Stapelweise Vorräte

13. Februar 2018 11:58; Akt: 13.02.2018 12:27 Print

Jagen Sie Schnäppli oder lassen die Sie kalt?

von D. Pomper - Juckt es Sie in den Fingern, wenn Sie ein reduziertes Multi-Pack Orangensaft sehen? Oder gehören Sie zu denen, die stoisch an den Aktionen vorbeigehen? Eine Typologie.

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Es gibt Menschen, die können sich nicht halten, wenn sie ein reduziertes Multipack Eistee sehen. Sie klemmen sich so viele Packungen unter den Arm, wie sie nur zu tragen vermögen, schreiten schwitzend und keuchend, aber mit einem Lächeln auf dem Gesicht, zur Kasse. Dann verlassen sie – im Wissen, dass sie 3.25 Franken gespart haben – beschwingt den Laden. Noch geflasht vom kräftigen Endorphin-Ausstoss, den ihnen der Einkauf beschert hat.

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Sind Sie ein Schnäppchen-Jäger?

Und dann gibt es Menschen, die mit leiser Verachtung den aufgeregten Multipack-Schnäppli-Jäger beäugen, stoisch an den Aktionen vorbeigehen und sich dann die 1-Liter-Milchpackung aus dem Kühlregal schnappen (mit Vorliebe die super-biologische Demeter-Vollmilch, die von Kühen mit Hörnern stammt), leichten Fusses zur Kasse schreiten und – im Wissen, dass sie etwas Gutes tun für die Welt (und sei es nur im Kleinen) – der Kassiererin die 2.35 Franken in die Hand legen. Oft rundet dieser Kunde auf 2.50 Franken auf und sagt dann mit einem wohlwollenden Lächeln (im Wissen, dass es Kassiererinnen nicht immer leicht haben im Leben): «De Rescht isch für Sie.»

Wirtschaftspsychologe Christian Fichter hat die beiden Konsumtypen für 20 Minuten analysiert. Er betont, dass es nicht den einen Konsumtypen gibt. «In jedem von uns steckt sowohl der Schnäppli-Jäger wie auch der werte- oder statusorientierte Konsument.» Auch der statusorientierte Käufer kaufe sich eher dann einen exklusiven Sportwagen, wenn es darauf Rabatt gibt.

Der Schnäppli-Jäger

Der klassische Schnäppli-Jäger ist ein Maximierer, der seinen finanziellen Nutzen stets optimieren will. Er handelt aus reinem ökonomischem Egoismus. Er glaubt, je mehr er von einem reduzierten Produkt einkaufe, desto mehr profitiere er davon.

Vorteile:
Rein mathematisch gesehen spart der Konsument Geld.

Nachteile:
Der Schnäppli-Jäger spart zwar Geld. Aber viele vergessen, dass er die Ressource Zeit verliert. Prospekte nach Aktionen durchzublättern, sogenannte Schweinebauch-Inserate zu sammeln, Coupons auszuschneiden und dann von Laden zu Laden zu hetzen, um all die Schnäppli zu ergattern, benötigt Zeit. In dieser könnte man spazieren, meditieren, ein Buch lesen oder sonst etwas unternehmen, was das persönliche Wohlbefinden steigert. Hinzu kommt: Oft türmen sich die Aktions-Produkte in der Vorratskammer und werden gar nicht konsumiert. Denn seien wir ehrlich: Wer braucht schon 100 Liter Milch oder 200 Gläser Konfi?

Tipps:
Schnäppli-Jäger sollten sich überlegen, was das Ziel ihres wirtschaftlichen Handelns ist: Lohnt es sich wirklich, immer und überall den letzten Rabatt rauszuholen? Oder will man stattdessen nicht mit anderen Tätigkeiten etwas mehr Sinn im Leben erfahren? Am Sterbebett bereut es kaum einer, zu wenig Schnäppchen gemacht zu haben. Stattdessen bereuen es viele, zu wenig Zeit mit der Familie oder Freunden verbracht zu haben. Neue Studien zeigen, dass es sinnvoll ist, sein Geld mit dem Ziel einzusetzen, sich möglichst viel Zeit zu gönnen. Menschen, die dazu neigen, sich auf Schnäppchen einzuschiessen, sollten ihre Einkäufe sorgfältig planen. Das heisst: Sie sollen sich nicht daran orientieren, was sie wo so günstig wie möglich kaufen können, sondern nur daran, was sie wirklich brauchen.

Der «Ich-pfeiffe-auf-Schnäppli»-Typ

Hier muss man zwei Typen unterscheiden. Einerseits gibt es den werteorientierten Konsumenten, der sich am Gemeinsinn orientiert. Der andere Typ ist der statusorientierte Konsument. Das ist derjenige, der für alle sichtbar in der Küche das edle Himalaya-Salz aufstellt. Er will damit anderen demonstrieren, dass er sich teure Produkte leisten kann. Manchmal vermischen sich die beiden Typen. Das sind dann die Menschen, die ihren teuren Fair-Food-Kaffee zur Schau stellen.

Vorteile:
Werteorientierte Konsumenten sind die Art von Menschen, die auf der Strasse stehen bleiben und ein Kätzchen streicheln. Oder denen bewusst ist, dass hinter dem Liter Milch eine Kuh steht sowie ein Bauer. Sie nehmen ihre Verantwortung als Konsument wahr, was vorbildlich ist.
Statusorientierte Konsumenten finden, dass es im Leben auf Leistung und Macht ankommt, und sie wissen, wie man diese Motive durch den Konsum entsprechender Güter ausdrücken kann.


Nacheile:
Werteorientierte Konsumenten neigen dazu, Werte-Fundis zu werden und in ihrem Dinkelbrot-Amaranth-Müesli-Yoga-Mikrokosmos abzutauchen. Nicht selten fühlen sie sich gegenüber anderen Menschen moralisch überlegen und entwickeln einen Hass auf die Welt.
Statusorientierte Konsumenten kaufen oft Markenprodukte, die mit einem exklusiven Image aufgeladen, aber eigentlich nicht besser als das 08/15-Produkt sind. Sie laufen ausserdem Gefahr, sich zu sehr von ihrer gesellschaftlichen Position abhängig zu machen. Sie empfinden häufig Statusangst, und manche versuchen, dieser Angst durch den Konsum von vermeintlich exklusiven Markenprodukten zu entkommen. Allzu leicht landen diese Konsumenten in der Schuldenfalle.


Tipps:
Werteorientierte Konsumenten, macht weiter so! Aber bleibt dabei entspannt. Und seid euch bewusst, dass Bio nicht zwangsläufig auch gesund bedeutet.
Statusorientierte Konsumenten, schaut nicht nur auf die schöne Verpackung. Überlegt euch, was hinter dem Produkt steckt, und nehmt eure Verantwortung als Konsument wahr.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Simba74 am 13.02.2018 12:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    effektiv gespart habe ich,

    wenn ich nur das kaufe was ich tatsächlich benötige. Klappt immer.

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  • R. Lerch am 13.02.2018 12:05 Report Diesen Beitrag melden

    kein Stress

    Das Leben ist viel zu kurz als dass man es mit solchen Nichtigkeiten "füllt". Ich geniesse das Leben und lasse mir von niemandem vorschreiben oder "empfehlen" was ich zu kaufen habe. Das mag etwas teurer sein, dafür habe ich auch keinen Stress.

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  • Ulululu am 13.02.2018 12:09 Report Diesen Beitrag melden

    Sparing

    Ob Aktion oder nicht: Indem ich kein Geld ausgebe, spare ich es ein. So beschenke ich mich auch immer zu Weihnachten, denn das gesparte Geld ist auch ein Geschenk, anstatt es in chinesischen Plunder anzulegen ;-)

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Dr. Sale am 14.02.2018 17:15 Report Diesen Beitrag melden

    Jeden Tag Schnäppchen

    Klappt nicht mehr. Es ist ja immer "Sale". Hat für mich komplett die Wirkung verloren. Aber mehr als hingeschaut habe ich meistens nicht. Kaufe nur was du brauchst. So einfach.

  • Knorrli am 14.02.2018 15:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gesteuert

    Vielfach sind es ungesunde Sachen die in grossen Aktionen zu kaufe sind, Zufall, eher nicht!

  • Ian F. am 14.02.2018 12:46 Report Diesen Beitrag melden

    Ein interessantes Hobby

    Eigentlich hab ich viel mehr als genzügend Geld, aber hab mir zum Hobby gemacht, rein nichts zum vollen Preis zu kaufen und nur extrem stark reduzierte Preise zu zahlen. Vom Brot bis zu meinem Mercedes!

  • Bruno am 14.02.2018 12:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    2für eins genötigt

    Eine Kassiererin hat mich geradezu genötigt eine zweite Packung zu holen, weil es 2für eins gab... Ich hab's gesehen und es war mir egal. Ich kaufe nur das was ich brauche..

  • Rafaela, Jona-Rapperswil am 14.02.2018 12:27 Report Diesen Beitrag melden

    5½-Zimmer-Wohnung gemietet

    Ich habe eigens wegen der vielen Schnäppchen, die ich in Deutschland (selten in der Schweiz) kaufe, eine zusätzliche 5½-Zimmer-Wohnung gemietet.