Ehemalige Lehrlinge

21. Februar 2017 16:00; Akt: 21.02.2017 16:00 Print

Diese Promis haben es auch ohne Matur geschafft

Menschen mit einem Lehrabschluss sollen unter falschen Minderwertigkeitskomplexen leiden, so eine Politikerin. Promis kontern.

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«Ich habe schon immer das gemacht, worauf ich gerade Bock hatte. Mit 15 Jahren interessierte ich mich eben für Haare und Make-up. Heutzutage haben wir viele Möglichkeiten, unser Berufsfeld zu wechseln. Auch mit einer einfachen Lehre kann man viel erreichen, wenn man fleissig ist und Wille zeigt. Ein Uniabschluss bringt sicher keinen Nachteil mit sich. Dass Leute mit nur einem Lehrabschluss Komplexe haben sollen, ist mir fremd.» «Ich hatte die Wahl, ans Gymi zu gehen oder eine Lehre zu machen. Ich habe mich für eine Lehre entschieden. Mit einer abgeschlossenen Lehre hat man etwas im Sack, Mir war es wichtig, etwas im Bereich Handel und Logistik zu machen – was ich dort gelernt habe, kann ich als Unternehmer heute noch brauchen. Ich finde, Handwerk sollte gefördert werden.» «Nach der Schule war es mir wichtig, endlich mein eigenes Geld zu verdienen. Ich wollte auf eigenen Beinen stehen – die Lehre hat mir das ermöglicht. Ich würde zu 100% nochmal gleich entscheiden.» «Die Primarschule war für mich ein täglicher Murks und ich war damals auch zu wenig gut für den Gymer. Ich bin stolz darauf, eine Maurerlehre gemacht zu haben. Ich hatte keine Minderwertigkeitskomplexe. Im Gegenteil: Ich ging stets extra in der Überhose zum Mittagessen, um zu zeigen, dass ich Handwerker war. Es war eine Lehre für das ganze Berufsleben, wie man es nicht machen dürfte: Wenn ein sogenannt Studierter in Lackschuhen und mit Regenschirm ohne zu grüssen von oben herab etwas befahl, während ich bei Regen und Kälte im Graben Rohre verlegte. Ein solcher Typ hat in meiner Firma keine Chance auf eine Anstellung.» «Ich hätte gern die Matura gemacht und Psychologie studiert. Ich war sehr lernbegierig und ging gern in die Schule. Zum Beispiel wollten sie nichts mehr mit mir unternehmen oder verhielten sich hochnäsig. Jeder Mensch soll die Möglichkeit haben, die Matur zu machen und zu studieren. Die Wahl zu haben, ist sehr wichtig.» «Eine Lehre als Einstieg ins Berufsleben kann ich allen jungen Menschen nur empfehlen. Heute gibt es viele Möglichkeiten, sich danach noch weiterzubilden. Ein weiterer Vorteil: Das Handwerk vergisst man nie mehr. Ich selbst habe gleich zwei Lehren absolviert: Zuerst entschied ich mich für eine kaufmännische Lehre. Nach erfolgreichem Abschluss beschloss ich dann, noch eine zweite Lehre als Metzger zu machen.» «Als junger Mann stand ich am Scheideweg: Weil ich mich nicht entscheiden konnte, habe ich das zehnte Schuljahr gemacht. Später habe ich berufsbegleitend Betriebswirtschaftslehre an der Fachhochschule studiert und das Versicherungsdiplom gemacht. Dass man als Lehrabsolvent Minderwertigkeitskomplexe gegenüber den Studierten haben muss, stimmt nicht. Im Gegenteil: Ich fühlte mich gegenüber meinen Freunden, die an der Uni waren, sogar im Vorteil, weil ich für die Berufspraxis fundierte Kenntnisse mitbrachte.»

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Die meisten Schweizer sind der Meinung, dass es zu viele Gymnasiasten im Vergleich zu Lehrlingen gibt. Das zeigt die neueste Vimentis-Umfrage. CVP-Nationalrätin Kathy Riklin erklärte sich das Umfrageresultat mit der Tatsache, dass die Mehrheit der Schweizer keine Matura hat: «Offenbar leiden viele Personen mit einem Lehrabschluss unter falschen Minderwertigkeitskomplexen und lassen ihren Frust an den Gymnasiasten ab», sagte sie zu 20 Minuten. Gäbe es tatsächlich zu viele Gymnasiasten, würde die Schweiz ja nicht gezwungen sein, Fachkräfte aus dem Ausland zu holen.

Umfrage
Was nützen Gymnasiasten unserer Gesellschaft?
20 %
19 %
58 %
3 %
Insgesamt 27254 Teilnehmer

Diese Aussage stiess einigen sauer auf. «Ich freue mich, elitäre Akademiker als führende Politiker in unserem Land zu haben, die so über ihr Fussvolk denken … #Sympathisch #Kaktus der Woche schon am Montag», so 20 Minuten-User Dvnds. User Anzu dagegen, der nach einer Lehre ein Studium absolvierte, gibt Kathy Riklin recht: «Die Minderwertigkeitskomplexe der Lehrabsolventen kann ich gut nachvollziehen – so wie in einigen Branchen mit dem Personal umgegangen wird.»

20 Minuten hat Promis aus Politik, Wirtschaft und dem Showbusiness ohne Matur gefragt: Leiden auch Sie manchmal unter einem falschen Minderwertigkeitskomplex? Hier die Antworten.

DJ Antoine (41): «Mit einer Lehre hat man etwas im Sack»
KV-Abgänger
«Ich hatte die Wahl, ans Gymi zu gehen oder eine Lehre zu machen. Ich entschied mich für eine Lehre. Meine Mutter hat die Entscheidung befürwortet. Mit einer abgeschlossenen Lehre hat man etwas im Sack, eine Matura allein bringt noch gar nichts. Mir war es wichtig, etwas im Bereich Handel und Logistik zu machen – was ich dort gelernt habe, kann ich als Unternehmer heute noch brauchen. Ich habe auch schon Fans dazu geraten, eine Lehre zu machen, ich finde, Handwerk sollte gefördert werden. Und eine abgeschlossene Lehre ist das A und O.»

Anja Zeidler (23): «Auch mit einer einfachen Lehre kann man viel erreichen»
Gelernte Coiffeuse, Bloggerin, Digital Influencer und Model
«Ich habe schon immer das gemacht, worauf ich gerade Bock hatte. Mit 15 Jahren interessierte ich mich eben für Haare und Make-up. Ich verkündete meiner Familie stolz, dass ich Coiffeuse werden will. Vor allem bei meinem Vater und meiner Grossmutter hielt sich die Begeisterung in Grenzen. Auch mein Lehrer meinte: ‹Du kannst doch was Besseres!› Ich finde, es wird oft zu sehr nach veralteten Schemen beurteilt, ob jemand intelligent ist oder nicht. Heutzutage haben wir viele Möglichkeiten, unser Berufsfeld zu wechseln. Mit einer Erstausbildung ist noch lange nichts in Stein gemeisselt. Auch mit einer einfachen Lehre kann man viel erreichen, wenn man fleissig ist und wenn man Wille zeigt. Karriere und Geld machen erfordert keinen Uni-Abschluss. Ein Uniabschluss bringt sicher keinen Nachteil mit sich. Dass Leute mit ‹nur› einem Lehrabschluss Komplexe haben sollen, ist mir fremd. Viele Wege führen nach Rom. Ich bin dorthin gekommen, auch ohne Uniabschluss.»

Janosch Nietlispach (28): «Ich wollte auf eigenen Beinen stehen»
Gelernter Polygraf, Kickbox-Weltmeister, Gym-Besitzer und TV-Bachelor
«Nach der Schule war es mir wichtig, endlich mein eigenes Geld zu verdienen. Ich wollte auf eigenen Beinen stehen – die Lehre hat mir das ermöglicht. Ich würde zu 100 Prozent nochmal gleich entscheiden. Meine Mutter hat mich in der Entscheidung stets unterstützt, weil sie wusste, dass ich etwas mache, das mir gefällt und Freude macht. Mit einer Lehre braucht man sich sicher nicht zu verstecken.»

Yvonne Feri (50): «Ich hatte Minderwertigkeitsgefühle»
KV-Abgängerin, SP-Nationalrätin
«Ich hätte gern die Matura gemacht und Psychologie studiert. Ich war sehr lernbegierig und ging gern in die Schule. Auf Druck meiner Eltern habe ich jedoch eine KV-Lehre gemacht. Sie wollten, dass ich eine Lehre mache, um früher Geld zu verdienen. In der Lehre hatte ich manchmal Minderwertigkeitsgefühle. Ehemalige Mitschüler, die an die Kanti wechselten, signalisierten mir, dass ich ihnen zu wenig wert war – zumindest war das mein Eindruck. Zum Beispiel wollten sie nichts mehr mit mir unternehmen oder verhielten sich hochnäsig. Es mangelt heute an Berufen, die eher handwerklich begabte Menschen ausüben können. Es bräuchte mehr Berufe, in denen vor allem das Handwerk gefragt ist und die Schule in den Hintergrund tritt. Ich finde unser durchlässiges System gut. Jeder Mensch soll die Möglichkeit haben, die Matur zu machen und zu studieren. Die Wahl zu haben, ist sehr wichtig.»

Adrian Amstutz (63): «Ich ging extra in der Überhose zum Mittagessen»
Gelernter Maurer, SVP-Nationalrat und Unternehmer
«Primar- und Sekundarschule waren für mich ein täglicher Murks und ich war damals auch zu wenig gut für den Gymer. Ich bin stolz darauf, eine Maurerlehre gemacht zu haben. Ich hatte keine Minderwertigkeitskomplexe. Im Gegenteil: Ich ging stets extra in der Überhose zum Mittagessen, um zu zeigen, dass ich Handwerker war. Nicht immer habe ich jedoch eine entsprechende Wertschätzung erhalten: Es war eine Lehre für das ganze Berufsleben, wie man es nicht machen dürfte: Wenn ein sogenannt Studierter in Lackschuhen und mit Regenschirm ohne zu grüssen von oben herab etwas befahl, während ich bei Regen und Kälte im Graben Rohre verlegte. Ein solcher Typ hat in meiner Firma keine Chance auf eine Anstellung. Viele Berufsleute erhalten für ihre Arbeit zu wenig Wertschätzung. Ohne WC-Putzpersonal würden wir im eigenen Dreck versaufen, ohne Maurer und Zimmerleute würden wir in Zelten wohnen und ohne Lastwagenchauffeure wären die Ladenregale leer, die Tankstellen trocken und die Baustellen still. Es gibt zu viele Studierte und zu wenig Gescheite. Das Anspruchsniveau, um ins Gymi zu kommen, wurde herabgesetzt, um möglichst viele durch diesen Bildungskanal zu schleusen. Viele motivierte junge Frauen können aber keine Hebammen-Ausbildung mehr machen, weil sie in Algebra oder sonst einem theoretischen Fach, das für diesen Beruf nebensächlich ist, zu schwach sind.»

Philipp Wyss (51): «Das Handwerk vergisst man nie mehr»
Gelernter Metzger, Leiter Marketing/Beschaffung und stellvertretender Vorsitzender der Geschäftsleitung, Coop
«Eine Lehre als Einstieg ins Berufsleben kann ich allen jungen Menschen nur empfehlen. Heute gibt es viele Möglichkeiten, sich danach noch weiterzubilden. Ein weiterer Vorteil: Das Handwerk vergisst man nie mehr. Ich selbst habe gleich zwei Lehren absolviert: Zuerst entschied ich mich für eine kaufmännische Lehre. Nach erfolgreichem Abschluss beschloss ich dann, noch eine zweite Lehre als Metzger zu machen.»

Luigi Bosco (44): «Ich fühlte mich gegenüber Uni-Freunden im Vorteil»
KV-Abgänger, Leiter Sach- und technische Versicherungen, Axa Winterthur
«Als junger Mann stand ich am Scheideweg: Sollte ich den akademischen Weg einschlagen – oder doch eine Lehre machen? Meine Eltern haben mich unterstützt, mich jedoch weder in die eine noch in die andere Richtung gedrängt. Weil ich mich nicht entscheiden konnte, habe ich das zehnte Schuljahr gemacht. Diese Zeit hat mir geholfen, mich zu entscheiden: Ich bin kein Theoretiker, deshalb wollte ich direkt in die Berufspraxis einsteigen. 1990 habe ich mit der KV-Lehre bei der Axa Winterthur begonnen. Heute bin ich Mitglied des höheren Kaders und führe eine Abteilung mit 40 Mitarbeitenden. Die Lehre war der richtige Weg für mich. Ein Lehrabschluss allein reicht aber für eine Karriere nicht aus: Nach dem Abschluss habe ich berufsbegleitend Betriebswirtschaftslehre an der Fachhochschule studiert und später noch das Versicherungsdiplom gemacht. Dass man als Lehrabsolvent Minderwertigkeitskomplexe gegenüber den Studierten haben muss, stimmt nicht. Im Gegenteil: Ich fühlte mich gegenüber meinen Freunden, die an der Uni waren, sogar im Vorteil, weil ich für die Berufspraxis fundierte Kenntnisse mitbrachte.»

(fim/vb/bz/dp)

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Mäse am 21.02.2017 06:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    An Frau Ricklin

    Liebe Frau Ricklin. Als ehemaliger Gymnasiast mit abgeschlossener Maturität, der jetzt als Polymechaniker seine Brötchen verdient, möchte ich mein Wort an sie richten. Ihre ansichten, dass offenbar nur Akademiker Fachkräfte sein sollen zeugt eindrücklich von ihrer Ignoranz gegenüber den Anforgerungen der Berufswelt. Auch eine Lehre produziert Fachkräfte, die mitunter sehr hoch qualifiziert sind. Ein Beispiel einer Wirtschaft, die sich zu sehr auf die Hochschulbildung konzentriert, kann man in den USA sehen. Sie verzeihen mir sicher, wenn ich mir diese Zustände für die Schweiz nicht wünsche.

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  • giusi peppino am 21.02.2017 06:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    jedem das seine

    mit 16 weiss man doch meist so oder so noch nicht was für einen beruflichen werdegang man einschlagen will. zum glück leben wir in einem land wo man nach der lehre auch noch studieren kann und umgekehrt. schlussendlich sollte jeder das tun was ihm spass macht... denn darin ist man auch am besten - ob maler, chirug, gärtner oder im büro!

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  • Blüemli am 21.02.2017 06:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Berufslehre

    welche Aussage von einer Bildungsdirektorin. Es sollte jeder zuerst eine Berufslehre machen erst dann ein Studium. Vorallem der Umgang mit Geld würde grosse Vorteile bringen. Man sind ja das Dilemma in den südlichen Ländern

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Kjoering am 22.02.2017 06:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Beides

    Lehre und Weiterbildung. Finde ich eine sehr gute Wahl

  • Kjoering am 22.02.2017 06:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Lehre find ich gut

    In der USA kann man Koch studieren ohne jemals eine Pfanne in der Hand gehabt zu haben.

  • Kantischüler am 22.02.2017 06:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    zu früh

    Ich bin froh, dass ich mich für die Kanti entschieden habe, denn ansonsten hätte ich einen Beruf gelernt, der gar nicht zu mir passt und mir keinen Spass macht. Die Berufswahl kommt einfach zu früh.

  • Michel Müller am 22.02.2017 06:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sowohl als auch

    Es kommt auf den Menschen und seine Grundeinstellung an. Uni und Lehre produzieren jeweils brauchbare und nicht brauchbare Mitarbeiter. Man sollte sich auf eine gute Erziehung konzentrieren, dann bekommt man anpackende Studierte oder richtig gute Handwerker. Zum Thema Wertschätzung: Mir ist der Maurer, welcher mein Haus gebaut hat, wichtiger als irgendein Fussballer. Leider spiegelt sich das nicht in den Gehältern wider.

  • Igel am 22.02.2017 05:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Würde mich nicht verwundern

    Vermutlich wird in Zukunft über jedem Bauplatz für EFH ein riesengrosser 3D Drucker aufgebaut und ein Programmierer davor baut ein ganzes Haus in ca.einer Woche.

    • Igel am 22.02.2017 05:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Igel

      Natürlich massiv billiger da es in Zukunft weiniger Handwerker hat/gibt. Es würden praktisch sehr wenig Löhne/Sozialenrichtungen anfallen. Und die Baufirma so einen grossen Gewinn machen. ( Nachtrag )

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