist es dann so weit: Auf dem Kongress der Physiologen der Sowjetunion präsentiert Brjuchonenko seinen Autojektor dem Fachpublikum – mithilfe eines abgetrennten Hundekopfs (siehe Video oben).

Kurz nachdem der Apparat angeworfen wurde, zeigt der Kopf erste Lebenszeichen. Er interagiert sogar mit den Forschern: Piksen sie ihm ins Auge, blinzelt er. Träufeln sie ihm Zitronensäure auf die Nasenspitze, leckt er diese ab. Auch auf Licht und die Erschütterungen eines kleinen Hammers reagiert er.

Der endgültige Beweis

Doch damit nicht genug. In einem weiteren Experiment zeigt Brjuchonenko, dass seine Maschine auch einen ganzen Organismus am Leben halten kann:

Sergej Brjuchonenko erfand einen Lebensretter, doch niemand kennt ihn.

Dafür entziehen er und seine Kollegen einem betäubten Hund zunächst das Blut, was zu einem Stillstand der Vitalfunktionen führt. Nach zehn Minuten läuft der Autojektor an und pumpt frisches, mit Sauerstoff angereichertes Blut in den Körper.

Zunächst reagiert das Herz, dann Puls und Atmung. Als die Körperfunktionen wieder kräftig genug sind, schalten die Wissenschaftler die Herz-Lungen-Maschine aus. Dann übernimmt der Körper wieder und kurze Zeit später ist der Hund ganz der Alte. Damit ist der Beweis erbracht, dass der Autojektor funktioniert.

Dass Brjuchonenko trotzdem nicht in die Annalen einging, ist dem Zweiten Weltkrieg (1939 bis 1945) geschuldet, währenddessen viele seiner Aufzeichnungen verloren gingen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Derk am 03.02.2018 15:47 Report Diesen Beitrag melden

    Ich ...

    ... schwanke zwischen Ekel und Faszination

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  • Ella am 03.02.2018 15:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Respekt

    Auch wenn mir der Hund (oder die Hunde) leid tun und ich mir wünsche es gäbe eine Alternative zu Tierversuchen, find ich es absolut faszinierend, was sich Menschen vor so vielen Jahren schon überlegt haben. Da kommt man sich selbst schon ein bisschen schäbig vor ...

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  • Agent-Orange am 03.02.2018 15:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Igor bring mir das Hirn

    Würde mich interessieren, wie lang der Hundekopf bereits vom Körper abgetrennt war. Das Gehirn müsste doch bei ausbleibender Sauerstoffversorgung schon nach kurzer irreparablen Schaden erlitten haben. Das dann noch solche Reflexreaktionen möglich sind, erstaunt mich doch sehr.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Daniel Gerber am 03.02.2018 20:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Tiere

    Alle, die solche Versuche gutheissen, sollten ihre Haustiere dafür hergeben müssen!

  • Sagen wir den Tieren danke am 03.02.2018 20:11 Report Diesen Beitrag melden

    Licht und Schatten von med. Technologie

    Einerseits ist es schockierend, diese Bilder mitanzusehen. Es ist natürlich schwer zu ertragen, wenn man sieht, wie Tiere für solche Versuche benutzt werden und vielleicht auch leiden. Und trotzdem profitier(t)en schon sehr viele Menschen von den Erkenntnissen solcher Versuche,wie hier dieser Prototyp einer Herz-Lungen-Maschine zeigt. Aber auch zB. zu Knochenersatz-Materialien wurde und wird geforscht, auch an Tieren.Welche Materialien werden vertragen und wie gut?Wie viele von uns bekommen viele Jahre an Lebensqualität geschenkt zB. durch künstliche Gelenke, die auch an Tieren erprobt wurden?

  • cyberstad am 03.02.2018 20:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ganz die Alten

    Bei hirnlosen Menschen - und somit einem Grossteil der Weltbevölkerung - müsste Brjuchonenkos Experiment eigentlich einwandfrei funktionieren... und wir bleiben erst noch "ganz die Alten" wie der Hund, von dem hier berichtet wird.

  • Jetimary am 03.02.2018 19:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schlim

    Schlimm sowas anzusehen .

  • Zukunftsmusik am 03.02.2018 19:32 Report Diesen Beitrag melden

    Hinter unserem Rücken geht was ab...

    Wenn die Forscher im Jahr 1928 schon ein brauchbares und vor allem erfolgreiches Experiment durchgeführt haben, was werden die Forscher nach 90 Jahren im Jahr 2018 erfolgreich umgesetzt haben? Verschiedenste Lobbyisten der Forschung und Entwicklung im medizinischen Bereich, haben da garantiert die Finger im Spiel und verheimlichen Dinge die nicht an die Öffentlichkeit geraten sollten, da sonst jeder Mensch gesund und ohne Krankheiten sein Leben leben könnte. Wie unprofitabel wäre das denn? Billionen von Dollar würden nicht mehr in deren Taschen landen, und ihre ganzen Betriebe gehen Konkurs.