Vergleich

24. April 2017 15:50; Akt: 24.04.2017 16:11 Print

Wo der Front National linker ist als die SVP

von Jacqueline Büchi - Wandelt Marine Le Pen auf den Spuren der SVP? Oder ist sie im Vergleich gar eine «Linke»? Welche Vergleiche wirklich zutreffen.

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«Hurra! Das allseits gefürchtete Schreckgespenst Marine Le Pen macht uns immerhin nicht den Europameistertitel im Rechtsnationalismus streitig: Marine: knapp 22 Prozent! SVP: immer noch 28 Prozent!»

Diesen Post setzte Kaspar Surber, stellvertretender Redaktionsleiter der linken Wochenzeitung WOZ, am Sonntagabend auf Facebook ab. Ungefähr zur gleichen Zeit sagte SVP-Nationalrat Roland Rino Büchel im Gespräch mit 20 Minuten:

«Le Pen ist eigentlich eine Linke. Sie ist sehr etatistisch eingestellt, der Zentralstaat soll alles regeln. Dies vermischt sie mit einer kritischen Haltung gegenüber der EU und der Einwanderung.»

Wer hat recht? Wie unterschiedlich ist das Profil von SVP und Front National tatsächlich? Der Vergleich:

Die Gemeinsamkeiten

Migrationspolitik: «Der ideologische Kern der beiden Parteien ist sehr ähnlich», sagt Simon Bornschier, Politologe und Experte für neue rechte Parteien an der Universität Zürich. «Bei beiden dreht sich der zentrale Diskurs darum, die kulturellen Eigenheiten des eigenen Landes zu verteidigen und die Migration zu diesem Zweck einzuschränken.» Auch eine Auswertung der Plattform Smartvote kam 2014 zum Schluss, dass die beiden Parteien in Migrationsfragen genau gleich restriktiv sind – beide erreichen das Maximum der Skala.

Anti-Establishment: «Es ist Zeit, das französische Volk von den arroganten Eliten zu befreien», sagte Marine Le Pen am Sonntag nach ihrem historischen Triumph. Ähnliche Töne sind auch aus den Reihen der SVP regelmässig zu vernehmen. «Hier das unterdrückte Volk, da die abgehobene Elite: das ist klassische populistische Rhetorik», so Bornschier. Dass solche Aussagen bei den Wählern der beiden Parteien verfingen, sei kein Zufall. «Unsere Forschung zeigt, dass sowohl die SVP als auch der Front National oft von Leuten gewählt werden, die das Gefühl haben, zu kurz zu kommen.»

Feindbild EU: Der Kampf gegen die Europäische Union gehört zur DNA der SVP: Der Kampf gegen den EWR-Beitritt 1992 leitete den kometenhaften Aufstieg der Partei ein. Auch Marine Le Pen lehnt den Euro und die EU ab. Sollte sie im Mai zur Présidente der Republik gewählt werden, will sie die Franzosen innert weniger Wochen über den Frexit abstimmen lassen. Laut Bornschier gibt es aber einen triftigen Unterschied: «Während die SVP die in der Schweiz verbreitete Europaskepsis schon sehr früh für sich nutzte, griff der Front National das Thema erst in den letzten Jahren verstärkt auf.»

Die Unterschiede

Hohe Sozialleistungen: Geht es nach Marine Le Pen, soll der Sozialstaat ausgebaut werden: Sie versprach etwa eine Erhöhung der tiefen Löhne und der Renten. Der SVP sind solche Forderungen fremd. «Als ehemalige Gewerbepartei positioniert sich die SVP relativ marktliberal, während sich die meisten neuen rechten Bewegungen im Ausland stark auf die Bedürfnisse der Arbeiter ausrichten, da diese von einem starken Sozialstaat profitieren», sagt Bornschier. Neben dem Front National fahre etwa auch die österreichische FPÖ oder die dänische Volkspartei einen entsprechenden Kurs. Die SVP gerate aufgrund ihrer Positionierung jedoch zuweilen in ein Dilemma: So würde etwa ein wesentlicher Teil ihrer Wählerschaft von höheren Renten profitieren, die Partei lehne diese jedoch aus Prinzip ab.

Starker Staat: Generell kennt der Front National wenig Berührungsängste, wenn es um staatliche Eingriffe in die Wirtschaft geht. Dagegen richtet sich auch die Kritik von SVP-Mann Roland Rino Büchel, wenn er Marine Le Pen als «Linke» bezeichnet. Bornschier bestätigt: «Betrachtet man nur diese Dimension, ist der Front National tatsächlich wesentlich linker als die SVP.» Zur unterschiedlichen Ausrichtung trügen neben bereits genannten auch kulturelle Faktoren bei: «In Frankreich herrscht ein ausgeprägter Etatismus – ein starker Staat wird von breiten Bevölkerungsschichten als etwas Gutes angesehen.»

Ursprung der Partei: Die SVP ging 1971 aus der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei hervor. Der Front National wurde nur ein Jahr später auf Initiative der neofaschistischen Organisation «Ordre nouveau» gegründet, zum Chef der Partei wurde der ehemalige Fremdenlegionär Jean-Marie Le Pen gewählt. Die beiden Parteien entwickelten sich in der Folge sehr unterschiedlich: «Die SVP hatte bereits eine breite Wählerschaft aus dem landwirtschaftlichen Milieu, die der Partei treu blieb, als sie sich unter dem Zürcher Flügel nach rechts bewegte», erläutert Bornschier. Jean-Marie Le Pen hingegen bekam an der Wahl 1974 nicht einmal ein Prozent der Stimmen. Zwar versuchte er im Laufe seiner Karriere, die Partei öffentlich vom rechtsextremen Milieu wegzubewegen – dennoch fiel er selber immer wieder mit rechtsextremen und antisemitischen Positionen auf. «Seine Tochter Marine schaffte es, die Partei klarer von diesem Image zu lösen.»

Die beiden Parteien im Smartvote-Vergleich



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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • 5F am 24.04.2017 16:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Komisch..

    Gestern wurde diese Frau und ihre Partei als Rechtsextreme betitelt.. heisst das jetzt das jeder SVP-Wähler auch ein Rechtsextremer ist? Oder war diese Aussage gestern doch ein ganz wenig übertrieben?

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  • H.F. am 24.04.2017 17:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Danke an Ch.Blocher

    Ich bin froh dass wir nicht Le Pen in der Schweiz haben, Herr Blocher verdanken wir dass wir heute nicht auch noch für Suixit abstimmen müssen, denn er hat uns weit voraus gegen den Beitritt in die EU gewarnt und aufgeklärt was wäre wenn...nochmals ein grosses Danke an den Vater der SVP :-) Herr Blocher. So Daumen runter Klicker an die Arbeit!

  • unapologetically.swiss am 24.04.2017 17:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    SVP

    Da freuen sich doch die Linken. Dank ihrem neuen Modewort «Populismus» können sie jetzt getrost gegen die SVP hetzen und diese verteufeln. Fakt ist, dass die Schweiz ohne SVP heute nicht so wäre wie sie ist. Auch wir haben unsere Probleme und Missstände, aber uns geht verglichen mit grossen Teilen Europas extrem gut. Zu einem nicht zu unterschätzenden Teil auch dank der SVP und ihrer konservativen und marktliberalen Politik.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Realist am 24.04.2017 19:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Autonome

    Experte für neue rechte Parteien an der Universität... Gibt es auch einen "Experten für neue linke Parteien an der Universität Zürich"? Ach nein, das sind ja nur Autonome...

    • Lexx Luthor am 25.04.2017 10:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Realist

      Historisch erwiesen führt Nationalismus zu Krieg. Die Linken halten hingegen zu unseren demokratischen Werten. So liegt die nächste schweizgefährdende Initiative der sog. SVP schon am Start: Die Loslösung von der Menschenrechtskonvention.

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  • Daniel am 24.04.2017 18:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kind beim Namen nennen

    Der Smartvote-Vergleich zeigt doch, dass diese beiden Parteien mit Ausnahme der Sozialpolitik keine Unterschiede. Der FN war früher als kleine Partei am antisemitischen rechten Rand. Die SVP war damals als BGB eine mitte-rechts Gewerbepartei. Die SVP ist von da bis an den rechtsextremen Rand gewachsen. Wogegen der FN vom rechten Rand in die Mitte gewachsen ist. Beide decken heute aber explizit auch das rechtsextreme Wählersegment ab. Die SVP schafft es bisher einfach noch, dies medial mit dem Ettikett "bürgerlich" zu kaschieren.

  • Yvonne am 24.04.2017 18:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Pro SVP

    Ich als SVP Wählerin bin rechtsextrem! Danke! Bin normale Bürgerin mit einem guten Verstand! Wieso immer Rechtsextrem? Was ist die Entschuldigung für Linksextreme die alles kurz und klein schlagen?

    • TingelTriangel am 25.04.2017 09:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Yvonne

      Das ist die ernte der links und soz parteien. Wenns nicht passt, wird krawall gemacht. Armutszeugnis eigendlich

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  • Nationless am 24.04.2017 18:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Rechts ist nicht gleich Rechts

    Bei ultra Rechten gibts viele Nuancen, so dass viele Rechtsaussen sich wieder mit Linken Themen übereinstimmen können. Das war und ist in vielen Faschistischen Regimes oder ultra Konservativen christlich religiösen Kreisen oft der Fall. So viel ich weiss war Le Pen früher wie die SVP rechtsnational und neoliberal, indem sie die rechtsliberale Schweiz als Vorbild nahm. Jetzt hat es sich zu National und Sozial gewandelt und ähnelt so dem MCG in Genf, Lega Ticinesi, SD oder EDU für die Deutschschweiz.

  • Qurt Q. am 24.04.2017 18:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Und jetzt

    Jetzt hätte ich gern mal einen Artikel über Links-Parteien...warum diese eine Mitverantwortung am "populistischen" Rechts-und Abschottungsrutsch tragen und warum diese nicht ebenso populistisch sein sollen.