Familie soll nach Sri Lanka zurück

10. August 2018 19:09; Akt: 11.08.2018 15:23 Print

Der kleine Anish (12) steht kurz vor der Ausschaffung

von N.Thelitz/Q.Llugiqi - Anish Puvirathan (12) und seine Familie müssen zurück nach Sri Lanka. Dort drohe dem Vater Verfolgung, sagt sein Anwalt.

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«Ich schreibe Sie heute an, weil Sie meine letzte Hoffnung sind» – so meldet sich der zwölfjährige Anish Puvirathan aus Aesch ZH bei 20 Minuten. Er hat grosse Angst vor der Zukunft. Anfang Juni informierte das Staatssekretariat für Migration (SEM) seine Familie: «Sie müssen die Schweiz bis am 5. Juli verlassen.» Nun wartet der tamilische Bub mit seiner Familie in einer Aslyunterkunft im Kanton Zürich auf die Ausschaffung.

«Meine Eltern wurden sehr traurig», sagt der 12-jährige Anish, der perfekt Deutsch spricht, am Telefon. «Ich habe Angst, dass meine Familie auseinandergerissen wird. Weil mein Vater früher ein Tamil Tiger war, könnte er im Gefängnis landen. Ob er da lebend rauskommt, weiss ich nicht.»

«Dort kennen wir niemanden, haben kein Zuhause»

Er wolle die Schweiz nicht verlassen: «Ich war sechs Jahre alt, als wir in die Schweiz kamen. Hier gehe ich zur Schule und habe viele Freunde.» Seine zwei Brüder – Jonas (4) und Lukas (fast 1) – seien hier geboren: «Sie haben hier viel Spass und kennen Leute in ihrem Alter. In Sri Lanka kennen wir aber niemanden. Wir haben dort nicht einmal ein Zuhause.»

In einem Brief ans SEM setzen sich die Lehrer von Anish für ihn ein: «Wir sind geschockt, dass die Familie ausreisen muss», heisst es darin. Anish sei gut in der Klasse integriert, habe grosse Fortschritte gemacht und sei pflichtbewusst. «Wir empfinden es als unverhältnismässig, wenn Anish nach dieser langen Zeit aus seinem sozialen Gefüge herausgerissen wird und in ein Land zurückkehren muss, zu dem er keinen Bezug mehr hat.»

«Anish sah, wie seine Mutter sexuell missbraucht wurde»

Er habe Traumata erlitten und erhalte professionelle Unterstützung, schreiben die Lehrer. «Wir befürchten, dass sich seine psychische Verfassung durch den Abbruch dieser Begleitung wieder verschlechtern wird.» Anish sagt dazu: «Ich bin in Behandlung, weil ich gesehen habe, wie Soldaten meine Mutter geschlagen haben.» Sein Anwalt Gabriel Püntener konkretisiert: «Anish musste mit ansehen, wie seine Mutter in seinem Schlafzimmer von eine Männergruppe sexuell missbraucht wurde.» Die Mutter sagte aus, die Täter hätten erst von ihr abgelassen, als sie und Anish laut geschrien hätten.

Sein Vater, hinter dem die Männer her gewesen seien, habe fliehen können und sei dann mit der Familie in die Schweiz geflogen und habe Asyl beantragt. Im Verfahren gibt der Vater an, es habe sich bei den Angreifern um Männer von Karuna Amman gehandelt, einem Ex-Tamil-Tigers-Führer, der sich von der Bewegung abgespalten habe und mittlerweile im Parlament von Sri Lanka sitze.

«Dem Vater drohen lebenslange Haft und Folter»

Der Asylentscheid vom Oktober 2015 ist negativ. Verzweifelt wenden sich die Eltern von Anish an den Asylanwalt Gabriel Püntener, der sich auf Sri Lanka spezialisiert hat. Püntener ist gemäss «Tages-Anzeiger» der erfolgreichste Asylanwalt der Schweiz, seine Erfolgsquote bei Asyl-Beschwerden: 40 Prozent. «Ich nehme nur Fälle an, bei denen ich weiss, dass es eine gute Chance gibt, dass die Leute bleiben können», sagt Püntener. «Ich habe sofort gemerkt: Die Ablehnung war ein krasser Fehlentscheid.»

Es sei klar belegt, dass sich Anishs Vater bei den Tamil Tigers ab 1999 zwei Jahre lang zum Kämpfer ausbilden liess. Andere seien von den Sicherheitskräften in Sri Lanka wegen viel weniger gefoltert worden. «Die Regierung will ein Exempel an den Rückkehrern statuieren», sagt Püntener. Denn: Im Exil gebe es noch Anhänger der Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE), in Sri Lanka weniger. «Dem Vater drohen bei der Rückkehr lebenslange Haft und Folter, zudem verschwinden in Sri Lanka immer noch viele Menschen.»

SEM und Bundesverwaltungsgericht glauben Anishs Vater nicht

Püntener legt ein Foto vor, dass den Vater in einer LTTE-Ausgänger-Uniform zeigen soll. «Wenn wir es haben, dann hat es der Überwachungsapparat in Sri Lanka auch.» Zudem habe Anishs Vater am Ellbogen Narben, die von typischen Militärmanövern der Tamil Tigers – etwa am Boden robben – stammen. «Die Behörden erkennen diese sofort.»

Gegen den negativen Asylentscheid reichte Püntener Beschwerde ein – erfolglos. Wie das SEM glaubte auch das Bundesverwaltungsgericht Anishs Vater nicht, dass er von einer Gruppe Karuna-Männer verfolgt wurde. Es sei nicht nachvollziehbar, warum diese Gruppe nach langer Zeit plötzlich wieder hinter ihm her sein solle. Es sei auch unklar, ob auf dem Foto tatsächlich Anishs Vater zu sehen sei. Die Narben seien höchstens «schwach risikobegründend». Der Vater habe höchstens einen Background-Check zu befürchten.

Anish ist für die Behörden im «anpassungsfähigen Alter»

Anish und seine Brüder seien noch in einem anpassungsfähigen Alter, und es sei davon auszugehen, dass die «sozialen Beziehungen in erster Linie innerhalb der Familie angesiedelt sind». Er sei nicht so stark in der Schweiz verwurzelt, dass eine Ausschaffung unzumutbar sei, so das Bundesverwaltungsgericht.

Der psychische Zustand von Anish und seiner Mutter hat sich laut Püntener im Asylzentrum derweil weiter verschlechtert, die Traumata kämen wieder hoch. Der Anwalt hat darum am Dienstag erneut ein Asylgesuch eingereicht. Der Zustand sei schwere Erkrankung zu werten, eine Ausschaffung sei somit nicht zulässig. Und Püntener will weiterkämpfen: Sobald die Schweiz bei der sri-lankischen Botschaft Papiere für die Familie beantrage, sei der Vater wieder auf dem Radar des Geheimdienstes. Somit gebe es eine neue Sachlage, er könne darum gleich ein weiteres Asylgesuch einreichen, sagt Püntener.

«Genau diese Aspekte werden detailliert geprüft»

SEM-Sprecher Lukas Rieder betont: «Wir führen in jedem Fall sorgfältige Einzelfallprüfungen durch, wobei genau diese Aspekte detailliert geprüft werden.» Es sei grundsätzlich möglich, ein neues Asylgesuch einzureichen. Liege eine neue Sachlage betreffend der Flüchtlingseigenschaft vor, handle es sich um ein Mehrfachgesuch – dieses löse ein neues Asylverfahren aus. «Dessen Ausgang darf die asylsuchende Person in der Schweiz abwarten.»

Gebe es neue Hindernisse für eine Ausschaffung, könnten diese im Rahmen eines Wiedererwägungsgesuches vorgetragen werden. Bis dieses behandelt sei, sei eine Sistierung der Ausschaffung möglich, sagt Rieder. «Allerdings führen gesundheitliche Probleme nur dann zur Unzumutbarkeit des Ausschaffung, wenn sich im Heimatland wegen fehlender medizinischer Behandlungsmöglichkeiten der Gesundheitszustand der betroffenen Personen so stark verschlechtern würde, dass deren Leben in Gefahr geriete.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Olaf Rustle am 10.08.2018 19:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Temporär

    Asyl war nie als Daueraufenthalt gedacht...

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  • El perro am 10.08.2018 19:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Na klar

    Es findet doch jeder einen Grund, weshalb man ihn nicht zurück schicken darf. Und wenn noch ein Kind dazu kommt, geht's ja schon gar nicht. Und weil eins vielleicht noch nicht genug ist, macht man halt noch zwei weitere. Und die Schweiz soll schön brav zahlen.

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  • Lara am 10.08.2018 20:50 Report Diesen Beitrag melden

    Die ewige mitleidstour

    Es gibt gesetze auch für leute die das nicht wollen

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Peter am 11.08.2018 16:56 Report Diesen Beitrag melden

    So ist das Leben als "Freiheitskämpfer"

    Sorry aber das ist ein (ehemaliger?) Terrorist (LTTE), nun ist der Aufstand in seinem Land beendet und er muss sich evtl. für seine Taten verantworten.

  • gloria derungs am 11.08.2018 16:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    asylwesen umkrempeln

    wir müssen nur noch temporär asyl aussprechen, es ist zumutbar, dass jemand auch nach 10 jahren in sein land zurück muss. asyl darf kein bleiberecht beinhalten.

  • rabb am 11.08.2018 16:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    wir haben gesetze!

    wir haben regeln und deise sind eknzuhalten! ich verstehe auch nicht weshalb terrorverdächtige nicht ausgeschaft werden können, eine Familie aber schon. wenn dies jedoch entschieden ist, sollen sie das einhalten! asyl, ist vorübergehen! dies isg nicht für immer! ich alls schweizer muss auch über die runden kommen, wir müssen das alles bezahlen! hätte auch gerne alles vom staat bezahlt! als schweizer kann man sich heute Kinder ja fast nicht mehr leisten... aber den asylanten wird alles bezahlt!

  • Die Mutti am 11.08.2018 16:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    So ist das Gesetz..

    Sie kennen niemand in ihrer Heimat! Hier haben sie auch keinen gekannt und sie sind doch in der Schweiz geblieben. Leider wurde im Text nicht gesagt, von was die Familie in der Schweiz lebt. Ob die Eltern einer geregelten Arbeit nachgehen-oder ob die ganze Familie von der Sozialhilfe lebt.

  • Strolchi am 11.08.2018 16:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ein bisschen spät, aber besser als nie!

    Da hat also nun ein Terrorist Angst, nach Hause zurückzukehren! Ist schon feige, sich hier zu verkriechen und einen auf harmlos zu machen, weitere Kinder in die Welt zu setzen und zu meinen, man könne hierbleiben! Hätte sich vorher überlegen sollen, ob er den Tamil Tigers beitritt oder nicht! Nun muss er halt die Konsequenzen tragen! Einziger Vorwurf an die CH: man hätte die Familie schon viel früher ausweisen müssen!