Prozess im Mordfall Dolder

26. Juli 2017 18:48; Akt: 26.07.2017 18:48 Print

Callgirl getötet – «ich hasse mich dafür»

Beziehungsdelikt oder kaltblütiger Mord? Der Staatsanwalt fordert für einen Ex-Banker, der im Dolder ein Callgirl getötet haben soll, 18 Jahre Gefängnis – sein Verteidiger 10,5.

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Der Beschuldigte habe sich die «Cinderella-Theorie» zu eigen gemacht: Er fühle sich dazu bestimmt, Prostituierte aus dem Milieu zu befreien und sie an seinem grossartigen Leben teilhaben zu lassen, sagte der Staatsanwalt. «Er wollte nicht als Freier behandelt werden, sondern als Ritter und Geliebter.»

Bis zu 25'000 Franken habe der Finanzexperte pro Monat für Bordellbesuche ausgegeben. «Bei den Prostituierten konnte er seinen Grössenwahn ausleben und musste sich seinem Versagen nicht stellen.»

Ende 2011 hatte er seine Stelle als Anlagechef der Aargauer Pensionskasse wegen eines Burn-outs gekündigt. Doch die Auszeit brachte ihm wenig: Er stürzte immer tiefer, nahm Valium, wurde aggressiv. Psychiatrische Hilfe zog er jedoch nicht bei. Spätestens 2014 ging ihm das Geld für das grossartige Leben langsam aus.

Dem Beschuldigten sei klar gewesen, dass seine Lieblingsprostituierte «Kathleen» nur gegen Geld mit ihm verkehre und ihn abserviere, sobald er keines mehr habe. Die 25-Jährige zu töten sei die einzige Möglichkeit gewesen, diese Demütigung zu verhindern. Als Narzisst habe er keinen anderen Ausweg gesehen.

Duftstecker gegen Verwesungsgeruch

Gemäss Anklage betäubte er die Prostituierte im Zimmer eines Luxushotels mit Valium, erwürgte sie und schaffte sie anschliessend in einem grossen Rollkoffer zu sich nach Hause. Dort stellte er den Koffer in einen der Weinklimaschränke und drehte die Kühlung auf volle Leistung. Gegen allfälligen Verwesungsgeruch brachte er zudem mehrere Duftstecker an. Seine Lebenspartnerin sollte nichts merken.

Der Staatsanwalt verlangt wegen Mordes eine Freiheitsstrafe von 18 Jahren. Die fast drei Jahre, die er bereits in der Strafanstalt Pöschwies sitzt, würden davon abgezogen. Zudem soll er eine ambulante Therapie absolvieren.

Die Anwältin der Opferfamilie fordert eine Genugtuung von insgesamt 250'000 Franken. Die Mutter hatte kurz vor der Tat noch mit der 25-Jährigen telefoniert. Diese habe ihr erzählt, dass sie gerade auf die Überraschung warte, die ihr der Stammkunde versprochen habe.

«Es tut mir unendlich leid»

Der Beschuldigte selber schilderte das Verhältnis zu «Kathleen» als Beziehung. Sie hätten Gefühle füreinander gehabt. Diverse sehnsüchtige SMS, beim Prozess verlesen von seinem Anwalt, sollten dies belegen. Die Frau habe sogar bei ihm einziehen wollen.

Beim Gespräch im Hotel habe er sich dann aber doch für seine Lebenspartnerin entschieden. «Da sagte sie mir, dass ich noch für diesen Tag bezahlen müsse.» Endgültig die Kontrolle habe er verloren, als sie ihm an den Kopf geworfen habe, dass nicht einmal eine Prostituierte ein Kind von ihm wolle.

«Ich hatte nie die Absicht, die Frau zu töten. Ich wollte nur, dass sie endlich still ist.» Er habe ihr den Mund zugehalten, sie nach unten gedrückt und erwürgt. «Es tut mir unendlich leid», sagte er in seinem Schlusswort. Diese Tat sei der grösste Fehler seines Lebens. «Ich schäme und hasse mich dafür.»

Sein Mandant habe die Frau umgebracht, aber er habe dies nicht geplant, sagte sein Verteidiger. Er sei deshalb nur wegen vorsätzlicher Tötung zu verurteilen. 10,5 Jahre Freiheitsstrafe seien dafür angemessen.

Dass die Tat nicht geplant gewesen sei, sehe man nur schon daran, dass sein Mandant keinen Plan zur Beseitigung der Leiche gehabt habe. Er habe erst nach der Tat die Kühlung seines Weinklimaschrankes studiert und hastig Duftstecker gekauft.

«Auch den Tatort hätte ein planender Täter geschickter ausgewählt.» Es gebe wohl bessere Orte als jenes Hotel, in dem er bereits als Gast bekannt sei und wo seine Freundin regelmässig in den Spa gehe.

In Widersprüche verstrickt

Der Beschuldigte machte beim Prozess keinen guten Eindruck: Immer wieder verstrickte er sich in Widersprüche. Für die Staatsanwaltschaft nichts Neues. Sein Verhalten sei schon während des ganzen Verfahrens «eine Beleidigung für die Strafbehörden».

Er tischte den Ermittlern immer neue Versionen auf. So erzählte er einmal, der Koffer sei ein Geschenk für «Kathleen» gewesen. Dann wieder gab er an, er habe damit Sachen zur Entsorgung bringen wollen.

In einer früheren Befragung sagte er sogar aus, die Frau habe sich beim Baden im Whirlpool tödlich verletzt, dann wieder, er habe sie dort ertränkt. Als Grund für die widersprüchlichen Aussagen nannte er seine psychischen Probleme, seinen Valiumkonsum und den Schock durch die Haft. Das Urteil wird am Donnerstag um 16 Uhr eröffnet.

(woz/sda)