Marquis de Sade

07. Dezember 2014 22:04; Akt: 09.12.2014 11:02 Print

Monster oder sexueller Befreier?

von Rolf Maag - Vor 200 Jahren starb der Namenspatron des Sadismus: Marquis de Sade. Bei vielen erregen seine Werke Abscheu, doch manche sehen in ihm einen wichtigen Aufklärer.

In der satirischen Komödie «Marquis» (1989) tragen alle Schauspieler Tiermasken. (Video: Youtube/Bildstoerungtv)
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Es braucht starke Nerven und einen noch stärkeren Magen, wenn man die Werke des Marquis de Sade von Anfang bis Ende lesen will. In seinem Roman «Die 120 Tage von Sodom» beschreibt er die Untaten von vier Lustmördern: «An diesem Abend gibt man Michette der Wut der Lüstlinge preis. Zuerst wird sie von allen vier Libertins gepeitscht, dann reisst ihr jeder einen Zahn aus; danach schneidet ihr jeder einen Finger ab. Man verbrennt ihr darauf an vier Stellen, vorne und hinten, die Schenkel.» So geht es weiter, bis das Opfer schliesslich tot ist.

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Zum Glück trieb es der 1740 geborene südfranzösische Adlige im wirklichen Leben nicht ganz so bunt, doch harmlos war er auch dort nicht gerade. 1768 lockte er die arbeitslose Baumwollspinnerin Rose Keller in sein Landhaus und peitschte sie abwechselnd mit einer Rute und einer Geissel, bis sie aus zahlreichen Wunden blutete. Keller zeigte Sade an, doch weil ihre Aussage Ungereimtheiten aufwies, musste er nur eine Entschädigung zahlen.

Leben hinter Gittern

1777 wurde er nach einer weiteren Affäre verhaftet und verbrachte den Rest seines Lebens bis auf eine kurze Phase der Freiheit in Gefängnissen und in einem Irrenhaus. Dort verfasste er auch sein umfangreiches Werk, das wegen seines skandalösen Inhalts meist nur im Untergrund kursierte und teilweise erst im 20. Jahrhundert veröffentlicht wurde.

Hätte Sade nur gewaltpornografische Schriften verfasst und gelegentlich entsprechend gehandelt, wäre er heute wohl vergessen.

Die Natur ist der Massstab

Doch die Protagonisten seiner Romane foltern und morden nicht nur, sondern sie reflektieren ihr Tun auch immer wieder philosophisch. Dabei zeigt sich, dass Sade die herrschende Moral radikal umwertet, weil sie seiner Meinung nach auf dem Christentum beruht, das er entschieden ablehnt. Für ihn ist nicht der Wille Gottes der Massstab des richtigen Handelns, sondern die Natur. In den Worten des Sade-Biographen Volker Reinhardt: «An die Stelle des ‹Erkenne dich selbst!› der klassischen Philosophie setzt Sade die Maxime ‹Lebe dich aus!›, ohne jede Rücksicht auf Normen und Konventionen.»

Ein Anti-Rousseau

Dass man der Natur folgen solle, hatte schon Jean-Jacques Rousseau gepredigt. Allerdings ist sie bei ihm eine Quelle der Tugend im traditionellen Sinn, denn sie hat uns neben dem Selbsterhaltungstrieb auch die Fähigkeit zum Mitleid eingepflanzt. Wenn die Menschen den Grundsätzen der Natur folgen und sich nicht von den Verlockungen der Zivilisation verderben lassen, leben sie in Harmonie.

Anders Sade: Für ihn ist die Natur nicht nur eine verbindende, sondern auch eine zerstörerische Kraft. Einen seiner Helden lässt er auf dem Sterbebett sagen: «Es gibt keine Tugend, die für die Natur nicht notwendig wäre, und es gibt kein Verbrechen, dass sie nicht braucht. So hält sie beides in einem vollendeten Gleichgewicht, darin besteht ihre ganze Kunst.»

Ein Aufklärer?

Weil Sade in der Epoche der Aufklärung lebte, sehen manche in ihm einen Kämpfer gegen Vorurteile, Triebunterdrückung und Verklemmtheit. Ein modernen Vorstellungen von sexueller Freiheit entsprechender Hedonismus bilde das Zentrum der Sade’schen Lebenskunst. Sogar Feministinnen haben ihn für sich reklamiert: Die Schriftstellerin Angela Carter behauptet, die Titelheldin von Sades Roman «Juliette» sei nicht als Mörderin und Terroristin ein Vorbild, sondern als starke Frau mit dem Mut, aufgezwungene Rollenklischees abzulegen und ihren eigenen Bedürfnissen zu folgen.

Sehr viel negativer fällt das Urteil des Philosophen Winfried Schröder aus. Für ihn ist Sade kein Aufklärer, sondern eine exzentrische Figur der Religionsgeschichte. Sein enthemmter Hass auf das Christentum zwänge ihn dazu, sich ständig von dessen Vorstellungen abzugrenzen. Wenn das Christentum Barmherzigkeit predige, müsse er die Grausamkeit feiern. Somit bliebe er letztlich vom Gegenstand seines Ressentiments abhängig. Demnach sei Sade kein freier Geist, sondern ein Zwangsneurotiker.

Die Werke des Marquis sind heute in jeder Buchhandlung erhältlich, jeder kann sich selbst ein Urteil bilden.


Die Dokumentation widmet sich Marquis de Sade. (Video: Youtube/Alex Wegenast)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • M. am 07.12.2014 23:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ..nichts für schwache neven.

    Ich habe die 120 Tage des Sodoms gelesen, muss aber zugeben das ich es zwischen zeitlich weglegen musste. An gewissen passagen wurde mir auch schon übel doch ich habe das buch beendet und fifty shads of grey ist ein softporno dem gegenüber.

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  • Dom Sad am 07.12.2014 23:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Befreier

    Viele frauen und auch männer, sehnen sich dominiert zu werden. In gegenseitigem einverständnis, ist es reizvoll mit grenzerfahrung zu spielen. Langsames herantasten und gespräche über sexuelle fantasien steigern die gegenseitige lust. Der dominante teil hört auf den devoten. Den dieser sagt wo die grenzen sind. Sexualität auszuleben erfüllt das leben. Egal auf was man steht, aufklärung und menschen die die selben neigungen haben geben ein ausgezeichnetes sex leben.

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  • Harmonie am 07.12.2014 23:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    denk Anstöße

    wenn man einem obdachlosen 1franken schenkt, für wen macht man das? für den bedürftigen oder für sich, um sich besser zu fühlen dass man was gutes getan hat? falls das 2 zutrifft, was meistens so ist,ist es purer Egoismus... um solche Themen geht es unteranderem bei sade

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Ähm am 08.12.2014 21:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    De sade

    Ist unvergleichlich, genauso wie caligula ect. Dieses neumodische zeugs die50SoG ect sind nur für den hype und dann byebye Was ich aber definitiv ablehne ist der Gedanke das jeder seiner natur folgen soll... Ich würde eher davon ausgehen das wie aristotoles sich die frage zu stellen: soll ich etwastun ? Wie wäre es wenn jeder dies täte?

  • outgriffin am 08.12.2014 20:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    De Sade nur fuer offene Geister

    De Sade hat schon sehr heftige Buecher geschrieben. " Justine" oder die "120 Tahe" sind schon stark extrem. Aber um ihn etwas zu verstehen sollte man sich "Die Philosophie im Boudoir" zutun..da ist der ganze De Sade drin mit seiner sehr "gottlosen" "freiheitlichen" frauenfreundlichen" Philosophie und die einzelnen sexuellen Tableaus sind noch an der Grenze des Ertraeglichen. Aber das Ganze braucht eh einen aufgeklaerten Geist und etwas Intelligenz. Wenn das so weitergeht mit der Tabuisierung von Sex, ist bald die Liste der vom Vatikan verbotenen Buecher harmlos...

  • Peter am 08.12.2014 13:46 Report Diesen Beitrag melden

    Nerven?

    Nichts für schwache Nerven? Aber ich wette, dass 90% der Kommentarschreiber Fifty Shades gelesen haben und davon fasziniert sind. Aber eben, es handelt sich um SM oder BDSM und das gehört sich einfach nicht. Ich finde diese Spielart einfach genial!

  • Gerd Meister am 08.12.2014 12:53 Report Diesen Beitrag melden

    Held

    Er ist mein Held. Dank im darf ich mit gutem Gewissen gefistet werden!

    • Vincie von Braunschweig am 08.12.2014 13:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Mit Gefühl

      Was hat das Fisten mit SM zu tun? Das geht ja sowieso nur mit viel Gleitcreme und viel Gefühl! Da spreche ich als gestandene Drag Queen aus eigener Erfahrung.

    • Brumm am 08.12.2014 19:26 Report Diesen Beitrag melden

      Hahaha Gerd

      Leute und Sachen verehren trotz nicht vorhandenem Wissen. Du widerspiegelst wunderbar die Menschheit. Haha.

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  • Horst B. am 08.12.2014 10:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Grosses philosophisches Werk

    De Sade war ein sehr konsequenter Denker und war sehr fleissig in der Beschreibung der vielen Varianten. menschlicher Abgeünde. Schade ist, dass Pasolini eine Verfilmung wagte und auch schade, dass man heute kaum mehr einen Zugang zu solcher Literatur hat. Die Kunst des Denkens und die Freunde der Weisheit sind heute nicht in Mode. Aus diesem Grund würde ich die Werke von de Sade in ein Museum stellen. Ohne ein minimales geschichtliches und philosophisches Interesse sollte man diese Werke eben nicht lesen können.

    • Anna ida am 08.12.2014 10:45 Report Diesen Beitrag melden

      Larifari...

      De Sade war ein wirklicher Sadist, was er macht und was er sich zusammen gesponnen hat, hatte nichts mit gegenseitigem Einverständnis zu tun... ein Sadist kann mit einem freiwilligen Skalven nichts anfangen..., er will unterwerfen, demütigen, quälen / foltern und sogar töten

    • Earl am 08.12.2014 16:42 Report Diesen Beitrag melden

      Hilfe meine Katze ist Sadist

      ...die macht genau das was du beschreibst, täglich...

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