Vaterlandsliebe

01. September 2018 19:51; Akt: 01.09.2018 19:51 Print

Ist Patriotismus dasselbe wie Nationalismus?

von Rolf Maag - Patriotismus gilt als gut, Nationalismus als schlecht. Doch lassen sich die Begriffe überhaupt klar auseinanderhalten?

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Der englische Schriftsteller George Orwell, weltbekannt durch seinen Roman «1984», dachte in einem Text aus dem Jahr 1945 über die Begriffe Patriotismus und Nationalismus nach. Ein Nationalist, heisst es dort, «denkt ausschliesslich in Kategorien des Prestiges. Seine Gedanken kreisen immer um Siege, Niederlagen, Triumphe und Erniedrigungen.»

Im Unterschied dazu erfordere Patriotismus «Hingabe an einen besonderen Ort und eine besondere Lebensweise, die man anderen nicht aufzwingen will». Anders gesagt: Patrioten lieben ihr Land, achten aber auch die anderen. Nationalisten verherrlichen das Eigene und werten das Fremde ab.

Wohin gehört Donald Trump?

Donald Trump ködert seine Anhänger mit dem Slogan «Make America great again». Seiner Meinung nach ist er zweifellos ein Patriot. Ganz anders sieht das der Journalist und Politologe Peter Beinart. Trump, schrieb er kürzlich in der Zeitschrift «The Atlantic», sei ein «unpatriotischer Hypernationalist».

Trump glaubt, die USA seien von anderen Ländern seit langem ausgenützt worden. Er fühlt sich nun verpflichtet, diese Ungerechtigkeiten zu korrigieren. Deshalb versucht er andere Länder zu demütigen, die früher angeblich die USA erniedrigt haben. So soll etwa Mexiko nicht nur eine Mauer an seiner nördlichen Grenze hinnehmen, sondern sie auch noch bezahlen. Ebenso will er sich an den Europäern, Chinesen und anderen mit Strafzöllen für vermeintlich unfaire Handelspraktiken rächen. Weil es Trump nur um Triumphe über andere Länder zu gehen scheint, ist er zweifellos ein Nationalist in Orwells Sinn.

Kein Patriot

Doch ist er auch ein Patriot? Beinart zufolge nicht, denn Patriotismus erfordere die Fähigkeit, die eigenen Interessen etwas Grösserem unterzuordnen. Nach Auskunft seiner Beraterin Kellyanne Conway erwartet Trump, dass Leute, die in seiner Administration dienen, loyal gegenüber dem Land und loyal gegenüber der Administration sind. Nicht zufällig spricht er gern von «meinen Generälen». Er scheint Staatsangestellte als persönliche Angestellte zu sehen, die ihm zu bedingungsloser Treue verpflichtet sind. Beinart hat wohl recht, wenn er vermutet, dass Trump unfähig sei, zwischen dem Wohl der USA und dem Wohl von Donald Trump zu unterscheiden.

Keine empirische Basis

Doch vielleicht ist die ganze Diskussion auch müssig, denn Wissenschaftler weisen darauf hin, dass es keine klare empirische Basis für die Unterscheidung zwischen Patriotismus und Nationalismus gibt. So meint etwa Christopher Cohrs, Psychologe an der Universität Jena: «Menschen mit patriotischen Einstellungen lehnen Nationalismus nicht ab. Vielmehr geht beides oft Hand in Hand.»

Das hat vermutlich damit zu tun, dass Menschen vergleichend denken. Wenn sie eine positive Einstellung zu ihrem eigenen Land zum Ausdruck bringen wollen, tun sie das meist dadurch, dass sie andere Länder abwerten. In einer britischen Studie hielten bereits Sechsjährige die Menschen ihres Heimatlandes für freundlicher, sauberer und hilfsbereiter als Deutsche.

Demokratie und Rechtsstaatlichkeit

Der Psychologe Daniel Bar-Tal von der Tel Aviv University meint daher, es sei entscheidend, dass die Bürger eines Landes Demokratie und Rechtsstaatlichkeit wertschätzen. Zu diesen Werten könne sich auch derjenige bekennen, der sein eigenes Land eher nüchtern betrachte.

2001 wurde der damalige deutsche Bundespräsident Johannes Rau gefragt, ob man stolz darauf sein dürfe, ein Deutscher zu sein. Er antwortete: «Man kann nicht stolz sein auf etwas, was man selber gar nicht zustande gebracht hat, sondern man kann froh sein oder dankbar dafür, dass man Deutscher ist.» Für «Deutscher» liesse sich auch «Schweizer» einsetzen.