Tötung von Adeline M.

03. Oktober 2016 09:10; Akt: 04.10.2016 11:35 Print

«Sein Sadismus wird nicht verschwinden»

Fabrice Anthamatten muss sich wegen der Tötung seiner Sozialtherapeutin Adeline M. verantworten. Heute ist der zweite Prozesstag.

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Die Schlüsse von Experten im Prozess: Der Angeklagte Fabrice Anthamatten hat eine gespaltene Persönlichkeit. (3. Oktober 2016) Fabrice Anthamatten muss sich ab Montag, 3.Oktober 2016, in Genf vor Gericht verantworten. Er soll die 34-jährige Adeline M. im September 2013 getötet haben. Der Prozess soll rund zwei Wochen dauern. Am Montag, 3.Oktober 2016, wird Fabrice Anthamatten zum Gerichtsgebäude in Genf gefahren. Die Tat erschütterte damals die ganze Schweiz. Auch Adelines Eltern werden am Prozess teilnehmen. Sie kamen in Begleitung des Anwalts Simon Ntah. Die beiden können niemals akzeptieren, auf welche Art ihre Tochter umgebracht wurde, sagen sie der Tribune de Genève. Dutzende Menschen kamen zum Prozessauftakt. Der Genfer Staatsanwalt Olivier Jornot wird ebenfalls anwesend sein. Laut ihm hängt die Tat mit Anthamattens Ex-Freundin zusammen. Verteidigt wird Anthamatten von Anwalt Yann Arnold... ...und Leonardo Castro (links). Am 15. September 2013 wurde Fabrice Anthamatten an der deutsch-polnischen Grenze verhaftet. Diese Bilder zeigen, wie der mutmassliche Killer von Adeline M. am 16. September der Staatsanwaltschaft im polnischen Stettin vorgeführt wird. Mit einem Citroën Berlingo war Anthamatten bis an die Grenze zu Polen geflohen. Am 16. Dezember wurde Fabrice Anthamatten in ein Waadtländer Gefängnis überführt. Zuvor hatte Polen den mutmasslichen Mörder an die Schweiz ausgeliefert. Der verurteilte Vergewaltiger war am 12. September 2013 auf Freigang - gemeinsam mit seiner Therapeutin Adeline M. Noch am gleichen Tag wurde ihre Leiche in einem Wald in Versoix GE gefunden. Adeline M. (34) hinterliess eine damals acht Monate alte Tochter.

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Die kaltblütige Bluttat vom 12. September 2013 hatte die Schweiz erschüttert: Der wegen zwei Vergewaltigungen zu 20 Jahren Gefängnis verurteilte Häftling Fabrice Anthamatten wurde allein mit einer Sozialtherapeutin auf einen Freigang gelassen. In einem Wald brachte er sie um.

Der Angeklagte im Tötungsdelikt Adeline hatte vor der Bluttat während Monaten Fantasien zur Tötung einer Frau.
Das sagten zwei psychiatrische Gutachter am Dienstag zum Auftakt des zweiten Prozesstages in Genf.

Fantasien beim Filmeschauen entwickelt

Der 42-jährige Angeklagte habe bereits im Gefängnis Vergnügen an der Vorstellung empfunden, wie er der Sozialtherapeutin die Kehle durchschneiden würde, sagte am Dienstag die Genfer Psychiaterin Alexandra Rageth vor dem Kriminalgericht.

Er entwickelte diese Fantasien unter anderem, während er Gewaltszenen von Filmen schaute. Trotz dieser Fantasien wusste er während des Deliktes genau, was er tat, konnte aber möglicherweise nicht zwischen der realen Tat und den vorher gehegten Fantasien unterscheiden, wie der zweite Gutachter Eric Luke, der ebenfalls in Genf als Psychotherapeut tätig ist, sagte.

Der Täter habe klar Lust empfunden während der Bluttat. Das betone den sadistischen Charakter des Angeklagten. Das Risiko einer Wiederholungstat sei deshalb im Moment sehr hoch. «Sein Sadismus und seine Perversion werden nicht spontan verschwinden.» Es bestehe das Risiko einer erneuten Vergewaltigung oder eines Tötungsdeliktes. Es gebe derzeit keine Behandlung, die das Rückfallrisiko deutlich senken könne.

Der erste Prozesstag

Anthamatten erschien am Montag in einem grauen Sennen-Hemd, grünen Hosen, Badelatschen und kurz geschorenen Haaren vor Gericht. Der grosse Saal des Genfer Palais de Justice war bis auf den letzten Platz besetzt. Alle wurden vor dem Eintritt durchsucht und mussten Metallschranken wie am Flughafen durchqueren.

Auch die Eltern der getöteten 34-jährigen Frau sowie ihr Lebenspartner wohnten dem Prozess bei. Sie mussten sich dabei einiges anhören. «Nicht das Töten verlieh mir das Hochgefühl, sondern das Gefühl der Macht, es tun zu können», gab Anthamatten zu Protokoll.

Flucht aus dem Ruder gelaufen

Er sprach so offen über seine Gefühlslagen, wie das Straftäter vor Gericht selten tun. Als Adeline M. bereits an einen Baum gefesselt war, habe er selbst Angst vor dem Messer in seiner Hand gehabt. Angst davor, was er damit tun würde.

Von den Vorgängen im September 2013 lieferte er am Montag seine eigene Version ab. Er habe keine Bluttat geplant, sondern nur flüchten wollen, sagte Anthamatten vor Gericht. Dann sei seine Flucht jedoch aus dem Ruder gelaufen.

Den Tag hatte er lange vorbereitet. Der Häftling stellte vom Waadtländer Gefängnis Bochuz VD aus einen Antrag, in das auf Resozialisierung spezialisierte Zentrum La Pâquerette»im Genfer Gefängnis Champ-Dollon verlegt zu werden.

Dort lebten die Häftlinge in einer Therapiegemeinschaft und genossen mehr Freiheit als in anderen Strafanstalten. Er arbeitete auf einen Freigang zur Reittherapie hin, suchte sich das Zentrum selber aus und auch die Sozialtherapeutin, die ihn begleiten sollte: Adeline M.

Minutiöse Planung

Vom Basler Tourismusbüro liess er sich Karten zuschicken, um einen unbewachten Grenzübergang nach Deutschland zu finden. Sein eigentliches Ziel war Polen, wo er seine Ex-Freundin aufsuchen wollte.

Neben dem Freigang für die Reittherapie wird ihm auch der Kauf eines Hufkratzers bewilligt. Am 12. September schaffte es Anthamatten jedoch, den Plan des Freigangs zu ändern und Adeline M. dazu zu bewegen, zuerst in den Waffenladen zu fahren.

Er habe gewusst, dass er sie von den Sozialtherapeuten am besten manipulieren könne, sagte der Angeklagte dazu. Er kaufte sich nicht den bewilligten Hufkratzer, sondern ein grösseres Messer, das er zuvor telefonisch reserviert hatte.

In der Nähe des Reitzentrums liess er Adeline im Wald anhalten und bekam es gemäss eigenen Angaben mit der Angst zu tun, weil seine Therapeutin auf ihrem Handy herumdrückte. Darauf habe er sie mit dem gekauften Messer bedroht.

«Braveheart»-Szene in Endlosschlaufe

Anthamatten fesselte sie an einen Baum und schnitt ihr die Kehle durch. Für eine Planung dieser Tat gibt es viele Indizien. So sah sich der Angeklagte in der Zelle eine Szene aus dem Film «Braveheart» immer wieder an, in der einer Frau ebenfalls die Kehle durchgeschnitten wurde.

Dennoch wies er den Vorwurf des Vorsatzes immer wieder zurück. Auf die Frage, warum er nicht einfach geflüchtet sei, ohne sie zu töten, gab er an, dass er zum Tatzeitpunkt keinen klaren Kopf mehr gehabt habe.

Flucht nach Polen

Er flüchtete mit dem Dienstagwagen der Sozialtherapeutin bis nach Polen, wo er seine Ex-Freundin nicht auffinden konnte und nach drei Tagen an der deutsch-polnischen Grenze festgenommen wurde. Nach seiner Auslieferung in die Schweiz droht ihm die Höchststrafe.

Darüber zeigte er sich jedoch gelassen. Jegliche Strafe sei nicht schwerer zu ertragen als sein Gewissen seit dieser Tat. Die lebenslängliche Verwahrung bezeichnete er als «nicht schlecht, falls sie mich von meiner Störung befreien kann».

In den zwei Prozesswochen muss er sich wegen Mordes, Freiheitsberaubung, sexueller Nötigung und Diebstahls verantworten.

(sda)