Fall Adeline

19. Mai 2017 17:08; Akt: 19.05.2017 17:13 Print

Fabrice Anthamatten will sich ändern

Die Verteidigung des Angeklagten im Adeline-Prozess versucht, die lebenslängliche Verwahrung zu verhindern. Am letzten Prozesstag ist auch Fabrice Anthamatten zu Wort gekommen.

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Bat vor Gericht nicht um Vergebung: Fabrice A., hier bei einer Anhörung zu seiner Auslieferung vor einem Gericht im polnischen Szczecin. (22. Oktober 2013) Ihr Mandant habe nur den Gefängnisausbruch, nicht aber den Mord geplant: Die Anwälte von Fabrice A., Yann Arnold (l.) und Leonardo Castro. (15. Mai 2017) Täter Fabrice A. wusste von der Beziehung der beiden Therapeuten Adeline und Juan: Juan P., der Lebenspartner der ermordeten Adeline, spricht zu Reportern vor dem Gericht in Genf. (15. Mai 2017) «Auf diese Art und Weise ist es entsetzlich»: Adelines Eltern Esther (l.) und Jean-Claude vor dem Gericht in Genf. (15. Mai 2017) Polizisten am Prozessauftakt vor dem Genfer Justizpalast. (15. Mai 2017) Der bereits wegen zweifacher Vergewaltigung verurteilte Täter: Fabrice A. soll seine Sozialtherapeutin Adeline M. im September 2013 bei einem Freigang an einen Baum gebunden und ihr die Kehle durchgeschnitten haben. Er gestand den Mord. (10. Dezember 2008) Fluchtplan durchkreuzt: Seine Flucht während des Freigangs habe er von langer Hand und in allen Details geplant. Die 34-jährige Mutter sei zum Hindernis geworden. Der Fall erregt grosses Aufsehen: Der Anwalt der Opferfamilie stellt sich am ersten Prozesstag der Presse. (3. Oktober 2016) Wollen Gerechtigkeit: Die Eltern von Adeline M. (links) mit ihrem Anwalt Simon Ntah (rechts) auf dem Weg zum Gerichtssaal in Genf. (3. Oktober 2016) Angespannt: Generalstaatsanwalt Olivier Jornot betritt das Gerichtsgebäude. (3. Oktober 2016) Vertritt den Angeklagten: Yann Arnold ist der Anwalt von Fabrice A. (3. Oktober 2016) Kameras sind nicht erlaubt: Eine Gerichtszeichnung zeigt Fabrice A. auf der Anklagebank. (3. Oktober 2016) Zum Auftakt des zweiten Prozesstages machen zwei Gutachter deutlich, dass der 42-jährige Angeklagte Monate vor dem Delikt Fantasien zur Tötung einer Frau hatte. (3. Oktober 2016) Müssen den Anblick des Mörders ihrer Tochter ertragen: Die Eltern von Adeline M., dargestellt vom Gerichtszeichner. (3. Oktober 2016) Rückblick: Im Wald von Versoix (Kanton Genf) wurde die Leiche von Adeline M. im September 2013 gefunden. (13. September 2013) Polizeichef François Schmutz und Staatsanwalt Olivier Jornot gaben Auskunft zum Vorgehen der Polizei. Fabrice A. wurde über Interpol gesucht. Fabrice A. gelang die Flucht über die Grenze nach Deutschland: In Weil am Rhein in Baden-Württemberg wurde er am Bahnhof geortet. Suchten Fabrice A.: Deutsche Polizisten vor dem alten Zollhaus in Weil am Rhein. Verhaftet wurde er an der polnischen Grenze. Er war auf dem Weg nach Polen, um seine Ex-Freundin zu töten. Ständerat This Jenny (SVP, GL) forderte damals, dass der Sexualtrieb von Vergewaltigern wie Fabrice A. unterbunden werden müsse. Hier lernten sich Täter und Opfer kennen: Das Genfer Gefängnis La Pâquerette.

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Der Adeline-Prozess ist am Freitag mit dem Plädoyer der Verteidigung zu Ende gegangen. Sie stellte sich gegen die Verhängung der Höchststrafe. In der Urteilsberatung des Gerichtes wir die lebenslängliche Verwahrung im Zentrum stehen.

Der Verteidiger des Angeklagten, Yann Arnold, versuchte das Gericht davon zu überzeugen, dass eine lebenslängliche Verwahrung unnötig sei. Seiner Ansicht nach genügt eine ordentliche Verwahrung, um die Gesellschaft vor Fabrice Anthamatten zu schützen.

Die von den Schweizer Stimmberechtigten angenommene lebenslängliche Verwahrung hingegen verstosse gegen die Menschenrechtskonvention, weil keine regelmässige Überprüfung der Massnahme vorgesehen sei.

«Finsteres Bild» des Angeklagten

Die lebenslängliche Verwahrung eines Straftäters wird nur im Fall von neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen neu beurteilt, oder wenn der Verurteilte infolge eines Unfalls, Krankheit oder wegen hohen Alters keine Gefahr mehr darstellt.

Yann Arnold verwies zudem auf die Verfasser der beiden psychiatrischen Gutachten, welche beide keine Prognose auf Lebenszeit gemacht und keine lebenslängliche Verwahrung empfohlen hätten.

Der Verteidiger räumte aber das «sicherlich finstere Bild» ein, dass sich bei Fabrice Anthamatten präsentiere. Es sei jedoch nicht unmöglich, dass er sich bessern könne. Die Verteidigung bestritt zudem die auf Mord lautende Anklage. Der französisch-schweizerische Doppelbürger habe im Gegensatz zur Flucht das Tötungsdelikt nicht geplant gehabt. Er sei besessen vom Plan gewesen, nach Polen zu flüchten, um seine Ex-Freundin ausfindig zu machen.

Lockere Regeln des Zentrums

Bei der Vorbereitung der Flucht habe der Angeklagte zudem von den relativ lockeren Regeln des inzwischen geschlossenen Resozialisierungszentrums «La Pâquerette» profitiert. «Bis wohin geht die Durchtriebenheit von Fabrice Anthamatten, und wo beginnen die Nachlässigkeiten der Pâquerette?», fragte er im Saal des Genfer Strafgerichts.

Man könne zwar nicht viel zur Verteidigung des Angeklagten vorbringen, müsse aber aufgrund der schweren Kindheit und der in ihm wohnenden Triebe von einer leicht verminderten Schuldfähigkeit ausgehen, sagte Arnold. Er lehnte deshalb auch die von der Staatsanwalt geforderte lebenslängliche Freiheitsstrafe ab. Der Anwalt der Angehörigen, Simon Ntah, verlangte am Freitag wie die Anklage am Vortag die Höchststrafe.

«Ein Psychopath»

Es handle sich beim Angeklagten um einen Psychopathen, der die Schuld für seine Taten stets anderen zuschreibe und sich nie ändern werde, sagte Ntah. Der Genfer Generalstaatsanwalt Olivier Jornot hatte am Donnerstag in einem vierstündigen Plädoyer eine Verurteilung in allen Anklagepunkten wegen Mordes, Freiheitsberaubung, sexueller Nötigung und Diebstahls verlangt.

Wegen des «sehr hohen» Risikos für eine Wiederholungstag forderte die Staatsanwaltschaft eine lebenslängliche Freiheitsstrafe mit anschliessender lebenslänglichen Verwahrung. «Genau wegen Fällen wie dem Tötungsdelikt Adeline ist die Verwahrungsinitaitive angenommen worden», sagte Jornot. Der Angeklagte war bereits wegen zwei 1999 und 2001 begangenen Vergewaltigungen zu einer Freiheitsstrafe von 20 Jahren verurteilt worden.

Urteil am Mittwoch

Fabrice Anthamatten hatte der Sozialtherapeutin Adeline auf einem Freigang am 12. September 2013 die Kehle durchgeschnitten und wurde drei Tage nach der Bluttat an der deutsch-polnischen Grenze verhaftet. Ein erster Prozess zum Tötungsdelikt wurde wegen Zweifel an der Unbefangenheit der Richter abgebrochen.

Während der fünf Prozesstagen wurde der Fall von neuen Richtern verhandelt. Zum Abschluss des Prozesses am Freitag wurde wie üblich dem Angeklagten das letzte Wort erteilt.
Fabrice Anthamatten verzichtete darauf, um Vergebung zu bitten. Er habe unerträgliches Leid verursacht und wolle nicht weiteres hinzufügen, sagte er. Das Urteil wird am Mittwoch eröffnet.

(rub/woz/fal/sda)