Jährlich 420 Tonnen

10. Oktober 2018 05:40; Akt: 10.10.2018 05:40 Print

So viel Abfall landet in Leitungen und Kläranlagen

Vieles gehört nicht in die Kanalisation. Trotzdem muss die Kläranlage Schönau in Cham ZG tonnenweise Abfall entsorgen. Darunter sind auch ungewöhnlich Funde.

Bildstrecke im Grossformat »
Immer wieder landet Güsel in der Toilette, der dort nicht hingehört. In Cham ZG und Mauensee LU machen deshalb gerade die Gemeinden in ihren Infoblättern darauf aufmerksam, dass Abfall nicht ins WC gehört So landen etwa immer wieder Textilien im Abwasser. Der ganze Güsel verstopft Pumpen – und dieses müssen dann mühsam wieder gereinigt werden. Der Kanton Zug hat deshalb ein Merkblatt erstellt, das zeigen soll, was man alles nicht ins WC werfen darf. «Eigentlich wäre es ganz einfach: Nur Fäkalien und Toilettenpapier dürfen durch das WC in die Kanalisation entsorgt werden.Und sonst nichts», schreibt die Gemeinde Cham. Bei der ARA Schönau wird der ganze Güsel gesammelt: 420 Tonnen Abfall wurden vergangenes Jahr aus dem Abwasser gefischt. Rund 84'000 Franken kostete die Entsorgung dieses Abfalls. Weil zu viel Güsel im WC landet, gibt es auch im Kanton Schwyz ein solches Merkblatt. Eklig: Verstopfte Pumpen müssen mit viel Aufwand geputzt werden. Dass Abfall die Kanalisation blockiert, ist auch in anderen Städten dieser Welt ein Problem. Im Bild etwa der immense Pfropf, den ein Kran in New South Wales in Australien im Februar 2016 aus einem Schacht entfernen musste. Das 700 Kilo schwere Ding bestand vor allem aus Fett und Feuchttüchern. Der Appell der Wasserversorgung unter dem Hashtag #KeepWipesOutOfPipes: Die Menschen sollen keine Feuchttücher das WC hinunterspülen. Auch die Londoner Kanalisation ist voller stinkender Klumpen. Die Abwassertechniker Tim Henderson (l.) und Vince Minney arbeiten 2014 in der Kanalisation unter der Kreuzung Regent Street und Victoria Nach dem weihnachtlichen Truthahnessen spülen die Bewohner der britischen Hauptstadt Bratenfett im Volumen von zwei olympischen Schwimmbecken durch die Abflüsse. Den meisten ist dabei gar nicht bewusst, dass ein paar Meter unter ihren Tischen aus den Essensresten stinkende Klopse werden. Das Fett verklumpt mit Feuchttüchern, Damenbinden und Kondomen und verstopft so die 69'000 Kilometer Kanalisation der britischen Hauptstadt. «Die Situation beim Fett wird definitiv schlimmer», sagt Vince Minney, der seit 24 Jahren in die Kanäle steigt. Mit Spaten oder Hochdruckstrahlern brechen Minney und seine Männer die Fettschichten auf. Auf der Kruste, die an Erbrochenes erinnert, wachsen Pilze. Das Kanalnetz, in dem sich die Techniker zurechtfinden müssen, stammt noch aus den 1860er-Jahren. «Es gibt ein London unter London», sagt Henderson. Jedes Jahr gibt es laut Thames Water rund 80'000 Verstopfungen wegen Fett, was monatliche Kosten von umgerechnet über 1,5 Millionen Franken verursacht. Bratfett und Speiseöl gehören in den Abfall, nicht in den Abfluss.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Wattestäbchen, Kosmetiktücher,Tampons, Kondome und Essensreste. Das und vieles mehr gehört nicht ins Abwasser. Trotzdem gelangen diese Dinge immer wieder in die Kläranlage
Schönau in Cham. So viel, dass die Gemeinde Cham in ihrer aktuellen «Gemeindeinfo» die Leute darauf aufmerksam macht, was alles nicht die Toilette runtergespült werden darf.

Umfrage
Werfen Sie Abfall ins WC?

Der Abfall könne sich in den kilometerlangen Kanälen oder den Pumpstationen bis zur Kläranlage absetzen. Die Gemeinde schreibt: «Eigentlich wäre es ganz einfach: Nur Fäkalien und Toilettenpapier dürfen durch das WC in die Kanalisation entsorgt werden. Und sonst nichts.»

Reinigungstücher sind problematisch

Trotzdem musste der Gewässerschutzverband GVRZ des Kanton Zugs im vergangenen Jahr 420 Tonnen Abfall entsorgen, wie der Betriebsleiter der ARA Schönau Thomas Klaus mitteilte. «Der Mehraufwand durch den Abfall entsteht im Kanalnetz, in den Pumpwerken.»

Für Reinigung, Wartung und Unterhalt im Kanalnetz seien zwei Vollzeitstellen nötig. «Grosse Mühe haben wir mit Reinigungstüchern, Produkte aus Watte oder Textilien, da damit eine Pumpe verstopft und blockiert werden kann.»

Abfallentsorgung kostet 84'000 Franken

Dabei würden auch noch Kosten für die korrekte Abfallentsorgung in der Kehrichtverbrennungsanlage anfallen. Eine Tonne Abfall koste ungefähr 200 Franken. Hochgerechnet aufs Jahr sind das ungefähr 84'000 Franken. «Das Mühsame ist das Entfernen des Abfalls aus verstopften Pumpen, das Reinigen von verdreckten Becken und Kanälen», sagt Klaus.

Wenn das Abwasser nicht mehr zur ARA fliessen kann, gebe es Rückstau in der Kanalisation. «Wenn das nicht rechtzeitig behoben wird, kann es zur Entlastung von Abwasser in Gewässer führen.»

Aussergewöhnlicher Abfall

Auch Stoffe wie Maschinenöle, Farbe und Benzin würde in Kläranlage gelangen. Dabei könne in den meisten Fällen nicht zurückverfolgt werden, von wo diese Stoffe ins Abwasser entsorgt wurden. Wenn die Stoffe aber in der ARA bemerkt werden, dann seien Mengen entsorgt worden, die nur aus Industrie und Gewerbe stammen könnten.

Der aussergewöhnlichste Fund in der Kläranlage Schönau liege schon einige Jahre zurück: «Langjährige Mitarbeiter mögen sich noch erinnern, dass ein totes Kalb angeschwemmt wurde.»

Aufruf in Mauensee nützte nichts

Auch in Mauensee im Kanton Luzern kennt man das Problem. Dort hatte die Gemeinde in ihrem offiziellen Publikationsorgan vergangenen Monat ebenfalls darauf hingewiesen, dass Leitungsrohre wegen Güsel verstopft werden können. Diese müssten mit viel Aufwand und unter «unangenehmen Arbeitsbedingungen und zusätzlichen Kosten immer wieder von Abfall befreit und gesäubert werden».

Offenbar nahmen sich die Mauenseer den Aufruf nicht zu Herzen: In der neusten Ausgabe der «Mauensee Wellen» ermahnt die Gemeinde ihre Einwohner erneut: «Mitte September 2018 musste nun bereits wieder eine Abwasserpumpe ausgebaut und repariert werden», heisst es.

Putzlumpen, Feuchttücher, Papierfasertücher und grosse Stoffteile hätten die Pumpe verstopft. «Wir rufen deshalb die Bevölkerung nochmals eingehend auf, nur Sachen über das WC zu entsorgen, die auch wirklich ins WC gehören», heisst es im Publikationsorgan weiter.

(tst/gwa)