Brauchtum

06. Dezember 2010 19:07; Akt: 06.12.2010 19:07 Print

Wer stahl die Knochen vom Sankt Nikolaus?

Der heilige Nikolaus stammt aus der heutigen Türkei. Doch seine Gebeine ruhen seit Jahrhunderten im italienischen Bari. Vielleicht nicht mehr lange.

storybild

Der aufgebrochene Sarkophag des Sankt Nikolaus in Myra (Bild: Wikipedia)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Sankt Nikolaus ist einer der bekanntesten – und wohl auch beliebtesten – Heiligen der katholischen Kirche. Und nicht nur in dieser: Auch andere Kirchen wie die serbisch-orthodoxe oder die griechisch-orthodoxe verehren ihren Nikolaus. In Russland, dessen Nationalheiliger Nikolaus ist, sagt der Volksmund sogar: «Wenn Gott jemals stirbt, machen wir Nikolaus zu seinem Nachfolger.»

Das Bild des wohltätigen Bischofs von Myra gerann mit der Zeit zur Ikone, die auch das Bild des Weihnachtsmannes entscheidend mitprägte. Die Tradition des Heiligen, der in Begleitung von furchteinflössenden Gehilfen den gehorsamen Kindern Geschenke bringt und die ungezogenen ermahnt, hat sich sogar in den meisten protestantischen Gebieten erhalten; ausgerechnet in den erzkalvinistischen Niederlanden geniesst der «Sinterklaas» auch heute noch enorme Popularität. Holländische Auswanderer brachten denn auch ihren Sinterklaas nach Amerika, wo dann der «Santa Claus» daraus wurde.

Mittwochs und freitags keine Mutterbrust

Glaubt man der Legende, so zeigte sich schon früh, dass in dem kleinen Nikolaus etwas Besonderes steckte: Gleich nach der Geburt, die wohl ums Jahr 280 herum stattfand, konnte der zukünftige Bischof in der Wanne stehen, und mit erhobenen Händen soll er Gott für das Wunder seiner Geburt gedankt haben. An den Fastentagen Mittwoch und Freitag verschmähte das Kind die Brust seiner Mutter.

Später fiel der aus wohlhabendem Hause stammende Nikolaus vor allem durch seine Menschenfreundlichkeit und Wohltätigkeit auf. Nach dem Tod seiner Eltern soll er sein nicht unbeträchtliches Vermögen an Arme verschenkt haben; unter anderem steckte er durchs Fenster oder den Kamin heimlich Geld in dort aufgehängte Socken, damit ein Familienvater seine Töchter nicht in die Prostitution schicken musste. In manchen Gegenden steckt der Weihnachtsmann seine Geschenke heute noch in aufgehängte Socken. Sein Meisterstück lieferte der heilige Nikolaus aber ab, als er drei Jungen wieder zum Leben erweckte, die auf der Suche nach Arbeit von einem Metzger fachmänisch zerlegt und in ein Pökelfass gesteckt wurden. Seither gilt er als besonderer Freund der Kinder.

Furchterregende Gehilfen

Im 6. Jahrhundert verbreitete sich der Kult um den mildtätigen Bischof im Byzantinischen Reich und gelangte von dort in die slawischen Läder. Mit der byzantinischen Prinzessin Theophanu, die 972 den deutschen Kaiser Otto II. heiratete, kam der Nikolauskult auch nach Deutschland; 980 wurde dort die erste dem Nikolaus geweihte Kirche erbaut. Danach verbreitete sich der Brauch, am Gedenktag des Heiligen die Kinder zu beschenken. Erst später verlagerte sich dieser Brauch – zunächst vornehmlich in protestantischen Gegenden – auf den Vorabend von Weihnachten.

In manchen Ländern hat das Brauchtum dem Sankt Nikolaus einen Gehilfen zur Seite gestellt, der gewissermassen die böse Seite des Heiligen personifiziert und für den nötigen Respekt sorgt. In der Schweiz ist es der Schmutzli, in Deutschland der Knecht Ruprecht, in Frankreich der Père Fouettard und in den Niederlanden der Zwarte Piet.

Streit ums Gebein

Nach seinem Tod war Nikolaus in Myra beigesetzt worden. Im Jahr 1087 jedoch, als bereits die seldschukischen Türken die Gegend beherrschten, entführten Kaufleute aus Süditalien die Gebeine des Heiligen aus seiner Gruft und überführten sie nach Bari, um sie so vor dem Zugriff der islamischen Heiden zu schützen. Die Türkei, genauer die türkische Nikolaus-Stiftung, möchte die Überreste heute gern zurückhaben. Bereits 1997 hatte die Türkei die Rückgabe der Reliquien verlangt; 2009 bekräftigte der türkische Kultur- und Tourismusminister Ertugrul Günay den Anspruch seines Landes auf die Knochen. Möglicherweise wird Sankt Nikolaus also bald wieder umziehen müssen.

(dhr)