Mit Anwalt ins Gymi

05. August 2016 11:52; Akt: 05.08.2016 11:52 Print

«Elterliche Pflicht, sich für sein Kind zu wehren»

von J. Büchi - Dass manche Eltern ihren Nachwuchs mittels Rekurs ins Gymnasium bringen wollen, sorgt für Kritik. Ein Vater kontert.

storybild

Bei Aufsätzen wird der Vorwurf einer willkürlichen Benotung besonders oft laut. (Bild: Keystone/AP/Jockel Finck)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Herr Bärtschi, die Geschichte der Zürcher Eltern, die mit dem Anwalt gegen den Zweier ihres Sohnes im Aufsatz an der Gymiprüfung vorgegangen sind, hat bei Ihnen Erinnerungen geweckt. Warum haben Sie sich bei uns gemeldet?
Ich möchte darauf hinweisen, dass diese krasse Unterbenotung beileibe kein Einzelfall ist. Unsere Tochter M. fiel ebenfalls zweimal durch die Aufnahmeprüfung für das staatliche Gymnasium, weil ihr Deutschaufsatz mit den Noten 2,0 und 1,5 beurteilt wurde. Ich finde es richtig, wenn sich Eltern dagegen wehren.

Umfrage
Sollen sich Eltern via Anwalt gegen schlechte Noten an der Schule wehren?
16 %
15 %
18 %
51 %
Insgesamt 13339 Teilnehmer

Haben Sie auch einen Anwalt eingeschaltet?
Nein, auf juristischem Weg ist in solchen Fällen wenig zu machen. Wir versuchten, vom Gymnasium eine Erklärung für die unverständlichen Noten zu erhalten. Leider stiessen wir auf taube Ohren. Die Fachlehrer zeigten ein erschreckendes Mass an Desinteresse und brachten ausschliesslich Schutzbehauptungen vor.

Warum glauben Sie, dass die Aufsätze Ihrer Tochter nicht so schlecht waren, wie es die Bewertung der Lehrer nahelegt?
Unsere Tochter hatte in der Schule immer mindestens einen Fünfer in den Aufsätzen. Gemäss gängiger Notenpraxis gibt es bereits einen Zweier, wenn ein Titel gesetzt wird. Ich habe die Prüfungsaufsätze unserer Tochter gelesen: Abgesehen von ein paar grammatikalischen Fehlern waren sie in Ordnung. Diese katastrophal tiefen Noten können nur dadurch begründet sein, dass die Schule zu wenig Plätze hatte und kompromisslos aussieben musste.

Es seien die Eltern, die ins Gymi wollten, nicht die Kinder, heisst es in vielen Leserkommentaren zum Thema. Hand aufs Herz: Welche Rolle spielte Ihr eigener Ehrgeiz?
Dass sich Mütter und Väter für ihre möglicherweise unfair behandelten Kinder einsetzen, ist eine elterliche Pflicht. Wir müssen dafür sorgen, dass unsere Kinder die bestmöglichen Startvoraussetzungen haben. Das ist in der Schweiz nun mal die Matur. In diesem Punkt ehrgeizig zu sein, ist nicht falsch, sondern ein mutiges Engagement für den eigenen Nachwuchs.

Sie haben selber einen Doktortitel. Doch ist die Kantonsschule für jedes Kind die beste Option?
Nein, das war nicht meine Aussage. Unser Sohn hat eine Berufslehre gemacht, er wäre fürs Gymnasium nicht geeignet gewesen. Auch bei unserer Tochter drängte sich eine akademische Karriere zunächst nicht auf. Im Laufe ihrer Schulzeit haben wir aber gemerkt, dass sie immer besser wurde und sich sehr für den Schulstoff interessiert hat. Dann habe ich zu ihr gesagt: Geh ins Gymi, das ist das Beste, was du machen kannst.

Wie hat sich Ihre Tochter auf die Aufnahmeprüfung vorbereitet?
Sie besuchte Vorbereitungskurse, zudem nahm sie freiwillig Nachhilfeunterricht in Mathe. Nach der Sekundarschule hat sie sich während zweier Jahre in der Gymnasialklasse einer Privatschule auf die Aufnahmeprüfung ans staatliche Gymnasium vorbereitet. Gerade, weil sie so viel Lernfleiss investiert hatte, war die unfaire Benotung so enttäuschend. Es war sehr frustrierend für uns Eltern, ihre Tränen zu sehen und nichts tun zu können. Zum Glück ist es uns gelungen, ihre Enttäuschung in Motivation umzulenken. Sie sagte sich: Jetzt erst recht. Ich glaube aber, dass dies nicht jedes Kind so gut weggesteckt hätte.

Ihre Tochter ist heute 23 und hat erfolgreich eine Lehre in einem Gesundheitsberuf absolviert. Was wünschen Sie ihr für ihren weiteren beruflichen Weg?
Dass sie ihren Ehrgeiz behält. Sie hat die Berufsmatur gemacht und bereitet sich jetzt via Passarelle für das Psychologie-Studium an der Universität vor. Meine Tochter ist bewundernswert sozial. Wenn sie diese Fähigkeit beruflich einsetzen kann, macht uns das als Eltern auch sehr glücklich.

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Deshalb können Storys, die älter sind als 2 Tage, nicht mehr kommentiert werden. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Chusik am 05.08.2016 12:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Berufsmatur nicht bestanden

    Ich habe letztes Jahr die Berufsmatura nicht bestanden. Das lag aber nicht am unfähigen Mathe oder Franz Lehrer, sondern an meiner Faulheit. Dieses Jahr hats geklappt. Ich finde es lächerlich einen Anwalt auf die Schule loszuschicken, der Schüler hat es selbst in der Hand.

    einklappen einklappen
  • PDvO am 05.08.2016 12:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Peinlich!

    Ich würde mich schämen, mit so etwas an die Meiden zu gehen. Manche ist es besser, wenn das Kind zuerst eine Lehre macht und sich nachher um eine Weiterbildung kümmert...

    einklappen einklappen
  • J47 am 05.08.2016 12:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unverhältnissmässig

    Peinlich , ich bin im Gymi und eine 5 in der Sek ist nichts im Gymi. Deshalb finde ich diese Erläuterung völlig daneben und würde mich schämen. Ich habe nichts dagegen wenn man den Dialog mit der Lehrperson sucht, jedoch finde ich es inakzeptabel mit rechtlichen schritte diesen Disput lösen zu wollen

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Bürgerwürger am 07.08.2016 09:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Elterliche Pflicht

    Genauso ist es die elterliche Pflicht den Kindern den Umgang mit Niederlagen beizubringen. Dabei lernen Kinder sicher mehr und wichtigere Lektionen für das Leben, als wenn mit Anwälten bessere Noten erzwungen werden.

  • Rebby am 05.08.2016 22:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gratwanderung

    Es ist eine Kunst fördern nicht mit (über-)fordern zu verwechseln!

  • Ringo am 05.08.2016 21:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Na ja

    Ich finde daß übertrieben.Wen die Eltern unbedingt Ihr Kind im Gymi wollen und genug Stutz haben kann man das ja mach. .

  • Andrea Mordasini am 05.08.2016 20:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Peinliche Helikoptereltern...

    Mir als Kind wär so ein Theater mega peinlich gewesen! Und dann noch der Gang zu den Medien, ui nein! Sorry, einige Helikoptereltern erweisen ihren überbehüteten, in Watte gepackten, verweichlichten Kindern einen wahren Bärendienst statt einen Nutzen. Wie sollen diese lernen, mit Niederlagen und Musserfolgen umzugehen und an ihnen zu wachsen, wenn die Eltern gleich mit dem Anwalt aufmarschieren? Sich für seine Kinder zu wehren, ist normal, aber doch nicht gleich so! Zudem: muss es denn wirklich immer gleich die Matur sein? Wie wärs zB mit einer Lehre (plus Berufsmatur) oder Handelsschule?

  • Cavi33 am 05.08.2016 16:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nachhilfe wäre billiger

    Der einzige der wirklich verdient an diesem Theater ist der Anwalt.