Body-Shaming

14. November 2017 05:45; Akt: 14.11.2017 05:45 Print

Dünne Menschen stehen unter Beschuss

von D. Krähenbühl - Schlanke Menschen müssen sich vermehrt für ihr Körpergewicht rechtfertigen. Skinny-Shaming ist auf dem Vormarsch.

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Kaia Gerber, die 16-jährige Tochter des Supermodels Cindy Crawford hat auch Erfahrungen mit Skinny-Shaming machen müssen. Instagram-Fans stritten sich darüber, ob und in welchem Ausmass sie untergewichtig sei. Andere sagten, sie sei halt erst 16 und würde schon noch Gewicht zulegen, wenn sie älter werde. Dünne Menschen sind aufgrund ihres Körpergewichts vermehrt kritischen und verletzenden Sprüchen ausgesetzt. Obwohl sie genug essen, stehen dünne Menschen unter Generalverdacht: Entweder gelten sie als krank, untergewichtig oder wollen fülligeren Menschen ein schlechtes Gewissen machen. Egal, wie viel sie essen, manche Menschen können einfach nicht zunehmen. Trotzdem müssen sie sich viele Sprüche aufgrund ihres Körpergewichts anhören: «Wieso bist du so dünn?», «Du siehst krank aus» oder «Iss doch mal einen Burger». Von Skinny-Shaming sind jedoch nicht nur Frauen betroffen: «Obwohl ich grossen Appetit habe, nehme ich nicht zu. Dass ich so dünn bin, nagt an meinem Selbstbewusstsein», schreibt ein Leser. Er empfindet es als besonders schwierig, als Mann dünn zu sein, weil eine zierliche Statur als unmännlich gelte. Für Urs Kiener, Kinder- und Jugendpsychologe von Pro Juventute, ist Skinny-Shaming ein Teil der Identitätsfindung von Jugendlichen. Man will sich gegenüber anderen abgrenzen, manchmal spiele sogar ein Funken Neid mit. «Wie man von anderen wahrgenommen wird, ist viel wichtiger als noch vor zehn Jahren.» So hätten gesellschaftliche Veränderungen in Verbindung mit dem Gebrauch von Social Media dazu geführt, dass man täglich mit Schönheitsidealen konfrontiert sei, denen man gar nicht entsprechen könne. «Der Druck, dass man heute rund um die Uhr aufgefordert wird, sich mit anderen zu vergleichen, führt zu grosser Rastlosigkeit», sagt Kiener. «Ich habe immer wieder Anfragen von Personen, die zunehmen möchten», sagt die Zürcher Ernährungsberaterin Corinne Remensberger-Kiser. «Die können so viel essen, wie sie möchten, und nehmen trotzdem nicht zu.» Auch sie bestätigt den zunehmenden Druck durch die Medien und Social Media. «Heute reicht es nicht mehr, nur dünn zu sein. Ein durchtrainierter Body gehört dazu.»

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Mia ist dünn. Nicht zu dünn, einfach dünn. Die 22-Jährige ist weder magersüchtig, noch leidet sie unter einer anderen Essstörung. Aber egal, wie viele Löffel Nutella sie vor dem Fernseher verputzt: Der Zeiger der Waage bewegt sich nicht nach rechts. Trotzdem muss sie sich viele Sprüche aufgrund ihres Körpergewichts anhören: «Wieso bist du so dünn?», «Du siehst krank aus» oder «Iss doch mal einen Burger».

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Hast du dir schon Sprüche anhören müssen, weil du dünn bist?

Mia kennt unzählige solche Sprüche. Das sogenannte Skinny-Shaming führt dazu, dass sie Selbstzweifel plagen. Auch ihre Beziehung zu ihrem Freund leidet darunter. Beim Sex macht sie immer das Licht aus, weil sie nicht will, dass ihr Freund sie nackt sieht. Mia ist mit ihren Unsicherheiten, die sie im Onlinemagazin Jetzt.de der «Süddeutschen Zeitung» schildert, nicht allein.

Auch Urs Kiener, Kinder- und Jugendpsychologe von Pro Juventute, bestätigt: «Dünne Frauen und Männer werden kritischer begutachtet, auch in den Medien.» Das habe man noch vor fünf Jahren viel weniger festgestellt. Obwohl sie genug essen würden, stünden sie unter Generalverdacht. «Entweder gelten sie als krank, untergewichtig oder als solche, die fülligeren Menschen ein schlechtes Gewissen machen.»

«Sie wollen zunehmen»

Ernährungsberater spüren das Phänomen direkt. «Ich habe auch Anfragen von Personen, die zunehmen möchten», sagt die Zürcher Ernährungsberaterin Corinne Remensberger-Kiser. «Die Betroffenen können meist essen, was und so viel sie wollen, und nehmen trotzdem nicht zu.» Die Situation sei für die Betroffenen nicht so angenehm, wie man vielleicht meinen könnte.

So suggeriert die Gesellschaft laut Remensberger-Kiser zwar, dass man dünn sein müsse, ein Sixpack haben und komplett durchtrainiert sein sollte. Wenn aber jemand dünn sei, müsse er sich sofort dafür rechtfertigen. «Das ist doch grotesk», echauffiert sie sich. Auch sie bestätigt den zunehmenden Druck durch die Medien und Social Media. «Heute reicht es nicht mehr, nur dünn zu sein. Ein durchtrainierter Body gehört dazu.» Was aber überhaupt noch als normal gelten könnte, weiss wohl niemand. «Entweder man ist zu dünn oder zu dick.»

Wahrnehmung anderer ist viel wichtiger geworden

Doch wieso schämen sich dünne Menschen für ihre Figur? Für Urs Kiener ist es ein Teil der Identitätsfindung von Jugendlichen. Man will sich gegenüber anderen abgrenzen, manchmal spiele sogar ein Funken Neid mit. «Wie man von anderen wahrgenommen wird, ist viel wichtiger als noch vor zehn Jahren.»

Laut Kiener haben die gesellschaftlichen Veränderungen in Verbindung mit dem Gebrauch von Social Media dazu geführt, dass man täglich mit Schönheitsidealen konfrontiert ist, denen man gar nicht entsprechen kann. «Der Druck, dass man heute rund um die Uhr aufgefordert wird, sich mit anderen zu vergleichen, führt zu grosser Rastlosigkeit.»

Die deutsche Jungautorin Chiona Hufnagel berichtet über ihre eigenen Erfahrungen mit Skinny-Shaming:

A STORY OF ACCEPTANCE. This year marked a big change for me. After being skinny shamed all my life and shaming myself after I had internalized all the hate, I challenged myself and bought myself tight clothes. (Thanks for the encouragement, @spelty ❤️) Being fatshamed is awful. I think it is even worse than being skinny shamed (thanks for explaining that to me, too, wise woman) because it is systemic and I as a skinny person benefit from my skinniness even if I rarely feel like I do. But there is a world in which I have the "perfect" size. Yet, I have met so many wicked people in my life that called me "disgusting"/"sick"/"beanpole"/"bag of bones" which is symptomatic for a society in which you can never be perfect because that would make capitalism fail. I don't want to be like those white folks who don't understand the White Privilege they have. But it makes you feel schizophrenic when you are being shamed for something that is celebrated as a stupid norm at the same time. Between the age of 12-16 and 20-25 I felt so horribly thin and disgusting at times that I didn't want to go to the pool (and talking about being without make-up, too) or often did not dare to wear anything tight because all I saw was a sick-looking girl/woman. And it will never make anyone feel better if you call them "you are not a real woman" (I still suffer from a feeling of not being entitled to call myself a woman), or tell my boyfriend to take better care of me because I look sick (gender equality is straight up dead) or watch her/his plate and scream "well, if that's all you are eating, no wonder you look so bad". This year has been so much about going in the direction of fear, not only body-wise. As important it is to keep a safe space for you, sometimes it is best to just confront your fear because all the energy you put in keeping your guard up is far more. There is gold for you out there. Go in the darkness where you hear the wizards and witches sing. The are only waiting to praise you. ❤️ (Ich und meine Freundin @spelty haben in unserem Podcast @chamaeleons_beim_tee_podcast eine Folge zum Thema Bodyshaming gemacht. Hört gern rein ❤️☺️)#ichbingntm2018 #notheidisgirl #grlpwr

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*Name der Redaktion bekannt

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Th1990 am 14.11.2017 06:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Jeder wie er will

    Body-Shaming = Mobbing - ob Dick oder Dünn, Leute zu diskriminieren geht gar nicht. Jeder darf wie er will und Kranken ob Fett-/Magersucht muss man helfen!

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  • SSchm. am 14.11.2017 06:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    .........

    Ihr seit dünn?Könnt alles essen und nehmt nicht zu?? Geniesst es,so etwas ist Beneidenswert.Ich nehme schon zu,wenn ich an Essen denke oder rieche.Hört damit auf,andere Menschen zu kritiesieren und zu beurteilen.Es geht uns nichts an,wie andere aussehen.Wenn es Euch schadet,dann guckt weg.In meinem Bekanntenkreis gibt es sehr dicke und sehr Dünne.Was solls?Es sind tolle,ehrliche und aufrichtichte Menschen.Mehr will ich nicht.

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  • Rösli Hösli am 14.11.2017 06:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bleibt euch selbst

    Leute mit zu wenig Selbstbewusstsein, müssen sich ständig mit anderen vergleichen. Eine vernünftige Beschäftigung und ein Umgang mit gesitteten Menschen scheint diesen zu fehlen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Normalgewichtige mit BMI22? am 14.11.2017 17:12 Report Diesen Beitrag melden

    Gewicht hier, Gewicht da

    Jö, die Armen. Jetzt habe ich aber Mitleid... Nein im Ernst, geht es eigentlich nur noch ums Gewicht? Jahrelang wurde gegen "Übergewichtige" geschossen, wobei man ja offenbar bereits mit einem BMI von 20 übergewichtig ist, da die Models in der Regel einen BMI von unter 18 haben. Tatsache ist doch, dass nicht Wenige der "Dünnen" freiwillig so sind und sich auch entsprechend runterhungern. Komischerweise sind nämlich erst in den letzten Jahren so viele so Dünne unterwegs, die komischerweise nicht zunehmen können.

  • Priscilla am 14.11.2017 15:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ja hasst mich doch..;)

    Wurde auch immer angegriffen weil ich sehr schlank bin..Immer,und egal was ich ass,es war nie recht!!!Heute ist es mir egal weil ich stolz auf meinen Körper bin!!Menschen die andere angreifen müssen, lenken so nur von ihren eigenen Problemen ap,und allaine deswegen prallt das an mir ap!!

  • Cara am 14.11.2017 14:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Geniesst das Leben

    Ich würde mal sagen es wär einfach zu schön wenn mann/ Frau einander Leben lassen könnte. Du bist ja nicht für den Körper dessen Gegenüber verantwortlich, sondern für den eigenen. Man sollte das Leben einfach mehr geniessen und weniger sich sorgen über das Gewicht/ Aussehen und verhalten anderer zu machen. Akzeptanz für die Privatsfähre finde ich nämlich sehr wichtig. Mein Gewicht ist mein.

  • Iva am 14.11.2017 14:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    I like my body

    Ich, weiblich sehr schlank arbeite mit vielen Frauen in einem Team. Immer wieder muss ich mitanhören wie über das Essen, Diäten, Magenbypass- OP etc. diskutiert wird. Es ist ein omnipräsentes Thema unter den Frauen und keine scheint mit sich selber zufrieden zu sein. Immer wieder werde ich als schlanke( hasse das Wort dünn) Frau ungewollt zum Thema. Einmal hatte ich genug und teilte ihnen mit das ich mich puddelwohl in meiner Haut fühle und mich glücklich schätze! Seither ist mehr oder weniger Ruhe eingekehrt.

  • Walter am 14.11.2017 13:43 Report Diesen Beitrag melden

    Hier Butterküche stand da

    Vor 60 Jahren waren praktisch alle normal gewichtig in unserem Dorf, ausser dem Pfarrer, dem Bierfuhrmann und dem Wirt im Löwen.