Antinatalismus

25. August 2018 21:19; Akt: 26.08.2018 22:41 Print

Gäbe es besser keine Menschen auf der Welt?

von Rolf Maag - Politiker beklagen immer wieder die zu tiefen Geburtenraten in den reichen Ländern. Es gibt aber eine Bewegung, die genau das gut findet.

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Im Jahr 2000 zog der CDU-Politiker Jürgen Rüttgers mit dem Slogan «Kinder statt Inder» in den nordrhein-westfälischen Wahlkampf. Damit meinte er, dass weniger Computerspezialisten aus Indien angeworben werden müssten, wenn die Deutschen mehr Kinder bekämen.

Politiker klagen generell gern darüber, dass in den reichen Ländern nicht genug Kinder geboren würden. Man werde deshalb immer mehr auf Immigration angewiesen sein, wenn man die Sozialwerke auf dem bisherigen Niveau halten wolle. Seit 1992 existiert aber eine Bewegung, die tiefe Geburtenraten nicht nur gut findet, sondern es sogar begrüssen würde, wenn die menschliche Fortpflanzung zum Stillstand käme.

Freiwillige Selbstauslöschung

Das Voluntary Human Extinction Movement (VHEMT, gelegentlich «vehement» ausgesprochen) folgt einem erstaunlichen Motto: «May we live long and die out» (Mögen wir lange leben und aussterben). Auf der Website der Bewegung ist zu lesen, dass es eine «vielversprechende Alternative zum Verschwinden von Millionen von Pflanzen- und Tierarten» gebe, nämlich «die freiwillige Selbstauslöschung einer einzigen Spezies, des Homo sapiens».

Lebende nicht betroffen

Die Mitglieder des VHEMT beeilen sich zu versichern, dass sie keineswegs für die Selbsttötung oder gar Tötung bereits lebender Menschen plädieren. Man solle vielmehr das Leben im Rahmen des Möglichen geniessen und sogar reichlich Sex haben, dabei aber darauf achten, dass nicht irrtümlicherweise ein Kind gezeugt werde. Diese negative Einstellung zur menschlichen Fortpflanzung wird Antinatalismus genannt.

Das Leben lohnt sich nicht

Der Belgier Théophile de Giraud ist der Sprecher des VHEMT im französischsprachigen Raum. Seines Erachtens gibt es neben der dem Menschen eigenen Zerstörungskraft ein weiteres Argument für den Antinatalismus: Das Leben sei nämlich gar nicht lebenswert.

Erstens überwiege der Schmerz immer die angenehmen Erfahrungen. «Vergleichen Sie einmal eine Migräne mit einem Orgasmus», sagte de Giraud kürzlich der «Zeit». Ausserdem sei es viel schwieriger und unwahrscheinlicher, glücklich zu werden, als unglücklich zu sein. Schliesslich werde die Zeit im Unglück ganz anders empfunden als im Glück: «Unglück dehnt die Zeit, Glück komprimiert sie.»

Prominenter Vorläufer

Für seine negative Sicht des Lebens kann sich de Giraud auf illustre Vorbilder berufen, etwa auf den Philosophen Arthur Schopenhauer, der von 1788 bis 1860 lebte. Schopenhauer zufolge leben wir in der schlechtesten aller möglichen Welten, denn wäre sie «noch ein wenig schlechter, so könnte sie schon nicht mehr bestehen».

Ähnlich wie de Giraud meint auch Schopenhauer, dass jede Güter-Übel-Bilanz immer zugunsten des Schlechten ausfalle, weil ein Übel «nie durch das daneben oder danach vorhandene Gute getilgt, mithin auch nicht ausgeglichen werden kann. Denn dass Tausende in Glück und Wonne gelebt hätten, höbe ja nie die Angst und Todesmarter eines Einzigen auf.» Alles Leben ist für ihn etwas, was nicht sein sollte, also ein Übel.

Naturkatastrophe Mensch

Die wenigsten dürften Schopenhauers und de Girauds düstere Sicht des Daseins teilen. Doch das VHEMT weist zweifellos zu Recht darauf hin, dass sich die Lebensweise des Menschen desaströs auf viele andere Arten auswirkt. So sind etwa in der Schweiz die wichtigsten Vogelarten des Kulturlandes seit 1990 um 30 Prozent zurückgegangen. Zahlreiche weitere Tier- und Pflanzenarten sind aufgrund menschlicher Aktivitäten vom Aussterben bedroht. Aus diesem Grund heisst eines der Bücher des österreichischen Evolutionsbiologen Franz Wuketits «Naturkatastrophe Mensch».

Ohne Mensch keine «Welt»

Und doch wäre es schade, wenn die Spezies Homo sapiens einfach verschwände. Es gäbe dann nämlich kein Wesen mehr, das über den Begriff «Welt» verfügt. Alle anderen Tiere haben keine Vorstellung davon, dass es neben ihren vertrauten Lebensräumen zahlreiche Ökosysteme gibt, in denen sie gar nicht lebensfähig wären.

Ohne Sinn und Wert

Ausserdem gäbe es dann niemanden mehr, der das Verschwinden des Menschen überhaupt als sinn- oder wertvoll empfinden könnte. Kategorien wie Sinn und Wert setzen voraus, dass man einer Sache Sinn verleihen und sie bewerten kann. Den nichtmenschlichen Tieren scheinen die dazu erforderlichen, äusserst komplexen Hirnstrukturen zu fehlen. Es ist doch faszinierend, dass die Evolution ein Lebewesen hervorgebracht hat, das sich nicht nur ihrer bewusst geworden ist, sondern auch zur Welt als einem Ganzen Stellung beziehen kann.

Vielleicht liesse sich das Motto des VHEMT ja retten, wenn man es etwas abschwächen würde: Mögen wir lange leben und deutlich weniger werden.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • PascalMySelf am 25.08.2018 21:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das Leben lohnt sich sehr wohl...

    ... aber ich gebe dieser Bewegung recht, dass wir eindeutig zu viele und durchaus auch eine Naturkatastrophe sind.

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  • Mutter Natur am 25.08.2018 21:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nur Tiere

    Ich bin der Meinung, dass der Mensch kein Raubtier ist, sondern ein Monster. Für Geld wird alles gemacht. Getötet, zerstört, brutal ohne Gewissen. Daher stimmt für mich die Aussage, dass die Welt ohne Menschen besser dran wäre.

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  • Bujo am 25.08.2018 22:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Null % Wachstum

    Die hälfte Menschen würde genügen. Probieren wir es doch mal mit null % Wirtschaftswachstum. Stillstand von Wachstum, rückgang der Arbeiterschaft durch effizients Steigerung. Für alle hier würde mehr bleiben. Mein Grossvater hat immer gesagt, so kann es nicht weiter gehen. Mehr Wachstum, mehr Leistung, mehr effizients. Bis anhin ist es immer weiter gegangen. Wie lange noch. Wir haben soviel Wohlstand erarbeitet das schon viele in den Suizid getrieben hat im ständigen Verlangen nach noch mehr. Schöne heile Welt

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Die neusten Leser-Kommentare

  • K.Rebs am 28.08.2018 19:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Menschengehabe

    Ja,das denke ich jeden Tag,wenn ich mir die Menschen und ihr Gehabe so anschaue.Ohne uns wäre die Welt perfekt.

  • Paulo am 28.08.2018 12:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Der Wandel ins nichts

    Naja, wo liegt denn das wahre Proplem? Es liegt in der Langzeit Planung und an der Objektivität der Europäischen Länder. Wenn jede Frau die ein Kind bekommt, pro Kind jeden Monat bis zur vollendung der Lehre, jeden monat 1000 sfr bekommen würde, hätte Europa keine Geburten Armut. Aber eben, man invistier lieber Milliaren an Fremde als ins eigene Volk. Das End Problem an der Geschichte ist aber, am schluss gibt es kein Volk mehr und es geht mehr verlohren als gewonnen wird.

  • herr no name am 28.08.2018 12:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    dem kann man nur zustimmen

    mein bruder und ich haben seit jahren eine stille übereinkunft den zweig der familie aussterben zu lassen.. weil wir das tun wird der zweig bis auf den urgrossvater zurück ausgelöscht also einfach der nachname.. und das geschiet weil wir festgestellt haben das aus dem zweig nur probleme der ganz massiven art entstehen.. wir haben beide massive psychische probleme.. unser grossvater hat sich erschossen.. es sind leute verunglückt.. oder hatten riesiges pech.. also nur probleme.. die entscheidung ist richtig denn es ist anzunehmen das nichts schlaues entsteht dabei.. zudem ist es eine zumutung kinder in diese welt zunsetzen

  • Linus am 28.08.2018 12:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    I weis ned so recht

    Antinatalismus? Der heutige ZeitGeist ist komisch. Es wird einem durch die Eliten Suggeriert man sei schuld an allem und es habe zuviel Menschen auf dem planeten, die wir alle Retten müssen. Durch Nationalismus ist es erst möglich gewesen das Europa zu Reichtum und all seinen Erfindungen gekommen ist, was wir heute haben und wie wir Leben können. Aber das wird heute alles Blindlings verschenkt. in 30 Jahren werden alle Europäer reumütig zurück blicken und sich fragen, wie konnten wir nur so naiv sein und diesen Antinatalismus weg einschlagen.

  • Reto am 27.08.2018 20:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Weniger ist mehr!

    Auf jeden Fall wäre es besser! Jedoch bin ich der Meinung, weniger ist mehr! Gilt auch für die Menschen. Weniger, viel weniger Menschen wäre viel besser!!