Selina Büchel über Intersexuelle

06. Juli 2017 04:37; Akt: 06.07.2017 11:06 Print

«Sie sind so geboren, sie fühlen sich als Frauen»

Die Ostschweizer 800-m-Läuferin Selina Büchel äussert sich zur Dominanz der Intersexuellen in ihrer Disziplin.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

In bemerkenswerter Offenheit spricht Selina Büchel im Vorfeld der Athletissima von Lausanne über die Problematik im 800-m-Lauf der Frauen. In der Disziplin der Ostschweizerin dominieren drei intersexuelle Läuferinnen das Geschehen nach Belieben. «Die Erkenntnisse der Studie überraschen mich nicht. Die Frage, wie es nun weiter gehen sollen, ist aber nach wie vor offen. Deshalb gilt für mich immer noch der gleiche Stand», begann Selina Büchel ihre Ausführungen zur Frage, wie sie auf die Studie des internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF) reagiert habe. «Ich bin froh, muss ich in dieser Angelegenheit nicht entscheiden», fügte sie hinzu.

Der Weltverband hatte am Dienstag die Resultate seiner Untersuchung zum sogenannten Hyperandrogenismus veröffentlicht und festgehalten, dass unter anderem auch die 800-m-Läuferinnen mit hohem Testosteronspiegel einen Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Konkurrentinnen mit normalem Androgenspiegel haben.

Dem Rest bleiben nur die Brosamen

Die IAAF sah sich zu dieser Studie gezwungen, nachdem der internationale Sportgerichtshof CAS im Juli 2015 eine IAAF-Regel bis auf Weiteres aufgehoben hatte. In den Jahren zuvor galt: Athletinnen mit einer männlichen Hormon-Überproduktion, die aber unter dem Androgen-Level eines Mannes liegt, durften in Frauen-Wettkämpfen starten, sofern sie den von der IAAF festgelegten Testosteron-Grenzwert nicht überschritten.

Als Folge des CAS- Entscheides dominierten die intersexuellen Caster Semenya aus Südafrika, Francine Niyonsaba aus Burundi und Margaret Wambui aus Kenia den 800-m-Lauf der Frauen nach Belieben. Weil sie nicht mehr zu leistungshemmenden Hormonkuren gezwungen waren, liefen sie 2016 an den Olympischen Spielen in Rio in dieser Reihenfolge aufs Podest. Dem Rest bleiben nur die Brosamen.

Ethisch schwierige Frage

«Ich will diese Problematik neutral betrachten und nicht aus Sicht einer Konkurrentin», betonte Büchel. Die Schweizer Rekordhalterin sieht auch die menschliche Tragödie, die sich hinter dieser Thematik verbirgt. «Sie sind so auf die Welt gekommen. Sie fühlen sich als Frauen», sagte die zweifache Hallen-Europameisterin. Die gängige Meinung, wonach mit der momentanen Ausgangslage im 800-m-Lauf der Frauen dem Sport letztlich grosser Schaden zugefügt werde, teilt sie nicht in allen Belangen. «Die Aussage, der Sport wird kaputt gemacht, finde ich zu krass», bemerkte sie.

Auf die Frage, wie es nun weiter gehen soll, weiss die 25-Jährige keine klare Antwort – es ist auch nicht ihre Aufgabe. Wieder Hormon-Kuren zur Reduzierung des Testosteronspiegels einführen? Eigene Kategorien für Intersexuelle bilden? Alles belassen wie es ist? «Ich bin froh, muss ich nicht entscheiden. Es gibt immer zwei Seiten. Es ist eine ethisch schwierige Frage», meinte sie und betonte nochmals wie wichtig es sei, diese Frage neutral und objektiv zu beurteilen.

«Ich will mich verbessern, das zählt für mich»

Büchel verfolgte auch mit einem gewissen Verständnis die Geschichte der indischen Sprinterin Dutee Chand. Diese war bei den Commonwealth-Spielen Ende 2014 wegen zu hoher Testosteron-Werte disqualifiziert worden, klagte vor dem CAS und erkämpfte einen Teilerfolg, der nun zur heutigen Situation führte.

Die Schweizerin gewichtet in dieser Frage den menschlichen Aspekt – Sollen Frauen mit männlichen Testosteron-Werten, die es in der Gesellschaft ohnehin schon schwer genug haben, auch vom Leistungssport ausgegrenzt werden? – ebenso stark wie den sportlichen Aspekt der Chancengleichheit. Erschwert diese Sichtweise nicht ihre Arbeit als Spitzensportlerin? «Manchmal nervt es mich, dass nur dieses eine Thema in meiner Disziplin zu reden gibt», gestand sie. «Grundsätzlich konzentriere ich mich auf meine Arbeit. Ich will mich verbessern. Das zählt für mich.»

(chk/sda)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Toni am 06.07.2017 05:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Meine Meinung

    Ich finde Männer haben beim Frauensport nichts zu suchen.

    einklappen einklappen
  • Ehrlich am 06.07.2017 05:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Eine Rangverkündigung mehr 

    ...und trotzdem sollten diese eine eigene Disziplin haben dürfen! Dann gibt es halt eine mehr zum zuschauen.

    einklappen einklappen
  • Mag am 06.07.2017 05:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Männlein oder Weiblein?

    Sollen die doch untereinander laufen, dann wärs wieder fair

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Giancarlo am 06.07.2017 16:53 Report Diesen Beitrag melden

    Nur in Afrika?

    Ebenfalls sehr auffällig: Es scheinen nur Läufer aus Afrika von der Intersexualität betroffen zu sein, obwohl das Thema in Europa und Nord Amerika bedeutender ist. Es wird also nicht nur schwierig sein, genau zu definieren, was "Intersexuelle" sind, aber auch zu verhindern, dass damit Missbrauch betrieben wird.

  • Martin am 06.07.2017 14:38 Report Diesen Beitrag melden

    Moderne Zeiten

    In einer emanzipierten Welt sollte es sowieso keine getrennten Ranglisten für Frauen und Männer mehr geben.

  • Benny am 06.07.2017 13:36 Report Diesen Beitrag melden

    Frauen

    Die sind Frauen und sind auch so geboren - fühlen sich auch wie Frauen - da sehe ich keine Problem.

  • posti am 06.07.2017 13:21 Report Diesen Beitrag melden

    Ganz einfach: Paralympics

    Für was gibt's den die Paralympics? Doch gerade für Menschen, die nicht an den "normalen" Spielen teilnehmen können, weil sie andere Voraussetzungen mitbringen.

  • Cand.med. am 06.07.2017 12:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Überfordert/Diskriminierung

    Mein Fachkommenter wird also weiter nicht veröffentlicht, obwohl alle Regeln eingeh. sind. Ich fühle mich echt diskriminiert deswegen. Der umgekehrte Fall: Sie kommen in unser Topspital in den Notfall u ich habe Dienst: Soll ich dann auch sagen, der Fall passt mir nicht, den behandle ich nicht???