Adeline-Mordprozess

15. Mai 2017 19:51; Akt: 18.05.2017 18:15 Print

Staatsanwalt fordert lebenslange Verwahrung

Der Vergewaltiger Fabrice Anthamatten steht den vierten Tag im Mordfall Adeline M. vor dem Genfer Strafgericht. Er gestand, dass er «Adeline abstechen» wollte.

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Der bereits wegen zweifacher Vergewaltigung verurteilte Täter: Fabrice A. soll seine Sozialtherapeutin Adeline M. im September 2013 bei einem Freigang an einen Baum gebunden und ihr die Kehle durchgeschnitten haben. Er gestand den Mord. (10. Dezember 2008) Fluchtplan durchkreuzt: Seine Flucht während des Freigangs habe er von langer Hand und in allen Details geplant. Die 34-jährige Mutter sei zum Hindernis geworden. Fabrice Anthamatten wird in diesem Fahrzeug vor Gericht gefahren. Der Prozess findet unter hohen Sicherheitsvorkehrungen statt. Eigentlich sollte der Prozess gegen Anthamatten vom 3. bis 14. Oktober 2016 stattfinden. Nach nur vier Tagen wurde der Prozess aber unterbrochen – wegen eines gutgeheissenen Rekurs von Fabrice Anthamatten. Der Prozess beginnt am Montag, 15. Mai 2017, wieder bei null. Der Fall erregte im Oktober grosses Aufsehen: Der Anwalt der Opferfamilie stellt sich am ersten Prozesstag der Presse. Nach nur vier Tagen ist Anfang Oktober 2016 der Prozess um das Tötungsdelikt Adeline unterbrochen worden. Ein Gericht hat einem Rekurs von Fabrice Anthamatten stattgegeben. (3. Oktober 2016) Wollen Gerechtigkeit: Die Eltern von Adeline M. (links) mit ihrem Anwalt Simon Ntah (rechts) auf dem Weg zum Gerichtssaal in Genf. (3. Oktober 2016) Angespannt: Generalstaatsanwalt Olivier Jornot betritt das Gerichtsgebäude. (3. Oktober 2016) Vertritt den Angeklagten: Yann Arnold ist der Anwalt von Fabrice A. (3. Oktober 2016) Kameras waren nicht erlaubt: Eine Gerichtszeichnung zeigt Fabrice A. auf der Anklagebank. (3. Oktober 2016) Zum Auftakt des zweiten Prozesstages machten zwei Gutachter deutlich, dass der 42-jährige Angeklagte Monate vor dem Delikt Fantasien zur Tötung einer Frau hatte. (3. Oktober 2016) Müssen den Anblick des Mörders ihrer Tochter ertragen: Die Eltern von Adeline M., dargestellt vom Gerichtszeichner. (3. Oktober 2016) Rückblick: Im Wald von Versoix GE wurde die Leiche von Adeline M. im September 2013 gefunden. (13. September 2013) Polizeichef François Schmutz und Staatsanwalt Olivier Jornot gaben Auskunft zum Vorgehen der Polizei im Fall Adeline M. Suchaktion: Fabrice A. wurde über Interpol gesucht. Fabrice A. gelang die Flucht über die Grenze nach Deutschland: In Weil am Rhein in Baden-Württemberg wurde er am Bahnhof geortet. Suchten Fabrice A.: Deutsche Polizisten vor dem alten Zollhaus in Weil am Rhein. Verhaftet wurde er an der polnischen Grenze. Er war auf dem Weg nach Polen, um seine Ex-Freundin zu töten. Ständerat This Jenny (SVP, GL) forderte damals, dass der Sexualtrieb von Vergewaltigern wie Fabrice A. unterbunden werden müsse. Hier lernten sich Täter und Opfer kennen: Das Genfer Gefängnis La Pâquerette.

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Am Prozess im Tötungsdelikt Adline hat der Angeklagte angegeben, die Bluttat in einem «animalischen Zustand» verübt zu haben. Die Tötung der Sozialtherapeutin während des Freigangs sei nicht geplant gewesen, einzig die Flucht nach Polen.

Der 42-Jährige bestritt das Tötungsdelikt nicht. «Ich wollte flüchten und meine Ex-Freundin in Polen wieder ausfindig machen», sagte er am Nachmittag vor dem Genfer Strafgericht. Die Tat sei «ein Trieb gewesen», der stärker gewesen sei als er.

Er habe die Sozialtherapeutin am 12. September 2013 auf dem Weg zu einer Reittherapie mit einem Messer bedroht, als sie mit ihrem Handy beschäftigt gewesen sei. Das Messer durfte er sich zuvor zur Pflege von Pferdehufen kaufen – er wählte allerdings ein anderes Modell, als ihm bewilligt worden war.

Kehle durchgeschnitten

Den Moment der Übernahme der Kontrolle bis nach dem Tötungsdelikt beschrieb der französisch-schweizerische Doppelbürger als «animalischen Zustand». Er zwang Adeline, zu einem verlassenen Haus in einem Wald nahe dem Reitzentrum zu fahren.

Danach fesselte er sie an einen Baum und schnitt ihr die Kehle durch, wobei er nach eigener Aussage «Freude» empfand. Vor der Bluttat zwang er die Therapeutin zu einem Kuss.

«Sexuelle Komponente»

Er räumte vor Gericht ein, dass die Tat für ihn eine «sexuelle Komponente» hatte. Adeline habe auf ihn anziehend gewirkt, sagte der Angeklagte, der wegen zweier Vergewaltigungen in den Jahren 1999 und 2001 bereits zu insgesamt 20 Jahren Gefängnis verurteilt worden war.

Anthamatten antwortete selbstbewusst und zuweilen ausschweifend auf die Fragen des Gerichtspräsidenten Fabrice Roch, der ihm deswegen mehrmals das Wort abschnitt. In einem türkisfarbenen T-Shirt, grauen Hosen und Turnschuhen sass er auf der Anklagebank des Genfer Gerichts, die Beine schlug er häufig übereinander.

Der Richter konfrontierte den Angeklagten mit Abweichungen seiner Aussagen gegenüber dem Staatsanwalt und den Gerichtspsychiatern, die die Gutachten über ihn erstellt hatten. Die unterschiedlichen Aussagen konnte der 42-Jährige zumeist nicht begründen.

Angeklagter weist Vorsatz zurück

So wies er den Vorwurf des Vorsatzes zurück und gab an, die Tötung der Sozialtherapeutin nicht geplant zu haben. Zwei französischen Gerichtspsychiatern hatte er jedoch das Gegenteil gesagt. Allerdings räumte er ein, dass die Flucht nach Polen geplant gewesen sei.

Laut Anklage wollte er dort seine Ex-Freundin töten. Diese bleib jedoch verschont, weil sie der Angeklagte nicht auffinden konnte. Er wurde drei Tage nach der Bluttat an der deutsch-polnischen Grenze verhaftet und später an die Schweiz ausgeliefert.

Ob er erneut töten könnte, wollte der Gerichtspräsident vom Angeklagten wissen. «Sicherlich nicht», antwortete dieser am Montag. Am Morgen waren zunächst prozessuale Fragen verhandelt worden.

Die Verteidigung und die Anwälte der Angehörigen des Opfers verlangten, dass die Direktorin des unterdessen geschlossenen, auf Resozialisierung spezialisierten Zentrums La Pâquerette vor Gericht aussagt.

Keine neuen Zeugen

Wie beim ersten Prozess im Oktober hatte sie aber ein medizinisches Zeugnis vorgelegt, um nicht vor Gericht erscheinen müssen. Nach Angaben ihres Arbeitgebers, der Genfer Universitätsspitäler (HUG), ist sie seit September 2016 krankgeschrieben.

Das Gericht lehnte den Antrag ab und ebenso zwei weitere Anträge auf zusätzlichen Zeugen. Bei der ehemaligen Direktorin von La Pâquerette stelle sich nicht die Frage, ob eine Vorladung angebracht sei, sondern ob sie dazu im Stande sei, sagte Gerichtspräsident Roch.

Drohende Verwahrung

Die Verhandlung um das Tötungsdelikt musste neu aufgerollt werden, weil bisherigen Richter wegen Zweifeln an ihrer Unbefangenheit in den Ausstand treten mussten. Die neu bestellten Richter müssen wieder bei null anfangen. Von diesen ausserordentlichen Umständen merkte man am Montag nichts, die Gerichtsverhandlung begann ruhig und geordnet.

Anthamatten ist wegen Mordes, Freiheitsberaubung, sexueller Nötigung und Diebstahls angeklagt. Ihm droht eine lebenslängliche Verwahrung. Der Prozess wird am Dienstag fortgesetzt. Wann das Urteil gesprochen wird, ist noch offen.

(jen/bee/sda)