Touristen in Zermatt

10. Januar 2018 18:52; Akt: 10.01.2018 20:47 Print

«Wir teilen hier alle dasselbe Schicksal»

Via Luftbrücke flog ein Reporter ins Bergdorf, wo die Touristen zwei Tage lang festsassen. Die Stimmung war gelassen – nur an den Hotel-Rezeptionen entluden sich die Emotionen.

Touristen im Interview mit 20 Minuten. (Video: 20 Minuten/ber)
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Bis Mittwoch sassen Tausende Touristen im Bergdorf Zermatt fest. Viele wollten bereits am Dienstag mit dem Heli runter nach Täsch fliegen, um von da aus nach Hause zu reisen. Doch nach zwei Stunden musste die Air Zermatt den Betrieb bereits einstellen.

Am Mittwochmorgen kam die frohe Botschaft, ab 11.15 würden wieder Züge nach Täsch fahren. Doch kurz vor 11 Uhr löste sich eine Lawine und verschüttete die Gleise. «Zum Glück ging sie nieder, bevor der erste Zug losfuhr», sagt ein Leser-Reporter zu 20 Minuten. «Nicht auszudenken, wenn die Schneemassen den vollbesetzten Zug getroffen hätten.»

Reisewillige mussten bis 2 Stunden warten

Immerhin konnten ab Mittag wieder Gäste ausgeflogen werden. Touristen eilten zu den Helis, um für 70 Franken den rund 5-minütigen Flug nach Täsch anzutreten.

Der 20-Minuten-Reporter hatte den umgekehrten Weg genommen. Im Anflug auf Zermatt war auf dem Landeplatz schon von Weitem eine grosse Menschenschlange zu sehen.

«Ich stehe schon eine über eine Stunde an», sagte eine ältere deutsche Touristin. «Es geht Schritt für Schritt voran.» Sie freue sich zwar auf den Flug, aber ihr Herz schlage schon etwas höher. Ein Skigast erzählt, dass er schon am Dienstag angestanden sei, er aber leider keinen Platz mehr ergattern konnte. Am Mittwoch wartete er gut zwei Stunden in der Schlange – für ihn reichte es schliesslich noch auf einen Flug nach Täsch.

«Organisation ist top»

Ebenfalls einen Flug erwischt hat ein Geschäftsmann aus Zermatt. «Ich muss unbedingt nach Crans Montana an eine Konferenz. Sie hat schon ohne mich begonnen und ich konnte nicht hin», klagte er.

Der Zermatter findet, dass die Stimmung unter den Gästen sehr gut sei. «Und es ist alles top organisiert.» Dieser Meinung ist auch Beat (40) aus Bern: Die Feuerwehr und die Behörden würden ihre Arbeit gut machen: «Wir teilen hier alle dasselbe Schicksal. Und es fehlt uns an nichts – ausser Tageszeitungen.»

Luftbrücke schon wieder eingestellt

Am Nachmittag kurz nach 15 Uhr wurde die Sicht immer schlechter. Schliesslich musste die Luftbrücke erneut eingestellt werden. Dumm gelaufen: Auch der 20-Minuten-Reporter kam vorerst nicht mehr zurück.

Im Dorf war die Stimmung trotzdem gut – immerhin waren die Pisten wieder offen und die Gäste, die sich ohnehin fürs Bleiben entschieden hatten, konnten die Schneemassen endlich ausgiebig geniessen. Eine ältere Einheimische sagt: «Wissen Sie, für mich ist hier oben immer wie Ferien. Jetzt dürfen die anderen auch mal ein paar Tage länger bei uns geniessen.»

Bäcker und Masseurin hatten Freude

«Das Dumme ist nicht, dass wir nicht runter können, sondern dass unsere Mitarbeiter zwei Tage lang nicht zu uns hoch konnten», so eine Bäckerin aus dem Ort. Immerhin hatte sie vor der Sperrung noch eine Ladung Mehl erhalten. «Wir hatten alles zum Backen und konnten unsere Gäste durchgehend versorgen.»

Melanie (26), die als Masseurin in einem Hotel arbeitet, sagt: «Wir wurden ziemlich überrannt im Wellness-Bereich. Alle wollten baden gehen und wellnessen.»

Gewettert – und weniger bezahlt

Nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen hat hingegen ein Hotelangestellter erlebt, wie er gegenüber 20 Minuten schildert. In welchem Hotel er arbeitet, will er nicht sagen, denn: «Einige Gäste waren schon sehr aufgebracht. Vor allem jene, die am Dienstag unbedingt runterfliegen wollten, aber keinen Platz bekamen, haben sich massiv geärgert.» Wer wetterte, habe deshalb eine Reduktion auf die Hotelnacht bekommen.

Der 20-Minuten-Reporter blieb gleich im verschneiten Zermatt – obwohl ab 17.15 Uhr die Züge wieder regulär fuhren.

(ber/ct)