Antibiotika-Resistenz

14. November 2017 09:57; Akt: 14.11.2017 09:57 Print

Hunderte Tote wegen resistenter Keime

Der Bund ruft zum Kampf gegen Antibiotika-Resistenzen auf. 20 Minuten beantwortet die drängendsten Fragen zu den tödlichen Keimen.

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Laut der schweizerischen Expertengruppe im Bereich Infektiologie und Spitalhygiene (Swissnoso) treten hierzulande jährlich rund 70'000 spitalbedingte Infektionsfälle auf, die bei rund 2000 Patienten zum Tode führen. Viele Bakterienstämme würden auf eine Therapie mit herkömmlichen Antibiotika nicht mehr reagieren. Die Weltgesundheitsorganisation hat diese Woche zur «Antibiotika-Awareness-Woche» ausgerufen. «Antibiotikaresistenzen gehören heute zu den grossen globalen Herausforderungen», schreiben auch die Bundesräte Alain Berset und Johann Schneider-Ammann in einer Mitteilung. Beispielsweise hat sich die Zahl der Infektionen durch Escherichia-coli-Bakterien (Keime, die oft Blasenentzündungen verursachen und gegen Fluorchinolon-Antibiotika resistent sind) seit 2004 verdoppelt: Jede fünfte Ansteckung mit diesem E-coli-Stamm lässt sich nicht mit einer herkömmlichen Antibiotika-Kur heilen. «Die Zahl der mit resistenten Keimen infizierten Personen nimmt auch in der Schweiz zu», sagt Dr. Andreas Kronenberg, der Leiter des Schweizerischen Zentrums für Antibiotikaresistenzen. Zwar gebe es für die Schweiz keine offiziellen Zahlen. Er rechne aber mit «mehreren hundert Todesfällen in der Schweiz». Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern ist der Antibiotikakonsum in der Schweiz pro Kopf relativ gering. Auf kantonaler Ebene zeigen sich jedoch erhebliche Unterschiede. Westschweizer Kantone weisen einen höheren Pro-Kopf-Verbrauch von Antibiotika auf als gewisse Kantone der Deutschschweiz, wie das Bundesamt für Gesundheit (BAG) schreibt. Auch die Landwirtschaft benutzt Antibiotika. Der Antibiotikagebrauch ist in den letzten Jahren allerdings zurückgegangen, wie ein Bericht des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) zeigt. Der Verbrauch sank von 68'843 Tonnen im Jahr 2008 auf 37'575 Tonnen im Jahr 2016.

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Die Weltgesundheitsorganisation hat diese Woche zur «Antibiotika-Awareness-Woche» ausgerufen. «Antibiotikaresistenzen gehören heute zu den grossen globalen Herausforderungen», schreiben auch die Bundesräte Alain Berset und Johann Schneider-Ammann in einer Mitteilung. Wie gross ist das Problem in der Schweiz? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

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Wie viele Personen sterben jedes Jahr an Antibiotikaresistenzen?
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass in der EU jedes Jahr 25’000 Personen an multiresistenten Keimen sterben. Laut der schweizerischen Expertengruppe im Bereich Infektiologie und Spitalhygiene (Swissnoso) treten hierzulande jährlich rund 70’000 spitalbedingte Infektionsfälle auf, die bei rund 2000 Patienten zum Tode führen. Viele Bakterienstämme würden auf eine Therapie mit herkömmlichen Antibiotika nicht mehr reagieren. Beispielsweise hat sich die Zahl der Infektionen durch Escherichia-coli-Bakterien (Keime, die oft Blasenentzündungen verursachen) und gegen Fluorchinolon-Antibiotika resistent sind, seit 2004 verdoppelt: Jede fünfte Ansteckung mit diesem E-Coli-Stamm lässt sich nicht mit einer herkömmlichen Antibiotika-Kur heilen.

Wie viele Todesfälle in der Schweiz durch resistente Erreger verursacht werden, ist unbekannt. «Die Zahl der mit resistenten Keimen infizierten Personen nimmt aber auch in der Schweiz zu», sagt Dr. Andreas Kronenberg, der Leiter des Schweizerischen Zentrums für Antibiotikaresistenzen. Zwar gebe es für die Schweiz keine offiziellen Zahlen. Er rechnet aber mit «mehreren hundert Todesfällen in der Schweiz».

Warum sind immer mehr Bakterien resistent?
Für Kronenberg gibt es dafür mehrere Gründe: Erstens zeigen verschiedene Studien, dass die Zahl von resistenten Keimen steigt, je häufiger Antibiotika eingesetzt werden. Zweitens kann es auch innerhalb von Spitälern zu einer Übertragung resistenter Keime kommen. Die Spitalhygiene habe aber in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht. Und drittens spiele der internationale Verkehr von Personen und Gütern eine wesentliche Rolle. «Viele resistente Keime werden eingeschleppt.»

Welche Reiseorte sind von resistenten Keimen besonders betroffen?
Patrice Nordmann, der Direktor des Nationalen Referenzlaboratoriums zur Früherkennung neuer Antibiotikaresistenzen, sagt: «Besonders in Osteuropa, zum Beispiel in Polen, Ungarn oder Tschechien und in den Ländern Südeuropas wie Italien, Griechenland oder der Türkei ist das Problem resistenter Bakterien gross.» Vor dem südlichen Nachbarn warnt er: «Italien kann gar als ein europäisches Epizentrum resistenter Bakterien bezeichnet werden.»

Wie häufig werden Antibiotika in der Schweiz benutzt?
Der Antibiotikakonsum in der Schweiz ist mit dem in Europa vergleichbar. Innerhalb der Schweiz zeigen sich jedoch erhebliche Unterschiede auf kantonaler Ebene. Westschweizer Kantone weisen einen höheren Pro-Kopf-Verbrauch von Antibiotika auf als gewisse Kantone der Deutschschweiz, wie das Bundesamt für Gesundheit (BAG) schreibt.

Auch die Landwirtschaft benutzt Antibiotika. Der Antibiotikagebrauch ist in den letzten Jahren allerdings zurückgegangen, wie ein Bericht des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) zeigt. Der Verbrauch sank von 68’843 Tonnen im Jahr 2008 auf 37’575 Tonnen im Jahr 2016. Das entspricht einem Rückgang von 45 Prozent. Die Reduktion sei dabei nicht auf eine kleinere Nutztierpopulation zurückzuführen, sondern auf eine geringere Nutzung pro Nutztier, wie das BLV schreibt.

Was tut die Schweiz gegen die resistenten Bakterien?
Der Bund hat vor zwei Jahren die Strategie Antibiotikaresistenzen ausgerufen, die die Früherkennung von resistenten Keimen und eine schnelle Isolation von betroffenen Patienten zum Ziel hat. Auch die industrielle Tierhaltung gilt als Brutstätte für antibiotikaresistente Bakterien. In der Landwirtschaft dürfen Bauern seit 2015 Antibiotika nur noch vom Tierarzt beziehen. »Nicht nur in der Humanmedizin, auch auf den Bauernhöfen sollte die Abgabe von Antibiotika an Nutztiere möglichst gesenkt werden», findet Kronenberg. Der Landwirtschaft den schwarzen Peter zuschieben will er aber nicht. «Ganz ohne Antibiotika wird es nicht gehen.» Die Trinkwasser-Initiative, die schon 115'000 Personen unterschrieben haben, will den Druck auf die Bauern erhöhen: Sie verlangt, dass der Bund Direktzahlungen an Betriebe einstellt, die aufgrund ihrer Produktionsweise regelmässig Antibiotika einsetzen.

(dk)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Meimei am 14.11.2017 10:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Holland als Vorbild

    in Hollands Spitälern kennt man resistene Keime kaum. Da muss man erst einen Check machen und ist jemand positiv gehts ab in die Quarantäne. Besucher und Patienten gleichermassen. Das ist seit längerem bekannt warum ist das bei uns ein Problem?

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  • tim am 14.11.2017 10:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    wird Zeit das wir gehen.

    Keime sind die Waffen der Natur, die Erde wird sich von uns erholen. Gute Gesundheit

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  • mika gro am 14.11.2017 10:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    gehe andere wege, mit ERFOLG !!!

    da muessten mal besonders die aerzte gewarnt werden. fuer alles gibts einfach antibiotika. leider haben wir zu wenig aerzte die da wirklich bescheid wissen. es gibt andere moeglichkeiten aber will das den jemand ueberhaupt wissen, NEIN. kommt halt nicht aus den super gross verdienenden chemie firmen, also wird sogar noch dagegen gekaempft mit politischer unterstuetzung.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Barbara am 15.11.2017 22:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Billigfleisch

    KFC will in die schweiz, und alle rennen hin. dabei ist es das unter katastrophalen bedingungen produzierte billigfleisch, das schuld ist an resistenten keimen: weil in der tiermast, insb beim geflügel, massiv antibiotika eingesetzt werden, wirken die nicht mehr beim menschen und wir sterben wieder an vergleichsweise harmlosen infektionen. mit einer absolut tierquälerischen fleischproduktion haben wir uns um eine der grossen errungenschaften, das penicillin, gebracht!

  • sigmund leu am 15.11.2017 19:27 Report Diesen Beitrag melden

    der Weltbevölkerung würde es gut tun

    Die meisten Leute verwechseln da was.. Die Keime werden resistent und nicht unser Körper. Die Gefahr besteht schon lange, dass es einmal ein aggressiver Virus entwickeln könnte.

  • Dane Wiginton am 15.11.2017 14:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Es wäre an der Zeit.

    Wir haben in Bern auch resistente keime, mit etwas gutem willen der Bevölkerung kann man diese ohne grösseren schaden zu erleiden abwählen.

  • dicky darrach am 15.11.2017 11:18 Report Diesen Beitrag melden

    einer stirbt , der andere wird geboren

    Wir Menschen haben dass gewollt. Was ist jetzt so schlimm. Es ist ein kommen und gehen. Trotzdem haben wir eine ungeheure Menschenvermehrung.

  • Matthias am 15.11.2017 07:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Tier bekommen mehr wie wir

    Es liegt doch nicht nur an den Spitälern das wir so viele Multiresistente Bakterien haben. Es werden doch mehr Antibiotika in der Tierzucht verbraucht als wir Persönlich essen. Wir nehmen Täglich beim Fleischkonsum Antibiotika zu uns. Die Tier Industrie und die Staaten muss endlich was tun..