Berner Rechtsmedizin

28. September 2017 05:51; Akt: 28.09.2017 10:46 Print

Forensiker öffnen Särge, um Delikte zu erkennen

von Mira Weingartner - Weil Hausärzte unnatürliche Todesfälle nicht immer als solche erkennen, will man in Bern Leichen genauer untersuchen. Kritiker monieren, dies störe die Totenruhe.

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Im Berner Krematorium sollen unnatürliche Todesfälle künftig auch als solche erkannt werden. (Bild: Keystone/Digitalbe)

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Laut Schätzungen aus Deutschland bleibt jedes zweite Tötungsdelikt nicht nur unaufgeklärt, sondern wird gar nicht erst als solches erkannt. Grund: Ärzte, die den Tod feststellten, deklarierten die Todesursache oft fälschlicherweise als natürlich. Die Verstorbenen nehmen so die Tatsache über den wahren Hintergrund ihres Ablebens – etwa Dritteinwirkungen oder Suizid – mit ins Grab.

Sarg wird im Leichenhaus nochmals geöffnet

Solche Fehleinschätzungen dürften laut Rechtsmedizinern auch in der Schweiz vorkommen. Die Dunkelziffer von nicht erkannten unnatürlichen Todesfällen will man in Bern nun minimieren – mit der sogenannten Kremationsleichenschau. Ärzte des Instituts für Rechtsmedizin (IRM ) sollen mittels Stichproben im Leichenhaus herausfinden, an was die Menschen tatsächlich gestorben sind. «Im Rahmen des Projekt wird an den verstorbenen Personen eine zweite Leichenschau durch eine sachverständige Person durchgeführt», heisst es in einem vertraulichen Dokument des IRM der Universität Bern, das 20 Minuten vorliegt. Diese Untersuchungen sollen unmittelbar vor der Einäscherung des Leichnams stattfinden.

Obwohl während der 12-monatigen Studie ein pietätvoller Umgang mit den Verstorbenen garantiert wird, sind die lokalen Bestatter alarmiert. «Dass der Sarg vor der Kremation für medizinische Untersuchungen nochmals geöffnet wird, ist Störung der Totenruhe», sagt ein einheimischer Bestatter. Sobald ein Leichnam freigegeben sei, müsse dessen Friede gewahrt werden.

Schock für Angehörige

«Die Idee der Universität Bern ist nicht zu Ende gedacht», ärgert sich auch Bestatter Christian Sulzer aus Bern. Zwar sei es wichtig, unnatürliche Todesfälle feststellen zu können – «doch diese Untersuchungen erst kurz vor der Kremation durchzuführen, ist verantwortungslos.» Zu diesem Zeitpunkt hätten sich die Trauernden schon mit dem Ableben der nahestehenden Person auseinandergesetzt. Auch die Beerdigung sei organisiert, Todesanzeigen abgedruckt – «es ist schlichtweg zu spät, alles nochmals zu hinterfragen.» Eine allenfalls neue Erkenntnis würde bei Angehörigen sowohl einen emotionalen wie auch finanziellen Schaden verursachen.

Ärzte sollen sorgfältig arbeiten

Laut den Berner Bestattern müsse man anderswo ansetzen: «Die Ärzte, die zum Sterbeort beordert werden, müssen sensibilisiert werden», so Sulzer. Es sei an ihnen, allfällige Ungereimtheiten frühzeitig zu bemerken und so aussergewöhnliche Todesfälle zu erkennen. «Das ist die Aufgabe des Mediziners – so wie es unsere Aufgabe ist, den Verstorbenen nach dessen Freigabe würdevoll zu begraben», sagt der Bestatter.

Der Leiter des Forschungsprojekts der Universität Bern war ferienhalber für 20 Minuten nicht erreichbar. Der Startpunkt des Projekts ist noch nicht festgelegt.


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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Barcelona am 28.09.2017 06:10 Report Diesen Beitrag melden

    heikles Thema

    Ein heikles Thema, aber ich bin dafür, dass man da etwas genauer hinschaut. Besonders bei Personen die eingeäschert werden. Man soll das Wort "Totenruhe" nicht als heimlichen Mittäter nutzen können,

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  • Justitias Hand am 28.09.2017 07:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ausbildung der Ärzte

    Kann ich bestätigen. Es gab schon Ärzte, die schrieben als Todesursache "Alter" hin. Bei deren Ausbildung muss angesetzt werden. Ein besseres Meldeformular würde evtl. bereits helfen.

  • Beat am 28.09.2017 06:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    egal

    Mir wäre es egal was mit meiner Hülle nach dem Tot passiert.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Peter Zimmermann am 28.09.2017 15:18 Report Diesen Beitrag melden

    Kontrolle bei Lebenden!

    Viel wichtiger wäre, die Forensischen Gutachten etwas genauer anzuschauen. Aber eben hier geht es um Lebende, die über Jahre in Massnahmenzentren 'verlocht' werden! Reform 91 Organisation für Strafgefangene und Ausgegrenzte

  • Dokotor Tod am 28.09.2017 14:45 Report Diesen Beitrag melden

    Arzt

    Wie viele Male kommt es wohl vor, dass der gleiche Hausarzt der die zu hohe Medikamentendosis verschrieben hat auch gleich den Totenschein ausstellt? Ich finde es daher gut, dass die Toten nochmals genauer angeschaut werden.

  • Wulline am 28.09.2017 13:52 Report Diesen Beitrag melden

    Wir sollten mal über die Bücher

    An Absurdität nicht zu übertreffen, welcher Tote fühlt sich schon gestört! Wir sollten echt mal über die Bücher, wenn wir die Totenruhe höher gewichten, als z.B. die Aufklärung eines Mordes.

  • SenseMann am 28.09.2017 13:42 Report Diesen Beitrag melden

    Da werden etliche Mediziner

    und Pharma-Unternehmen ,keine Freude daran haben wenn Forensiker die Ursachen für das zu frühe Ableben aufgrund von Behandlungsfehlern und schweren Nebenwirkungen durch Fehlmedikamentation aufzudecken beginnen.

  • Triba am 28.09.2017 13:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Traurig, aber wahr!

    Solche Abklärungen vom forensischen Institut, kann ich nur unterstützen! Leider wird um des Geldeswillen immer wieder nachgeholfen, einen Menschen zu beseitigen! Dies erlebte unsere Familie vor bald 25 Jahren, bei welcher mit viel Gleichgültigkeit ein Todesfall beurteilt wurde und als normales Ableben diagnostiziert wurde!