Blogger unter Beschuss

17. Januar 2017 21:41; Akt: 17.01.2017 21:41 Print

«Bist du eigentlich mediengeil?»

von B. Zanni - Sie seien dumm, oberflächlich und materialistisch: Schweizer Bloggerinnen leiden unter einem schlechten Image.

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«Ich wurde schon als konsumgeil und materialistisch bezeichnet», sagt Andrea Monica Hug (26) von Chic in Zurich. Oft stehen die Bloggerinnen für die Produkte wie alkoholfreien Prosecco (im Bild Andrea Monica Hug) ... ... und Fashion-Kombinationen (im Bild Alison Liaudat) ... ... selber Modell (im Bild Nissi Mendes). Andrea Monica Hug, Bloggerin und Fotografin, zeigt auf Instagram regelmässig neue Produkte. Zum Beispiel lecker arrangierte Uhren, ... ... neue Jogging-Schuhe ... ... Schminkutensilien ... ... Ringe, Halsketten und Armschmuck von Swarovski ... ... Snacks ... ... oder aber sie stattet edlen Hotels einen Besuch ab, um den Brunch zu testen. Als Bloggerin bekomme man viele Dinge geschenkt, sagt Andrea Monica Hug. «Manchmal sind Produkte ein Teil des Honorars, manchmal sind es Testprodukte und ein andermal bekommt man sie einfach ungefragt zugeschickt, in der Hoffnung, man würde die Marke dafür gratis promoten.» Auch Nissi Mendes (32) kennt miese Reaktionen. «Leute aus meinem privaten Umfeld sagen etwa: Du postest aber auch mega viel. Bist du eigentlich mediengeil?» Mendes präsentiert auf ihrem Blog Nissi Mendes einen Markenbeutel. Neben Uhren stellt sie auch Kosmetikprodukte wie Puder ... ... und Wimperntusche vor. In Kommentaren fragten einige, ob sie sich nicht schäme, ständig so viele Bilder hochzuladen. Mendes setzt manchmal auch zur Gegenwehr an. «Freunden, die ich persönlich kenne und die mich besonders heftig kritisieren, sagen ich dann auch mal: Schau doch mal an, was du den ganzen Tag postest. Ist es besser, wenn man ständig sein Essen und seine Kinder fotografiert?» Labels spielen bei vielen Bloggern eine Rolle. Nissi Mendes wirbt hier für einen Outlet. Ab und zu bezeichneten Bekannte sie auch als Modetussi, so Mendes. Alison Liaudat (27) vom Fashion Blog Bangbangblond berichtet, dass die ... ... «Tonnen von Testprodukten wie Make-up und Schuhen» bei engen Freunden kritische Reaktionen auslösten. Auch angesagte elektronische Gadgets fehlen bei Alison Liaudat nicht. «Sie fragen mich oft: Findest du nicht, dass es langsam genügt?» Auch gebe es entfernte Bekannte, die sie als oberflächlich und dumm bezeichneten. Privat fühle sie sich von den vielen Konsumangeboten manchmal überrollt. «Dann habe ich richtig Lust, kein Make-up zu tragen.» Fotos von modischen Auftritten (hier Alison Liaudat) fehlen auf keinem Blog. Für PR-Berater Fidel Stöhlker liegen die Gründe für das Dissen auf der Hand: «Blogger entwickeln bei anderen Menschen puren Neid.» «Es kommt leider immer wieder vor, dass Leute die Bezeichnung Blogger ausnutzen, um profitieren zu wollen», sagt Bloggerin Michèle Krüsi. «Professionellen Blogger, die viel Mühe und Arbeit in ihre Plattformen stecken, können es schwerhaben, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Auch besteht die Gefahr, dass Anbieter nach negativen Erfahrungen mit Pseudo-Bloggern sogar gegenüber professionellen misstrauisch eingestellt sind.» «Unser Image leidet unter den Pseudo-Bloggern extrem. Zudem können diese Leute ein bestehendes Klischee verstärken.» Krüsi postet auf ihrem Blog unter anderem Fotos von neuen Parfüms ... ... Lippenstiften ... ... und Ferien im Jimbaran Bay auf Bali. «Oft meint man, wir bekämen sowieso alles geschenkt, schwelgten im Luxus und müssten dafür nichts tun, ausser für das Bild zu lächeln.» «Dabei haben viele erfolgreiche Blogger eine gute Ausbildung oder ein Studium gemacht und danach für ihren Erfolg hart gearbeitet.» «Ist man professionell, steckt viel mehr dahinter, als nur etwas Luxus zu geniessen und sich dabei fotografieren zu lassen.» «Ich mache pro Woche vier Posts und arbeite dafür neben Studium und Job pro Woche 30 bis 40 Stunden.»

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«Wow», «Love it» oder «Du bist einfach super»: Blogger erhalten von ihren Followern viel Lob. Doch sie müssen auch Kritik einstecken können. Bloggerinnen würden beleidigt, sagt Bloggerin Michèle Krüsi. Dies deckt sich mit den Erfahrungen anderer Schweizer Bloggerinnen.

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Wie viel Anerkennung erhalten Sie von Aussenstehenden für Ihren Job?
33 %
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7 %
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Insgesamt 558 Teilnehmer

«Ich wurde schon als konsumgeil und materialistisch bezeichnet», sagt Andrea Monica Hug (26) von Chic in Zurich. Solche Kommentare äusserten meist Freunde von Freunden, nachdem sie von ihrem Beruf erfahren hätten. «Sie sehen die neuen Kleider auf meinem Profil und glauben, dass ich sowieso alles geschenkt bekommen habe und dafür nichts tun musste.»

«Ich will auch einen Gratis-Pullover»

Oft handle es sich bei den «Dissern» um modebewusste Leute in klassischen Bürojobs, sagt Hug. Negative Signale empfing sie auch schon in den Online-Kommentarspalten ihres Blogs. «Manchmal schreiben Leute einfach ganz knapp: «‹Ich will auch einen Gratis-Pullover.›»

Auch Nissi Mendes (32) kennt solche Reaktionen. «Leute aus meinem privaten Umfeld sagen etwa: ‹Du postest aber auch mega viel. Bist du eigentlich mediengeil?›» Mit jemandem sei sie sich darüber sogar beinahe in die Haare geraten.

Ab und zu bezeichneten Bekannte sie als Modetussi, so Mendes. Und in Kommentaren fragten einige, ob sie sich nicht schäme, ständig so viele Bilder hochzuladen. Mendes schätzt sich aber immer noch glücklich. «Bloggerinnen aus Deutschland erhalten teilweise viel mehr negative Kommentare als ich.»

Dumm und oberflächlich

Alison Liaudat (27) vom Fashion Blog Bangbangblond berichtet, dass die «Tonnen von Testprodukten wie Make-up und Schuhen» bei engen Freunden kritische Reaktionen auslösten. «Sie fragen mich oft: ‹Findest du nicht, dass es langsam genügt?›» Auch gebe es entfernte Bekannte, die sie als oberflächlich und dumm bezeichneten.

Von den Kommentaren lassen sich die Blogger nicht unterkriegen. Oft klären sie die Kritiker über die Realität auf. Laut Andrea Monica Hug bekommen Blogger tatsächlich viele Dinge geschenkt. Manchmal seien Produkte ein Teil des Honorars, manchmal Testprodukte und ein andermal bekomme man sie einfach ungefragt zugeschickt, in der Hoffnung, man würde sie dafür gratis promoten. «Erkläre ich den Kritikern, dass hinter meinem Blog ein 24/7-Job steckt, schauen sie dann komisch und fragen interessiert nach.»

«Purer Neid»

Mendes setzt sich manchmal auch zur Wehr. «Freunden, die ich persönlich kenne und die mich besonders heftig kritisieren, sagen ich dann auch mal: ‹Schau doch, was du den ganzen Tag postest. Ist es besser, wenn man ständig sein Essen und seine Kinder fotografiert?›» Alison Liaudat macht klar, dass der Konsum nur für ihren Job im Vordergrund steht. Privat fühle sie sich von den vielen Konsumangeboten manchmal überrollt. «Dann habe ich richtig Lust, kein Make-up zu tragen.»

Für PR-Berater Fidel Stöhlker liegen die Gründe für das Dissen auf der Hand: «Blogger entwickeln bei anderen Menschen puren Neid.» Konsumgüter an sich seien schon Reizobjekte. «Präsentieren die Blogger dann noch Markenartikel und machen damit das grosse Geld, fühlt sich der Normalverbraucher minderwertig oder hinters Licht geführt.» Laut Stöhlker gibt es kein Patentrezept gegen Missgunst. «Viel Anerkennung können sich Blogger aber sichern, wenn sie vor allem überraschen.»

Die Berliner Bloggerin Masha Sedgwick gibt in ihren Videos ein paar Leseproben von Hasskommentaren zum Besten: