Kioskbetreiberin Valora

06. Dezember 2017 11:41; Akt: 06.12.2017 11:57 Print

Diebstahl-Kamera filmt Verkäufer bei der Arbeit

von Jennifer Furer - Die Firma Valora stellt Ermittler an, um strafbare Handlungen in ihren Filialen zu verhindern und aufzudecken. Sie setzt auf eine rechtlich heikle Videoüberwachung.

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Um Inventurdifferenzen aufzuklären und zu verhindern, setzt die Kioskbetreiberin Valora Ermittler ein. Neben Kunden sind auch Mitarbeiter, die strafbare Handlungen vollziehen, Gegenstand der Ermittlungen. 20 Minuten weiss von einer Kamera, die Valora in einer Filiale im Zürcher Hauptbahnhof installiert hat. Sie ist auf den Kassenbereich gerichtet, aber nicht nur auf die Kunden und Kassen, sondern auch die Mitarbeiter sind in vollem Umfang zu sehen. Leena Schmitter, Sprecherin der Gewerkschaft Unia, ist empört. «Es ist die Aufgabe eines jeden Arbeitgebers, die Persönlichkeitsrechte und die Gesundheit seiner Mitarbeiter zu schützen. Die Vorgehensweise der Valora widerspricht dem diametral.» Schmitter weist darauf hin, dass eine permanente Überwachung sehr belastend ist und einen massiven Einfluss auf die Gesundheit haben kann. «Hinzu kommt, dass diese Art der Überwachung dazu beiträgt, Misstrauen zu schüren», sagt Schmitter. Das trage zu einem «sehr schlechten Arbeitsklima» bei. Es sei im Arbeitsgesetz ausserdem klar festgehalten, dass die Überwachung des Verhaltens von Mitarbeitern verboten ist. Kilian Borter, Sprecher von Valora, bestreitet, dass es darum gehe, das Personal zu überwachen: «Die Kundenraumüberwachungsanlage wird ausschliesslich zur Überwachung und Kontrolle des Verkaufsraums, zur Sicherung der Verkaufsprodukte sowie der Aufklärung von etwaigen Straftaten wie Raubüberfällen, Diebstählen oder Einbrüche betrieben.» Wegen eines ähnlichen Falls war Valora schon einmal in die Schlagzeilen geraten. 2015 berichtete die SRF-Sendung «Kassensturz», dass Mitarbeiter überwacht würden, während der Arbeitszeit nicht aufs WC dürften und dass Angestellte bis zu zehn Tage am Stück arbeiten müssten. Zudem sei einer Brezelkönig-Angestellten zu wenig Lohn bezahlt und Feier- und Sonntagszuschläge aberkannt worden. Valora sprach damals von «Einzelfällen». Die Unia reichte wegen Verletzung des Arbeitsgesetzes eine Anzeige ein. Diese ist noch hängig.

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«Zur Verstärkung unseres Teams suchen wir per 1.1.18 eine/n Ermittler», heisst es in einer Stellenausschreibung der Kioskbetreiberin Valora. Zu dessen Aufgabe gehöre die «Verhinderung und Aufdeckung von Schädigungen der Filialen». Sprecher Lukas Mettler sagt dazu: «In erster Linie geht es um Diebstahl- und Einbruchsdelikte.»

Dafür werten die Ermittler unter anderem auch Bilder von Überwachungskameras in Valora-Filialen aus, wie es im mittlerweile gelöschten Stellenbeschrieb heisst – und nehmen «vergleichende Auswertungen von Kassendaten» vor. Neben Kunden sind auch Mitarbeiter, die strafbare Handlungen vollziehen, Gegenstand der Ermittlungen, wie Mettler gegenüber 20 Minuten bestätigt. «Bei der Sicherheitsüberwachung des Kundenraums und bei der allfälligen Sichtung der Bilder werden selbstverständlich die gesetzlichen Vorgaben eingehalten», sagt Mettler.

«Mitarbeiter zu überwachen, ist illegal»

20 Minuten weiss von einer Kamera, die Valora in einer Filiale im Zürcher Hauptbahnhof installiert hat. Sie ist auf den Kassenbereich gerichtet, dabei sind auch die Mitarbeiter von Kopf bis Fuss zu sehen. Die Kamera hängt seit mindestens vier Jahren dort. Für Nicole Allemann, Fachänwaltin SAV Arbeitsrecht, ist dies juristisch heikel: «Wird das Verhalten der Arbeitnehmer gezielt überwacht, ist das illegal.» Auch das Aufnahmespektrum der Kamera gebe zu bedenken. Allemann: «Dieses sollte so sein, dass nur die Personen vor der Kasse und die Kasse selber sichtbar sind. Der Arbeitnehmer darf dabei nicht oder nur ausnahmsweise von der Kamera erfasst sein.»

Ausnahmen seien aber möglich. «Wenn der Verdacht besteht, dass Mitarbeiter für Diebstähle verantwortlich sind und in diesem Zusammenhang die Überwachung richterlich angeordnet wurde, können Massnahmen wie die Videoüberwachung des Personals ergriffen werden», sagt Allemann. Die Tatsache, dass die Kamera seit mindestens vier Jahren installiert ist, würde dem aber widersprechen.

Haben Sie schon einmal während der Arbeit etwas gemacht, was Ihr Chef nicht hätte sehen sollen? Erzählen Sie uns Ihre Geschichte unter feedback@20minuten.ch. Ihre Anonymität ist gewährleistet.

Möglichkeiten für Rückzug aus Kamerabereich

Auch Thomas Geiser, Professor für Arbeitsrecht an der Universität St. Gallen, sagt: «Es darf nicht sein, dass die Kamera zu einer dauernden Überwachung des Verhaltens führt.» Es müsse Möglichkeiten geben, dass sich Angestellte auch im Kassenbereich zurückziehen können. «Selbstverständlich sind aber Kameras erlaubt. Aber eben nur, solange der sicherheitsrelevante Bereich gefilmt wird.»

Leena Schmitter, Sprecherin der Gewerkschaft Unia, ist empört: «Es ist die Aufgabe eines jeden Arbeitgebers, die Persönlichkeitsrechte und die Gesundheit seiner Mitarbeiter zu schützen. Die Vorgehensweise der Valora widerspricht dem diametral.»

«So wird Misstrauen geschürt»

Schmitter weist darauf hin, dass eine permanente Überwachung sehr belastend sei und einen massiven Einfluss auf die Gesundheit haben könne. «Hinzu kommt, dass diese Art der Überwachung dazu beiträgt, Misstrauen zu schüren», sagt Schmitter. Das trage zu einem «sehr schlechten Arbeitsklima» bei. Es sei im Arbeitsgesetz ausserdem klar festgehalten, dass die Überwachung des Verhaltens von Mitarbeitern verboten sei. Schmitter hält fest, dass es sich nicht um einen Einzelfall handle. Bei der Valora-Gruppe sei die Videoüberwachung schon mehrmals ein Problem gewesen. «Generell hören wir von immer mehr Arbeitnehmenden, dass arbeitsbezogene Daten gespeichert werden.»

Kilian Borter, Sprecher von Valora, bestreitet, dass es darum gehe, das Personal zu überwachen: «Die Kundenraumüberwachungsanlage wird ausschliesslich zur Überwachung und Kontrolle des Verkaufsraums, zur Sicherung der Verkaufsprodukte sowie der Aufklärung von etwaigen Straftaten wie Raubüberfällen, Diebstählen oder Einbrüche betrieben.» Sie werde nicht zur Überwachung des Personals eingesetzt. Dabei positioniere man die Kameras so, dass die Mitarbeitenden nicht an ihrem ständigen Arbeitsplatz hinter der Kasse gefilmt werden. Borter: «Wo dies aufgrund der Platzverhältnisse ausnahmsweise nicht möglich ist, wird dieser Bereich im Video automatisch verpixelt, damit die Mitarbeitenden nicht erkennbar sind.»

Bereits wegen Überwachung in den Schlagzeilen

Das sei aber noch nicht überall der Fall. Borter: «Valora ist dabei, alle Einheiten, die den Kundenraum überwachen, in der Schweiz mit dieser Technologie auszurüsten.» Im überwiegenden Teil der dafür in Frage kommenden Verkaufsstellen sei dies bereits der Fall, der Prozess werde bis Mitte 2018 abgeschlossen sein.

Wegen eines ähnlichen Falls war Valora schon einmal in die Schlagzeilen geraten. 2015 berichtete die SRF-Sendung «Kassensturz», dass Mitarbeiter überwacht würden, während der Arbeitszeit nicht aufs WC dürften und dass Angestellte bis zu zehn Tage am Stück arbeiten müssten. Zudem sei einer Brezelkönig-Angestellten zu wenig Lohn bezahlt und Feier- und Sonntagszuschläge aberkannt worden. Valora sprach damals von «Einzelfällen». Die Unia reichte wegen Verletzung des Arbeitsgesetzes eine Anzeige ein. Diese ist noch hängig.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Kurt am 06.12.2017 11:54 Report Diesen Beitrag melden

    Abwarten

    Bald steht da ein Verkaufsroboter. Dann löst sich das Problem von alleine.

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  • Herr Masugez am 06.12.2017 11:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    hmmmm

    warum dies ilegal ist, ist mir schleierhaft. bsp: eine bekannte von mir arbeitete im lidl in sursee. dord wurden mitarbeiter immer geldbeträge und wertsachen geklaut. immer nir wenn eine bestimmte "dame" arbeitete. aber der betrieb konnte nichts machen. eine frechheit sowas.

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  • Alfred am 06.12.2017 11:49 Report Diesen Beitrag melden

    Abschreckung wichtig

    Bravo einmal eine Firma die in der heutigen Realität angekommen ist. Hört auf zu träumen hier in der Schweiz. Videoüberwachung ist wichtig, wenn Sie schon keine Ladendetektive und Sicherheitspersonal anstellen wollen. Denkt auch mal an den Schutz der Verkäufer und Verkäuferinnen. Die Schweiz ist ein Paradies für Diebe.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • MamaKartoschka am 07.12.2017 20:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Relationen

    Vergesst nicht... Die grössten Diebe sitzen in den Teppichetagen.

  • Penumbra Noctis am 07.12.2017 17:56 Report Diesen Beitrag melden

    Bloede Doppelmoral

    Jetzt tut doch nicht so empoert! 65 % haben fuer ihre eigene Ueberwachung durch die Geheimdienste gestimmt bei NDG und BUEPF. Da kommts ja wohl auf die Ueberwachung durch den Arbeitgeber auch nicht mehr drauf an! Aber, damit konnte ja niiiieeeeemand rechnen!

  • A.F.S am 06.12.2017 20:04 Report Diesen Beitrag melden

    Realistisch

    Die Kameras im Arbeitsplatz haben Vorteile und Nachteile. Das Problem liegt vor allem beim Gesetz nicht nur bei der Valora, weil es sehr interpretierbar ist. Übrigens, Migros, Coop, Aldi usw. sind. dieselbe.

  • Maria am 06.12.2017 19:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sorry

    Sorry aber was ist mit Manor ,Coop,Migros,Bus,Tram und und und. Die allen haben auch Kamera. Ich versteh den sin nicht.

  • Ein Leser am 06.12.2017 17:15 Report Diesen Beitrag melden

    Totale Überwachung

    Ich denke auch das viele Kameras da sind zum die Mitarbeiter zu überwachen statt zum Diebstähle ausfindig zumachen.