Vor 50 Jahren

19. August 2018 14:08; Akt: 19.08.2018 14:08 Print

Das Ende des Prager Frühlings

von Rolf Maag - Am 21. August 1968 marschierten Truppen des Warschauer Paktes in Prag ein. Das war das Ende des Traums vom demokratischen Sozialismus.

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Im Jahr 1968 demonstrierten zahlreiche Studenten in den Strassen der Städte Westeuropas und der USA immer wieder, vor allem gegen den US-amerikanischen Krieg in Vietnam. Dabei liessen sie oft den nordvietnamesischen Anführer Ho Chi Minh hochleben. Doch gelegentlich war auch der Ruf «Dubcek, Svoboda!» zu vernehmen.

Damit gemeint waren Alexander Dubcek, Generalsekretär der tschechoslowakischen kommunistischen Partei (KPC) seit dem 5. Januar 1968, und Ludvik Svoboda, Präsident der Tschechoslowakei (CSSR) seit dem 30. März desselben Jahres. Diese beiden Männer verkörperten die Hoffnung auf einen demokratischen Umbau der kommunistischen Staaten Osteuropas.

Aktionsprogramm

Auf Dubceks Initiative hin verkündete das Zentralkomitee der KPC im April 1968 ein Aktionsprogramm. Es sah Gleichberechtigung und Autonomie für Dubceks slowakische Heimat sowie die Demokratisierung des politischen und wirtschaftlichen Systems vor. In spätestens zehn Jahren sollten freie Wahlen stattfinden.

Im Juni wurde sogar die Zensur der Medien vollständig aufgehoben. Die Zeitungen der CSSR veröffentlichten nun auch Äusserungen sowjetischer und anderer Dissidenten. Aus anderen Staaten des Ostblocks strömten zahlreiche Menschen nach Prag, um die freiheitliche Atmosphäre des «Prager Frühlings» zu geniessen. Sein Ziel wurde als «Sozialismus mit menschlichem Antlitz» beschrieben.

Misstrauen bei den anderen

Wenig überraschend erregten diese Entwicklungen den Argwohn der Führer der übrigen Staaten des Warschauer Paktes. Sie befürchteten, dass sich ihre Bürger von diesen freiheitlichen Ideen anstecken lassen könnten.

Im Mai wurde Dubcek nach Moskau zitiert. Den dort versammelten Staatschefs versicherte er, die CSSR werde ihre Verpflichtungen gegenüber den Bruderstaaten niemals verletzen. Ausserdem bleibe das Machtmonopol der KPC unangetastet. Doch seine Kollegen glaubten ihm nicht.

Breschnew-Doktrin

Am 3. August trafen sich die starken Männer des Warschauer Paktes erneut, diesmal in Bratislava. Dort verkündete der sowjetische Staatschef Leonid Breschnew die Doktrin, die seither mit seinem Namen verknüpft ist: «Jeder kommunistischen Partei steht es frei, die Grundsätze des Marxismus-Leninismus und Sozialismus in ihrem eigenen Land anzuwenden, aber es steht ihr nicht frei, von diesen Grundsätzen abzuweichen, wenn sie eine kommunistische Partei bleiben will ... Die Schwächung eines Gliedes im Weltsystem des Sozialismus betrifft alle sozialistischen Länder, daher kann ihnen das nicht gleichgültig sein.»

Ruf nach Intervention

Was Dubcek nicht wusste: Noch vor Breschnews Rede hatten fünf seiner Genossen aus dem Präsidium der KPC den Sowjets einen Brief zugespielt, in dem sie eine Intervention verlangten, weil die kommunistische Ordnung in der CSSR unmittelbar bedroht sei. Damit hatte die Führungsmacht des Ostblocks den Vorwand für ein militärisches Eingreifen, nach dem sie schon lange gesucht hatte.

Der Einmarsch

Am 21. August 1968 marschierten an die 500'000 Soldaten aus der Sowjetunion, Polen, Ungarn und Bulgarien in der CSSR ein. DDR-Truppen waren ebenfalls beteiligt, beschränkten sich aber auf die Sicherung des Nachschubs und des Hinterlands, weil sonst wohl manche Parallelen zum Einmarsch der Wehrmacht in Prag im März 1939 erkannt hätten.

Die Invasion traf zwar auf massive Strassenproteste, aber auf keinen bewaffneten Widerstand. Dubcek wurde verhaftet und nach Moskau gebracht, aber nach einer Loyalitätserklärung
zunächst im Amt belassen. Seine Absetzung erfolgte erst im April 1969. Svoboda blieb noch bis 1975 Staatspräsident, dann wurde auch er aus gesundheitlichen Gründen aus dem Amt entfernt.

Die Folgen

Unter Dubceks Nachfolger Gustav Husak begann eine bleierne Zeit. Das Aktionsprogramm wurde eingestellt, die Zensur wieder eingeführt. Intellektuelle, die sich während der Reformzeit zu weit aus dem Fenster gelehnt hatten, mussten nun Fenster putzen oder Ziegel stapeln, aufmüpfige Studenten wurden der Universität verwiesen.

Wie verzweifelt manche über den Umsturz der Verhältnisse waren, zeigte sich am 16. Januar 1969. An diesem Tag setzte sich der 20-jährige Student Jan Palach auf der Treppe des Nationalmuseums am Prager Wenzelsplatz in Brand. Drei Tage später erlag er seinen Verletzungen.

Bilanz

Dubcek und seine Weggefährten gaben sich 1968 zwei verhängnisvollen Illusionen hin. Einerseits meinten sie, die autoritären Strukturen des real existierenden Sozialismus liessen sich aufbrechen, ohne dass die kommunistische Partei ihren Machtanspruch aufgeben müsste.

Andererseits waren sie überzeugt, die Sowjetunion würde nichts unternehmen, solange sich die CSSR nicht vom Warschauer Pakt lossagen und ihre Neutralität verkünden würde, wie das Ungarn 1956 getan hatte. Doch Breschnew und seinen Kollegen war klar, dass die Entwicklungen in der CSSR für sie selbst gefährlich waren. Aus ihrer Sicht mussten sie handeln.

Der Historiker Tony Judt zieht ein bitteres Fazit dieser Ereignisse: «Alexander Dubcek und sein Aktionsprogramm waren kein Anfang, sondern ein Ende. Nie wieder überliessen es Radikale oder Reformer der herrschenden Partei, sich ihrer Bestrebungen oder Projekte anzunehmen. Der Kommunismus in Osteuropa stolperte weiter, gestützt durch eine befremdliche Allianz aus Auslandskrediten und russischen Bajonetten, bis der faulende Kadaver 1989 schliesslich fortgeschleift wurde. Die Seele des Kommunismus aber war schon 20 Jahre früher gestorben: in Prag, im August 1968.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Autofahrer am 19.08.2018 14:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Einsicht ist besser als Nachsicht

    Wer glaubt, das unter dem Kommunismus alles besser ist, der glaubt auch, dass ein Zitronenfalter Zitronen faltet.

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  • Kurt am 19.08.2018 20:28 Report Diesen Beitrag melden

    Kommunismus ist Sozialismus

    Versucht man hier wieder die Geschichte zu verdrehen? Soviel ich weiss, haben die Demonstranten für mehr Demokratie demonstriert und nicht für ein "demokratischen Sozialismus". Das kannte man ja damals schon von der DDR.

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  • Ueli am 19.08.2018 21:35 Report Diesen Beitrag melden

    Das waren noch Zeiten...

    Das waren noch Zeiten als die UDSSR die Bösen waren und die USA die Guten. Wie sich die Zeiten ändern: Heute gibt es die UDSSR nicht mehr und die USA sind die Bösen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Peter Sattler am 21.08.2018 13:14 Report Diesen Beitrag melden

    Neue Chance in Schweiz, aber

    Und solche davon liefen und ihr Land dem Schicksal überliessen kamen in die Schweiz, bekamen eine neue Chance, konnten studieren, gut verdienen und terrorisieren dann die Einheimischen. Das nennt man echte Dankbareit. Ein Gras welches zu lang ist - Klage, ein Blatt eines Baumes - Klage, man lügt, verleumdet und schickaniert. Da muss ich als Betroffener sagen, die sollen zu Hause bleiben.

  • Beobachter am 20.08.2018 11:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ewig gestrig

    Keine Ahnung, warum hier wieder ALTE KAMELLEN aufgewärmt werden. Die Globale Situation ist heute eine völlig andere

    • tim buktu am 20.08.2018 11:57 Report Diesen Beitrag melden

      @peopachter

      völlig anders insofern, als dass das klima eine erfindung der chinesen sei

    • A. Vögel am 20.08.2018 23:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Beobachter

      Es ist 50 Jahre her, Sie Schlaumeier. Man nennt das ein Jubiläum.

    • Berner Bär am 21.08.2018 08:57 Report Diesen Beitrag melden

      @Beobachter

      Alte Kamellen? Oder stört sie etwas Anderes?

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  • Krzysztof am 20.08.2018 08:34 Report Diesen Beitrag melden

    Prager desaster 2.0

    Nicht nur im Kommunismus möglich. Die Zeit steht ziemlich günstig für eine Wiederholung. Aber eher in Deutschland, Frankreich oder Ukraine. Auch in der Schweiz möglich. Eine Frage des Wohlstands auch zu erwähnen.

    • Partysahnen am 20.08.2018 10:45 Report Diesen Beitrag melden

      Wohlfahrt durch Wohlstand

      Jan Palach lässt grüssen... :-/

    • 2 Fliegen am 20.08.2018 23:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Krzysztof

      Ja, die EU kommt mit den Panzern. Nach kurzer Überlegung händigen wir ihnen unsere beiden fdp-Bundesräte aus.

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  • Ueli am 19.08.2018 21:35 Report Diesen Beitrag melden

    Das waren noch Zeiten...

    Das waren noch Zeiten als die UDSSR die Bösen waren und die USA die Guten. Wie sich die Zeiten ändern: Heute gibt es die UDSSR nicht mehr und die USA sind die Bösen.

  • Kurt am 19.08.2018 20:28 Report Diesen Beitrag melden

    Kommunismus ist Sozialismus

    Versucht man hier wieder die Geschichte zu verdrehen? Soviel ich weiss, haben die Demonstranten für mehr Demokratie demonstriert und nicht für ein "demokratischen Sozialismus". Das kannte man ja damals schon von der DDR.

    • Werni am 22.08.2018 15:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Kurt, hier wird gar nichts verdreht

      Nicht nur unsere westlich geprägte Demokratie darf sich Demokratie nennen.

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