Verpackungen

11. Oktober 2018 20:40; Akt: 11.10.2018 20:40 Print

Deshalb sind die Verpackungen kompliziert

von Noah Zygmont - Oft sei der Preis in der Herstellung schuld an der mühsamen Verpackung und der Konsument mache einen Denkfehler. Philippe Dubois vom Schweizerischen Verpackungsinstitut klärt auf.

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Für viele Konsumenten ist das Öffnen von Verpackungen ein Kampf. Nicht selten landet der Inhalt auf dem Boden – oder die Verpackung lässt sich nur mit Messer beziehungsweise Schraubenzieher öffnen. 20 Minuten zeigt völlig unpraktische Verpackungen und befragt dazu Philippe Dubois, Präsident des Schweizerischen Verpackungsinstituts (SVI). Die Plastiktüten von Nudeln aus der Migros lassen sich oft nicht anständig öffnen. Die Verpackung reisst an der falschen Stelle, sodass die Pasta auf dem Boden landet. «Bei einem billigen Produkt wie Pasta kann man nicht eine Top-Verpackung machen. Sonst wäre diese teurer als die Pasta selber. Ein stabilerer Plastik könnte man zudem nicht mehr von Hand aufmachen. Es ist ein Spagat zwischen zwei Übeln.» Die Schmelzkäse gibt es bei Migros oder Coop. Jede der zehn Käsescheiben ist einzeln mit einer Folie verpackt. Zieht man diese ab, bleiben oft die Ecken oder ganze Hälften der Scheiben in der Folie hängen. Die Burger sehen dann nicht mehr so toll aus. «Solche Produkte sind vor allem für Einzelpersonen gemacht. Sie konsumieren dann über Tage hinweg Stück für Stück. Diese Verpackung hält den Käse länger frisch. Auch wenn sie nervt: Sie senkt Foodwaste. Das ist keine teure Verpackung, aber sich schützt das Produkt gut.» Die Verpackung von Reibkäse aus der Migros hat einen Druckverschluss. Einmal geöffnet, lässt sich das Säckli nicht mehr richtig schliessen, weil der Verschluss mit Käseteilchen verstopft ist. «Dieser Verschluss heisst Minigrip. Er besteht aus einem positive Teil und einem negativen Gegenstück. Da fallen eben schnell kleine Partikel rein. Konsumenten müssen eben fester zudrücken, damit sich die Öffnung ganz schliesst. Als Alternative wäre ein Klebeverschluss möglich. Dieser ist aber noch schneller verunreinigt.» Die Zahnbürstenaufsätze sind unter anderem bei Coop erhältlich. Die Plastikverpackung ist derart stabil, dass sie von Hand nicht aufzukriegen ist. Ist keine Schere oder ein Messer in Griffnähe, sind Wutanfälle vorprogrammiert. «Die Verpackung ist so stabil, um Diebstahl zu verhindern. So kann verhindert werden, dass teure Produkte mit billigeren getauscht werden. Das Öffnen ist sicher mühsam. Aber eine andere diebstahlsichere Variante gibt es nicht.» Die Pouletbrust aus dem Coop ist doppelt mit einer Plastikfolie abgedichtet. Die zweite Schicht sitzt satt am Fleisch. Oft kriegt man das Ding mit blosser Hand nicht auf – und wenn, dann nur mit viel Kraft oder Gewalt. «Die zweite, satt anliegende Plastikschicht ist für den Schutz des Fleisches. Es soll kein Sauerstoff rankommen. Hier will man absolut keine Verminderung der Qualität riskieren. Mit dieser Verpackung ist das Fleisch länger haltbar.» Das Milch-Tetrapak der Migros hat unter dem Deckel eine Lasche, an der man zum Öffnen ziehen muss. Hat man den falschen Winkel erwischt oder zieht zu stark, reisst die Lasche ab. Die Milch ist aber immer noch zu. Nur ein Messer kann da noch helfen. «Dieser Verschluss ist eine wohlüberlegte Lösung und aus meiner Sicht super. Die Lasche wird günstig und in einem Stück mit dem Loch-Verschluss produziert. Man kann für so eine Verpackung nicht etwas Spezielles machen. Eigentlich ist der Verschluss tubelisicher. Da muss sich der Konsument selber an der Nase nehmen.» Die Verpackung der Blévita-Crackers aus der Migros hat im ersten Fünftel der Packung einen roten Faden, an dem man zum Öffnen reissen muss. Im Deckelstück der Verpackung hängen die Biscuits fest. Wenn man die nicht gleich isst, fallen sie raus und zerbrechen. Verschliessen kann man das Paket nicht. «Der Faden zum Öffnen könnte auch an einem anderen Ort sein, wo es etwas praktischer ist. Etwa am Ende der Packung. Doch das kommt immer auf die Maschine an. Änderungen in der Art und Weise der Verpackung sind sehr teuer. Letztlich ist eine Verpackung immer auch eine Frage der Kosten.»

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Herr Dubois*, warum sind viele Verpackungen so mühsam zu öffnen?

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Verpackungen...

Eigentlich ist oft die Auswahl des Materials schuld. Durch den Konkurrenzdruck bedingt, nehmen die Hersteller der Produkte oft billiges Material und die Konsumenten haben dann das Problem beim Öffnen. Schlussendlich ist es für den Hersteller eine Frage des Preises. Meistens sind teurere Produkte auch teurer verpackt.

Dann ist der Konsument selbst schuld?

Die Konsumenten machen oft einen Denkfehler. Meistens möchten sie das billigste Produkt, das halt auch sehr oft billig verpackt ist. Wenn man beim Einkauf diese Überlegung nicht konkret macht, muss man die negativen Aspekte eben in Kauf nehmen.

Tragen auch Marketingabteilungen Schuld an den mühsamen Verpackungen?

Ich würde sagen: nicht bewusst. Marketingleute sind keine Spezialisten für Materialien. Meistens haben sie allerdings bei der Bestellung viel mitzureden und entscheiden über die Verpackung. Sie wollen das Produkt für den Konsumenten optisch attraktiv gestalten und verschieben die einfache Handhabung beim Öffnen, je nach Produkt, das verpackt wird, sehr oft in den Hintergrund.

Werden die Verpackungen überhaupt kontrolliert?

In jedem Unternehmen wird eine Eingangskontrolle des Produkts von der internen Qualitätssicherung durchgeführt. Die zuständige Abteilung nimmt ein Muster heraus und testet die Verpackung. Je nach Firma ist das Vorgehen dabei anders. Jeder Hersteller von
Verpackungen muss bei jeder Lieferung auch eine entsprechende Konformitätserklärung an seinen Kunden abgeben.

*Philippe Dubois ist Präsident des Schweizerischen Verpackungsinstituts (SVI)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • El Comandatore am 11.10.2018 20:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Noch ein Institut....

    Gibt es eigentlich auch ein Institut zur Zählung der überflüssigen Institute?

  • TL am 11.10.2018 20:55 Report Diesen Beitrag melden

    Keine anderen Probleme?

    Keine Ahnung was ihr für Probleme im Leben habt, aber in meinem Umfeld werden solche Banalitäten nicht thematisiert.

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  • Heinz am 11.10.2018 21:02 Report Diesen Beitrag melden

    Qualitätskontrolle

    Mein Vorschlag : Ein Ingenieur, der eine Verpackung konzipiert, muss 2 Monate von Lebensmitteln leben, die in SEINER Verpackung sind. - Überlebt er, ist gut. -Überlebt er nicht, ist auch gut.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Ruedi am 12.10.2018 18:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Komisch

    Man könnte fast glauben der Experte hat die komplizierten Verpackungen selbst erfunden

  • popi am 12.10.2018 11:01 Report Diesen Beitrag melden

    Konsument... ;-)

    Schön formuliert, ist das nicht der Kunde, dessen Geld das Unternehmen will? Also du willst mein Geld, tu etwas dafür und mach vernünftige Verpackungen.

  • ein Schelm am 12.10.2018 10:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    wololo

    Einer der Hauptgründe für teils unnötig viele und komplexe verpackungen liegt auch in der Erwartung der Kunden. Makellose Produkte ist hier das Stichwort.

  • Sandra Müller am 12.10.2018 10:49 Report Diesen Beitrag melden

    Oh mein Gott; sind denn die Konsumenten

    mit zwei linken Händen geboren worden? Ich habe in der Küche eine gute, starke Schere und scharfe Messer sowieso. Bis heute hat mir keine Verpackung widerstanden; bei kleinstem Aufwand. Ich ärgere mich nicht über gut verpackte Sachen, im Gegenteil. Aber eben, man muss etwas Phantasie und Geschick haben. Und den Fünfer und sWeggli gibt es auch bei der Verpackung nicht.

  • Brem am 12.10.2018 10:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Werkzeug

    Schere, Messer nimm zur Hand und die Packung öffnet sich wie von Geisterhand. Selbst Tiere werden als intelligent bezeichnet, wenn dieses zum Werkzeug greifet.

    • NoBody am 12.10.2018 11:05 Report Diesen Beitrag melden

      Werkzeug!

      Ok, Also nun in jedem Zimmer eine Werkzeugkiste mit Cutter-Messer, Schere, Schraubenzeihen, Verschlussklemmen, etc. etc. Damit ich nicht durchs ganze Haus das geeignete Werkeug suchen muss. PS: Das was die Tiere mit Werkzeug offen ist im Normalfall nicht von einem intelligenten "Tier" entwickelt worden .... Ich beklage mich schliesslich auch nicht darüber, dass ich eine Schaufel brauche um eine Kartoffel aus dem Boden zu holen ... (ausser der Bauer hat sie im Feld einbetoniert was aber eher weniger der Fall sein wird...)

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