Verborgene Sucht

13. November 2017 18:39; Akt: 13.11.2017 18:39 Print

Jeder 10. Schweizer nimmt Beruhigungspillen

Zehn Prozent der Schweizer Bevölkerung nehmen sedierende Pillen ein. Suchtexperten warnen vor körperlicher Abhängigkeit – und nehmen Ärzte in die Pflicht.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

In den vergangenen 12 Monaten hat jeder Zehnte in der Schweiz ein starkes Schlaf- oder Beruhigungsmittel eingenommen. Suchtexperten zeigen sich besorgt. «Diese Medikamente weisen nach dem Alkohol die grösste Missbrauchsproblematik auf», sagt Domenic Schnoz von der Zürcher Fachstelle zur Prävention des Alkohol- und Medikamentenmissbrauchs zum «Tages-Anzeiger».

Umfrage
Nehmen Sie ein Schlaf- oder Beruhigungsmittel?

Im Gegensatz zu Alkohol und anderen Drogen findet der Missbrauch von Schlaf- und Beruhigungsmitteln – beispielsweise Benzodiazepine wie Temesta oder Xanax – häufig im Verborgenen statt. «Sie sind bei lang anhaltendem Gebrauch mit erheblichen Risiken für die physische und psychische Gesundheit verbunden», warnt Monique Portner von Sucht Schweiz. Eine tägliche Einnahme solcher Medikamente während ein oder zwei Monaten führe normalerweise zu einer körperlichen Abhängigkeit mit ausgeprägten Entzugssymptomen bei der Absetzung.

Tiefe Dosierungen bei den meisten Verschreibungen

Jedoch herrscht unter Fachleuten keine Einigkeit, wann jemand von Medikamenten abhängig ist. «Definiert man die maximal empfohlene Einnahmedauer von wenigen Wochen als Grenze, weisen 400'000 Schweizer einen problematischen Konsum auf», sagt Suchtexperte Schnoz.

Thilo Beck, Chefarzt Psychiatrie der Arud-Zentren für Suchtmedizin, entgegnet, dass es sich bei den meisten Verschreibungen um tiefe Dosierungen zur Behandlung chronischer Schlafstörungen handle. «Bei diesen Personen kann von einer sogenannten Low-Dose-Abhängigkeit gesprochen werden, die auf die Lebensführung vergleichsweise wenig negative Auswirkungen hat.» Bei älteren Menschen bestehe aber vermehrt die Gefahr des Sturzrisikos, kognitiver Beeinträchtigungen und Einschränkungen der Fahrtüchtigkeit.

Nicht geeignet zur Stressbehandlung

Die Sensibilisierung hinsichtlich des Suchtpotenzials sei unter Ärzten unterschiedlich, stellt Schnoz fest. «Wir beobachten etwa, dass manche ältere Ärzte Benzodiazepine schneller verschreiben als jüngere.»

Josef Hättenschwiler, Chefarzt des Zentrums für Angst- und Depressionsbehandlung Zürich, widerspricht: Benzodiazepine würden in der Regel sorgfältig verschrieben. Er räumt aber ein, dass sie bei bestimmten Indikationen zu häufig und zu lange verschrieben würden: «Die Medikamente eignen sich klar nicht zur Behandlung von Alltagsstress.»

(sul)

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • TabuThema am 13.11.2017 19:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die Folgen von Wirtschaftswachstum

    ohne Ende, mehr Umsatz, mehr Gewinn, mehr Druck aber vor allem viel mehr psychisch kaputte Menschen! Die traurige Tabu-Realität!

    einklappen einklappen
  • P. Sanders am 13.11.2017 18:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    System , ich sage danke

    Dies ist eine logische Konsequenz. Da unser Tag/Nachtrhytmus komplett aus dem Gleichgewicht fällt (Vollzeitjob sei dank) muss die Gesellschaft irgendwie viele Stunden früher als normal zu Bett gehen, um ein Mindestmass an Schlaf zu kriegen. 2 Tage in der Woche reichen nicht um sich von 45 Stunden arbeit zu erholen, aber die Industrie will ja irgendwie künstlich am Leben erhalten werden von uns Robotern. Aber was solls, unser Zuwachs in der Schweiz will halt ernährt werden

    einklappen einklappen
  • Miss T am 13.11.2017 18:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schlaflos

    Die Schichtarbeit macht mich fertig. Manchmal kann ich tagelang nur noch 2-3 Stunden schlafen. Habe alles probiert aber leider benötige ich dann eine Schlaftablette sonst halte ich eine 7 Tage Woche nicht durch.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • David Speishändler am 15.11.2017 09:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Der Druck

    Immer mehr Menschen vergessen die Realität für was wir leben. Wenn wir uns ein wenig einschränken und weniger ausgeben, weniger von uns fördern sowie auch lernen zu entspannend und abschalten, dann geht der Stress auch sofort runter. Auch sollte n die Monopolisten oben an ihre Mitarbeiter denken, denn ohne uns Kleinbürger würden die schliesslich keine Monopolisten sein. Wie sagt das gute Sprichwort weniger ist mehr. Liebe Leute man sollte seine Grenzen kennen und nichts überstürzen. Mal nein sagen ist wichtig im Leben. Für den Körper, Geist und die innere Ruhe. Also dann mal Umdenken..

  • Apothekerin am 14.11.2017 14:12 Report Diesen Beitrag melden

    Falsche Prouktbilder - kein Schlafmittel

    Ventolin und Irfen sind KEINE Beruhigungs- oder Schlafmittel und haben auf diesem Bild in dem Zusammenhang nichts verloren! Ventolin ist ein Medikament gegen Atemnot bei Asthma und Irfen ein Schmerzmittel.

  • Florian am 14.11.2017 13:54 Report Diesen Beitrag melden

    Gleicher Effekt

    Meditation wäre eine sinnvolle Betätigung um herunterzukommen.

  • Asterix am 14.11.2017 12:53 Report Diesen Beitrag melden

    Aussage korrekt?

    Jeder 10. Schweizer oder jeder 10. in der Schweiz lebende? Oder wird man automatisch Schweizer, wenn man Beruhigungspillen schluckt?

  • Remo am 14.11.2017 12:15 Report Diesen Beitrag melden

    Symptombekämpfung

    Statt das Problem an der Wurzel zu packen, pumpen sich Viele täglich mit Tabletten voll...