Giovanni Stucky

29. Juli 2018 14:17; Akt: 29.07.2018 14:17 Print

So wurde ein Schweizer zum reichsten Venezianer

von Fee Riebeling - Als Hans Stucky nach Venedig kam, besass er nicht viel. Doch sein Sohn Giovanni stellte bald mit seinem Vermögen alle in den Schatten.

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Das Molino Stucky Hilton ist heute eines von Venedigs grössten Hotels. Es befindet sich auf Giudecca, der langgestreckten Insel südlich der Stadt Venedig. Gebaut wurde das backsteinerne Gebäude im vergangenen Jahrhundert von dem reichsten Mann der Lagunenstadt, ... ... dem Schweizer Giovanni Stucky. Seine Büste ziert heute den Innenhof des Hotels. Giovannis Vater – Hans Stucky, ein gebürtiger Münsinger – hatte sich 1841 nach 12-jähriger Wanderschaft in Venedig niedergelassen, zunächst als Angestellter, dann als Leiter einer Mühle. Schliesslich machte er sich als Müller selbstständig. Sein Sohn Giovanni folgte seinem Beispiel: Wie der Vater ging auch er auf Wanderschaft, um das Müllerhandwerk zu lernen. Das neue Wissen setzte er nach seiner Rückkehr direkt um: So stattete er seine sechs Mühlen mit modernen Walzen aus. Und die Rohstoffe bezog er neu dort, wo sie am günstigsten waren. (Im Bild: Giovanni Stucky mit seiner Frau, Tochter und Mutter, v.l.) Das zahlte sich aus: Bald kaufte er eine Teigwarenfabrik dazu. Im Jahr 1890 gab Giovanni dann in Auftrag, ein altes Kloster zu einer Fabrik auszubauen, ... (Im Bild: Fabrik und Teigwarenfabrik) ... die noch höher sein sollte als der Dogenpalast – der Molino Stucky auf Giudecca. (Im Bild: der Dogenpalast im Jahr 1815) Privat leistete er sich unter anderem eine Villa in Mogliano Veneto, den Hamptons Italiens, und ... ... kaufte den Palazzo Grassi, den grössten und modernsten Palast am Canale Grande. Eigentlich hatte er sich, wie es für erfolgreiche Kaufleute in Venedig üblich war, den Palast am Kanal selbst bauen wollen, doch es hatte keinen Platz mehr. Es war der Höhepunkt seines Erfolgs. Doch mit dem heimtückischen Mord an Giovanni im Jahr 1910 endete der steile Aufstieg der Stucky-Dynastie. (Im Bild: der Mörder Giovanni Bruniera, auch Fàtuto gennant) Zwar übernahm dessen Sohn Giancarlo die Geschäfte, doch es ging nur noch bergab – weil Giancarlo das kaufmännische Geschick seines Vaters fehlte und ... ... weil ihm der Erste Weltkrieg und ... (Im Bild: Deutsche Flieger lassen Bomben auf Venedig fallen, 1918) ... die Machtergreifung der Faschisten im Jahr 1922 einen Strich durch die Rechnung machten. (Im Bild: der italienische Diktator Benito Mussolini mit Gefolgsleuten) Richtig eng wurde es für Stucky, als Benito Mussolinis Finanzminister Giuseppe Volpi die Aufwertung der Lira veranlasste. Dadurch wurde es für Stucky immer schwieriger, Produkte abzusetzen. Bald schon musste er seine Niederlassungen in Argentinien, den USA, Ägypten und England schliessen. Als Mussolini 1925 zur Weizenschlacht aufrief – eine Propagandaaktion, mit der die inländische Produktion von Rohstoffen gefördert werden sollte –, war kaum noch etwas zu retten, denn das Geschäft der Stuckys basierte darauf, den Weizen für die Mühlen billig im Ausland zu beziehen. (Im Bild: Mussolini bindet mit nacktem Oberkörper Weizen, um Werbung für seine Aktion zu machen) Um dem etwas entgegenzusetzen, setzte Giancarlo auf eine Erweiterung der Palette: Neben Mehl und Pasta bot er auch Batterien, Taschenlampen und Textilien an, aber trotzdem: Das Geld reichte nicht. Giancarlos letzte Hoffnung für die während des Krieges erlittenen Schäden – drei seiner Anwesen waren zerstört worden – war es, vom italienischen Staat entschädigt zu werden. Doch dazu kam es nicht, weil die Zahlungen Italienern vorbehalten waren. Er selbst war aber wie sein Vater und Grossvater immer Schweizer geblieben. Dass Giancarlo die Kriegsanstrengungen der Italiener auf seine Weise unterstützt hatte, zählte nicht: Mit seiner Mühle und seiner Fabrik unterstützte er die Stadt und die Truppen. Dank den Schweizer Flaggen auf dem Dach hatten die Gebäude den Krieg nämlich nahezu unbeschadet überstanden. 1936 war das Vermögen der Stuckys endgültig verloren. Um einem Bankrott zu entgehen, stimmte Giancarlo einer Cessio bonorum (Güterabtretung) nach dem römischen Recht zu, worauf sein gesamtes Hab und Gut an die Gläubiger ging. Er musste mit seiner Mutter in eine kleine Mietwohnung ziehen. Vier Jahre später verfasste Giancarlo sein Testament. Darin heisst es: «Nach dem Vorbild meines Vaters war Geld für mich immer Mittel zum Zweck. Ohne es zu wollen, habe ich mein Vermögen verloren. Ich bin der letzte Stucky aus Venedig und ... ... wünsche, dass dieser angesehene Name nach meinem Tod nur noch auf dem Friedhof von San Michele zu lesen ist, auf dem meine Eltern ruhen, die ich über alles geliebt habe.» Kurz darauf verstarb er. Ob durch eigene Hand oder auf natürliche Weise, konnte nie geklärt werden. Noch vor Giancarlos Tod waren Mühle und Fabrik an die Familie von Finanzminister Giuseppe Volpi gegangen. Doch 1955 musste die Produktion eingestellt werden, woraufhin der Prachtbau lange leer stand. Im Jahr 2000 wurde dann begonnen, ihn in ein Wohnhaus mit integriertem Hotel umzubauen. Während der Bauarbeiten brach im April 2003 ein Feuer aus. Der für das Hotel vorgesehene, architektonisch interessanteste Teil des Gebäudes – der ehemalige Kornspeicher – wurde zu einem Grossteil zerstört. Die Aussenwand am Rio di San Biagio brach ein und stürzte in den Kanal. Es wurde wegen des Verdachts auf Brandstiftung ermittelt. Wenige Wochen später wurde mit der äusseren Rekonstruktion der beschädigten Gebäudeteile begonnen, wobei man jedoch von den ehemals strengen Auflagen der Denkmalpflege im Inneren befreit war. Im Jahr 2007 feierte schliesslich das Molino Stucky Hilton Eröffnung. (Im Bild: die Dachterasse des Hotels) Auch der Palazzo Grassi ist heute zugänglich. Nachdem die Immobilie zunächst an einen Geschäftspartner Giuseppe Volpis gegangen war, gelangte sie erst in den Besitz des Fiat-Konzerns. Seit 2006 befindet sich darin die Kunstsammlung von ... ... Francois-Henri Pinault, einem französischen Manager und Ehemann von Schauspielerin Salma Hayek. (Im Bild: das Ehepaar bei einer Filmpremiere in London, 2017)

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Am 21. Mai 1910 spielten sich am Bahnhof Venezia Santa Lucia grauenhafte Szenen ab: Giovanni Stucky, der reichste Mann Venedigs, wollte gerade seinen Zug nach Portoguaro besteigen, als es geschah.

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Aus dem Nichts stürmte ein Mann auf ihn zu und durchtrennte ihm mit einer Rasierklinge Halsschlagader und Kehlkopf. Stucky starb noch an Ort und Stelle – und Venedig verlor seinen grossen Wohltäter.

Der Müller aus der Schweiz

Giovanni war der Sohn von Hans Stucky, der sich Anfang des 19. Jahrhunderts von Münsingen im Kanton Bern aus gen Süden aufmacht hatte. Nach 12-jähriger Wanderschaft liess er sich 1837 in Venedig nieder.

Arbeit fand er in der einzigen Mühle der Stadt, deren Leitung er bald übernahm. Doch dem ehrgeizigen Hans reichte das nicht. Er pachtete kurzerhand zwei Mühlen und machte sich selbstständig.

Was damals noch keiner ahnte: Es sollte der Grundstein für eine überaus erfolgreiche, aber auch überaus kurze Dynastie sein. Massgeblich am Aufstieg der Familie beteiligt war Hans' Sohn Giovanni.

Wichtige Neuerungen

Wie sein Vater vor ihm ging auch Giovanni auf Wanderschaft, um das Müllern von der Pike auf zu lernen. Anschliessend wandte er sein neues Wissen gewinnbringend an: Er pachtete sechs Mühlen und tauschte die alten Mühlsteine gegen moderne Walzen aus, die das Mehl weisser und feiner machten. Die Rohstoffe bezog er nicht mehr in der Region, sondern dort, wo sie am günstigen waren.

Zu den Mühlen gesellte sich bald auch eine Teigwarenfabrik mitsamt 100 Mitarbeitern. Im Jahr 1890 gab er dann den Auftrag, ein ehemaliges Kloster zu einer Fabrik auszubauen, eine Industriekathedrale, die noch höher sein sollte als der Dogenpalast.

Trotz Widerständen gegen das Vorhaben feierte der Molino Stucky – Venedigs erstes Gebäude mit elektrischer Beleuchtung – am 13. April 1897 Eröffnung. Im selben Jahr wurde Giovanni zum reichsten Mann der Lagunenstadt erklärt.

Luxus für alle

Wie gross sein Vermögen war, ist nicht bekannt. Es dürfte immens gewesen sein, denn auf den Bau der Fabrik folgten der Kauf einer privaten Villa in Mogliano Veneto, den italienischen Hamptons, sowie der Erwerb des Palazzo Grassi, des grössten und modernsten Palasts am Canale Grande. Zusätzlich erstand er noch 1700 Hektaren Land in Portoguaro, auf denen er Weizen anbauen liess.

Als Patron alter Schule schaute er aber auch gut zu seinen Arbeitern: Anlässlich des 25-jährigen Firmenjubiläums versprach er ihnen eine Rente auf Lebenszeit. Den Bauern, die seine Felder in Portoguaro bestellten, verschaffte er anständige Häuser und baute Strassen.

Die Wirren des 20. Jahrhunderts

Doch mit dem Mord an Giovanni im Jahr 1910 endete die Glückssträhne der Familie Stucky. Zwar übernahm dessen Sohn Giancarlo die Geschäfte, doch es ging nur noch bergab. Einerseits weil Giancarlo das kaufmännische Geschick seines Vaters fehlte und er den falschen Menschen vertraute, andererseits weil ihm der Erste Weltkrieg (1914-1918) und die Machtergreifung der Faschisten im Jahr 1922 einen Strich durch die Rechnung machten.

Die Situation der Stuckys spitzte sich weiter zu, als Benito Mussolinis Finanzminister Giuseppe Volpi die Aufwertung der Lira veranlasste. Dadurch bekam Giancarlo zunehmend Probleme, seine Produkte abzusetzen, und er musste die Stucky-Niederlassungen in Argentinien, den USA, Ägypten und England schliessen.

Als Mussolini auch noch zur Weizenschlacht aufrief – eine Propagandaaktion, mit der die inländische Produktion von Rohstoffen gefördert werden sollte –, war kaum noch etwas zu retten, denn das Geschäft der Stuckys basierte darauf, den Weizen für ihre Mühlen billig im Ausland zu beziehen.

Die Stuckys sind ruiniert

Giancarlos letzte Hoffnung für die während des Krieges erlittenen Schäden – drei seiner Anwesen, nicht aber die Fabrik, waren zerstört worden – war es, vom italienischen Staat entschädigt zu werden. Doch dazu kam es nicht, denn die Zahlungen waren Italienern vorbehalten. Er selbst war aber wie sein Vater und Grossvater immer Schweizer geblieben.

1936 war das Vermögen der Stuckys endgültig verloren. Um einem Bankrott zu entgehen, stimmte Giancarlo einer Cessio bonorum (Güterabtretung) nach dem römischen Recht zu, worauf sein gesamtes Hab und Gut an die Gläubiger ging. Er musste mit seiner Mutter in eine kleine Mietwohnung ziehen.

Natürlicher Tod oder Suizid?

Vier Jahre später verfasste Giancarlo sein Testament. Darin heisst es: «Nach dem Vorbild meines Vaters war Geld für mich immer Mittel zum Zweck. Ohne es zu wollen, habe ich mein Vermögen verloren. Ich bin der letzte Stucky aus Venedig und wünsche, dass dieser angesehene Name nach meinem Tod nur noch auf dem Friedhof von San Michele zu lesen ist, auf dem meine Eltern ruhen, die ich über alles geliebt habe.»

Nur kurz darauf verstarb er. Ob durch eigene Hand oder auf natürliche Weise, konnte nie geklärt werden.


(Video: Youtube/ARTEde)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Roman am 29.07.2018 17:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Toller Artikel

    Gratulation, ein wirklich lesenswerter Artikel. Bitte macht weiter so. Und bitte keine Videoartikel mehr. Danke

    einklappen einklappen
  • das muss man sich mal vorstellen am 29.07.2018 15:05 Report Diesen Beitrag melden

    einst reichster Mann Venedigs

    Die Tragik der Stuckys geht unter die Haut. Soviel Mühsal und Arbeit für den Aufbau und durch Mörderhand am Bahnhof von Santa Lucia zunichte gemacht. Wer kann schon so ein mächtiges Erbe von Vater Stucky antreten und verwalten..? Nicht nur die Familie, auch die vielen Angestellten haben ihren Patron bestimmt schmerzlich vermisst.

  • Eva Schweizer am 29.07.2018 15:33 Report Diesen Beitrag melden

    Hübsches Hotel

    Wir waren vor zehn Jahren ein paar Tage in der Villa Stucky, ein sehr nettes Hotel und angenehm ruhig - auch viel günstiger als alle Hotels in Venedig, welches mit der Regionalbahn sehr gut erreichbar ist.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Lilo am 30.07.2018 08:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Stucky

    Doku ist auf arte vom 22.7. zu sehen. Die beste Doku die ich je gesehen habe. Sehr zu empfehlen. Aufstieg und Niedergang einer Dynastie, ist der Titel.

  • m.s. am 29.07.2018 21:18 Report Diesen Beitrag melden

    Stucky

    Schöne Geschichte und doch irgendwie traurig.

  • Corrado Marinaro am 29.07.2018 19:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Adam

    So gesehen hat Alles Adam erfunden, und das war sicher kein Schweizer.

    • Jörg Frei am 29.07.2018 20:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Corrado Marinaro

      genau

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  • Lucullus am 29.07.2018 18:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Korruption

    Der italienische Staat ist immer noch ein aufgeblasener, ineffizienter und in weiten Teilen korrupter Apparat. Bedenklich ist, dass vielerorts in Italien der Duce immer noch verehrt wird.

    • Mike am 30.07.2018 15:52 Report Diesen Beitrag melden

      Ich auch !

      Viele Feinde, viel Ehre !

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  • Martial2 am 29.07.2018 17:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Tolle Stadt die gerettet gehört...

    Eine sensationelle Stadt wir waren mehrmals dort, jedes Mal entdeckten wir was anders. Meine Frau spricht perfekt italienisch, so das wir öfters bei einheimischen eingeladen wurden, selbst in einer Bar vom Syndaco mit feiner Grappa! Diese Menschen sind formidabile!!