Entwicklung des Deutschen

04. November 2017 12:10; Akt: 04.11.2017 12:10 Print

So prägte Luther die deutsche Sprache

Blutgeld, Lockvogel, Herzenslust – diese Wörter sind keine Erfindung der Neuzeit. Sie stammen von niemand anderem als Martin Luther.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Nachdem sich Martin Luther auf dem Reichstag zu Worms geweigert hatte, seine kirchenkritischen Thesen zu widerrufen, wurde er für vogelfrei erklärt. Darauf liess ihn sein Landesherr, Kurfürst Friedrich der Weise von Sachsen, zu seinem Schutz auf die Wartburg bei Eisenach entführen, wo er am 4. Mai 1521 ankam. Er blieb fast ein Jahr lang dort.

In seinem Versteck war der Reformator aber nicht untätig. Er machte sich an eine Übersetzung des Neuen Testaments, die am 22. September 1522 erschien und daher als «Septemberevangelium» in die Geschichte einging. 1534 kam schliesslich die vollständige Bibel mit Altem und Neuem Testament in Luthers Übersetzung auf den Markt.

Bibel nur auf Lateinisch

Die katholische Kirche verwendete damals im Gottesdienst die Vulgata, also die allgemein gebräuchliche lateinische Version der Bibel. Übersetzungen in die Volkssprachen lehnte sie ab, weil diese zu primitiv seien und man daher mit Verfälschungen rechnen müsse. Ausserdem fördere die allgemeine Zugänglichkeit der Heiligen Schrift für Laien die Ketzerei. Dennoch erschien bereits 1466 in Strassburg die erste gedruckte deutsche Bibel, 20 weitere folgten noch vor Luther.

«Dem Volk aufs Maul schauen»

Diese hielten sich sklavisch an die Formulierungen und die Wortstellung des lateinischen Texts, der meist anstelle des griechischen beziehungsweise hebräischen Originals verwendet wurde. Luther dagegen orientierte sich an der Zielsprache Deutsch, weil er seine Bibelübersetzung in Predigten verwenden wollte und sie daher auch bei einem mündlichen Vortrag verständlich sein musste.

Dieses Prinzip erläuterte er 1530 in seiner Schrift «Sendbrief vom Dolmetschen»: «Man muss nicht die Buchstaben in der lateinischen Sprache fragen, wie man deutsch reden soll, wie diese Esel (= seine Kritiker) tun; sondern man muss die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gasse, den einfachen Mann auf dem Markt danach fragen und denselben auf das Maul sehen, wie sie reden, und danach übersetzen, so verstehen sie es denn und merken, dass man deutsch mit ihnen redet.»

Das Ende des Niederdeutschen

Zur Zeit Luthers gab es keine allgemein verbindliche deutsche Schriftsprache, sondern eine Reihe von teilweise sehr verschiedenen hoch- und niederdeutschen Schreibvarietäten, die von den Kanzleien, also den Schreibstuben der Fürsten und Reichsstädte, vorgegeben wurden. Massgebend für Luther war die Schreibnorm der sächsischen Kanzlei von Meissen.

Das hatte Folgen: Das enorme Prestige der Lutherbibel führte dazu, dass im niederdeutschen Raum (grob gesagt: alle Gebiete nördlich einer Linie von Aachen bis Frankfurt an der Oder) die einheimischen Schreibvarietäten aufgegeben und durch Luthers Ostmitteldeutsch ersetzt wurden. Weil man dort immer häufiger auch so sprach, wie man schrieb, sind die niederdeutschen (volkstümlich: plattdeutschen) Dialekte heute nahezu verschwunden.

Drastische Ausdrucksweise

Luther erwies sich bei der Übersetzung der Bibel als äusserst einfallsreich. Er prägte oder popularisierte eine ganze Reihe von Wörtern oder Wendungen, bei denen man nicht unbedingt auf ihn als Schöpfer tippen würde. Eine kleine Auswahl: Blutgeld, Feuereifer, Gegenbild, Herzenslust, Kleingläubiger, Mastvieh, Menschenfischer, Lockvogel, Dachrinne, wetterwendisch, friedfertig, nacheifern, plappern.

In seinen übrigen Schriften und Briefen drückte er sich teilweise äusserst drastisch aus. Das Oberhaupt der katholischen Kirche bezeichnete er als «Papstesel», «Gottesaffe» oder gar «Eselfurzpapst». Sogar Goethes berühmtes Götzzitat («Leck mich am Arsch») stellte er locker in den Schatten (in zeitgenössischer Orthografie): «Wir sind bald gescheiden (geschiedene Leute) wie ein reifer dreck (Scheissdreck) und weit arsloch.»

«Das beste Buch»

Die Lutherbibel war ein enormer Verkaufserfolg: Rund 600'000 Exemplare wurden allein bis zu seinem Tod im Jahr 1546 abgesetzt. Generationen von Schülern lernten mit ihr das Lesen von anspruchsvollen Texten. Spätestens am Ende des 18. Jahrhunderts war Luthers Sprache als die Wurzel des neueren Deutsch anerkannt.

Auch Leute, die ansonsten wenig mit dem Reformator anfangen konnten, versagten seiner sprachlichen Leistung ihre Anerkennung nicht. 1886 schrieb der Atheist und Religionskritiker Friedrich Nietzsche: «Das Meisterstück der deutschen Prosa ist deshalb billigerweise das Meisterstück ihres grössten Predigers: Die Bibel war bisher das beste deutsche Buch. Gegen Luthers Bibel gehalten ist fast alles Übrige nur ‹Literatur›.»

(rm)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Historiker am 04.11.2017 13:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Doch Neuzeit

    Oder eben doch "eine Erfindung der Neuzeit", wenn man sich vor Augen hält, dass die Entdeckung von Amerika und die Reformation, also ca. das Jahr 1500 als Beginn der Neuzeit angesehen wird.

  • Jürga Grunder am 05.11.2017 16:39 Report Diesen Beitrag melden

    Bei Luther fällt mir

    anderes ein und das ist nicht schmeichelhaft.

  • Deutlich am 04.11.2017 12:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Und

    Handyzombie gab es auch schon, nur wurde ihnen die Hand(y) abgehackt :(

Die neusten Leser-Kommentare

  • Jürga Grunder am 05.11.2017 16:39 Report Diesen Beitrag melden

    Bei Luther fällt mir

    anderes ein und das ist nicht schmeichelhaft.

  • Svdg am 04.11.2017 14:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ich spreche nicht diese Wörter aus

    Ich brauche keine diesen Wärter und auch nich ein mal ein Wort das es im Schweizerdeutsch gibt

    • Sofia am 05.11.2017 11:56 Report Diesen Beitrag melden

      Svdg

      Warum nicht. Wir sprechen doch fast alle Dialekt und schreiben in der Schriftsprache. Viele Wörter kannst du in der Schriftsprache gar nicht ausdrücken oder es tönt nur blöd. Also Dialekt. Was für ein Unterschied.

    einklappen einklappen
  • Historiker am 04.11.2017 13:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Doch Neuzeit

    Oder eben doch "eine Erfindung der Neuzeit", wenn man sich vor Augen hält, dass die Entdeckung von Amerika und die Reformation, also ca. das Jahr 1500 als Beginn der Neuzeit angesehen wird.

  • Tim am 04.11.2017 12:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Auch ohne Luther ging's

    Und wenn's nicht Luther gewesen wäre, hätte es ein anderer getan. Wegen des Buchdrucks war die Zeit einfach reif, die Sprache zu vereinheitlichen. Die Franzosen beispielsweise, haben auch Dialekte und da hat man auch die Sprache vereinheitlichen können. Ohne Luther. Man sollte das feiste Mönchlein nicht zu sehr loben.

    • Flo wagner am 05.11.2017 10:32 Report Diesen Beitrag melden

      Kleingeist

      Muss schon böse am Ego kratzen, wenn der eigene Nationalheld eine Erfindung eines deutschen ist. Wenn es keine Probleme gibt, macht man sich halt welche

    • Thomas am 05.11.2017 11:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Flo wagner

      Wenns den zuckerberg nicht gäbe hätt ein anderer facebook erfunden. Oh hatte es ja... ich bin jedenfalls dankbar eine solch komplexe und doch sehr präzise sprache sprechen zu dürfen. Danke herr luther. Grüsse

    • Chris am 05.11.2017 12:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Tim

      Hätte es jemand 10 oder 20 Jahre später gemacht, wäre die Deutsche Sprache und Geschichte nicht wie sie heute ist.

    • Junker Jörg am 05.11.2017 14:37 Report Diesen Beitrag melden

      Gepolter

      Hätte... Er hat, Menschlein. Woher der Zorn? Weil Luther kein Schweizer war?

    einklappen einklappen
  • Deutlich am 04.11.2017 12:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Und

    Handyzombie gab es auch schon, nur wurde ihnen die Hand(y) abgehackt :(