Forensiker Thomas Knecht

08. Oktober 2018 21:01; Akt: 08.10.2018 21:01 Print

«Die Vergewaltigung war wohl beschlossene Sache»

Am Freitag wurde in Basel eine junge Frau am Rheinbord vergewaltigt. Der forensische Psychiater Thomas Knecht gibt im Interview Einblick in das Muster der Tat.

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In Basel wurde am hellichten Tag eine Frau vergewaltigt. Was für Menschen tun so etwas?
Es ist in diesem Fall auffällig, dass zwei Täter kooperiert haben. Es ist auch ein anderer Typus, der im Freien delinquiert, als der, der im familiären Raum sein Triebbedürfnis durchsetzt. Eine Vergewaltigung im Freien ist ein räuberischer Akt, wo das Opfer zufällig gewählt wird. Solche Täter sind in der Regel auch anderweitig kriminell.

Das heisst, im Freien handelt es sich eher um eine Affekttat?
Nein, es kann durchaus ein Hinterhalt sein. Aber das Opfer ist nicht im Voraus ausgesucht, sondern jemand, der sich in der Situation angeboten hat. Es ist sogar wahrscheinlich, dass die Täter mit dem Gedanken unterwegs waren, gemeinsam jemanden zu vergewaltigen.

Die Täter haben das Opfer angesprochen, am Verlassen des Ortes gehindert und dann vergewaltigt.
Wenn ich das so höre, hat der Vorsatz zur Grenzüberschreitung bereits klar bestanden. Das Verhalten ist relativ schnell ins Gewaltsame gekippt. Die Situation hat sich nicht über einen längeren Zeitraum zugespitzt. Wenn es so schnell geht, habe ich den Eindruck, dass es beschlossene Sache war, als die Frau angesprochen wurde.

Zur Tat kam es am an einem belebten Ort. Was sagt Ihnen das über die Täter?
Es ist eine hochgradige Risikobereitschaft festzustellen. Zudem deutet das Vorgehen auf eine gewisse Frustrationsintoleranz: Es muss jetzt und sofort geschehen. Die Wahl des kürzesten Wegs zur Befriedigung weist auch auf dissoziale Züge hin. Statt ein Werbeverhalten an den Tag zu legen, geht man direkt auf das Ziel zu und bricht den Widerstand.

Offenbar hat die Tat niemand mitbekommen. Was könnten Passanten aber tun?
Allein durch das Näherkommen kann einiges ausgelöst werden. Einerseits kann beim Opfer Hoffnung aufkommen, dass die Tat nicht vollzogen wird. Andererseits steigt das Risiko für die Täter, erkannt und verhaftet zu werden. Die Präsenz von Dritten stellt das Unterfangen unter einen schlechteren Stern, weil das Kräfteverhältnis radikal kippt.

Stellen die Täter nicht eine Gefahr für allfällige Helfer dar?
Sie können durchaus gefährlich sein. Am besten ist es, wenn gleich mehrere Personen gemeinsam eine Front bilden. Zudem ist die sexuelle Lust etwas sehr Störungsanfälliges. Wenn diese verfliegt, wird auch eine Vergewaltigung unwahrscheinlich.

Die Frau war laut der Staatsanwaltschaft nicht ortskundig. Lockt Unsicherheit solche Täter an?
Es ist wissenschaftlich gut benannt, was die Merkmale von Opfern sind. Grundsätzlich sind es Frauen im gebärfähigen Alter, die alleine sind. Hinzu kommen Zeichen der Unsicherheit, wie schon ein unsicherer Gang, Desorientierung oder Trunkenheit. Alles was zeigt, dass das Opfer nicht wehrhaft ist, kann den Täter in seinem Vorsatz bestärken.

Wie können sich Frauen schützen?
Hier ist guter Rat teuer. Begleitung steht nicht immer zur Verfügung. Das ist unter anderem der Preis, den Frauen für die hohe Mobilität der Gesellschaft bezahlen, so unschön das ist. Sich bewaffnen, wie mit Pfefferspray, hat auch seine Tücken, denn Gegenwehr muss gekonnt sein. Eine grundlegende Nahkampfausbildung oder zumindest sicheres Auftreten, so schwer es ist, können helfen. Denn wenn der Täter merkt, dass es doch nicht die leichte Beute ist, die er sich erhofft hat, kann das seinen Tatentschluss schnell kippen. Bei Sexualstraftaten verfliegt die Hauptmotivation, also die Lust, dann relativ schnell.

(las)