Anklage gegen Kickboxer

17. August 2017 18:46; Akt: 17.08.2017 18:46 Print

Schläge gegen die Kehle und Griff in die Augen

Die Anklage dokumentiert den brutalen Überfall von Kickboxer Paulo Balicha und seinem Schlägertrupp auf das Kampfsportcenter seines Rivalen minutiös.

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Der Fallkomplex «Dojo» hält die Baselbieter Staatsanwaltschaft seit drei Jahren auf Trab. Am Abend des 24. Februar 2014 überfiel der bekannte Basler Kickboxer Paulo Balicha mit rund 20 vermummten Schlägern im Schlepptau das Superpro Sportcenter seines Rivalen Shemsi Beqiri. Die Tat wurde gefilmt, das Video davon öffentlich. Der Fall machte landesweit Schlagzeilen. Die Staatsanwaltschaft hat nun gegen Balicha und 15 ermittelte Schläger Anklage, unter anderem wegen versuchter schwerer Körperverletzung, Angriff, Vergehen gegen das Waffengesetz und mehrfacher Freiheitsberaubung, eröffnet.

Zu Balichas Schlägertrupp gehörten auch mindestens zwei Basler Hooligans, einer davon muss sich auch wegen seiner Beteiligung an den Ausschreitungen auf der Fanplattform der Muttenzerkurve vom 10. April 2016 verantworten. Balicha soll diese gezielt direkt oder über Mittelsmänner aus dem Umfeld gewaltbereiter Basler Fussballfan-Gruppierungen rekrutiert haben.

Doping und verbotene Kampftechniken

In der Anklageschrift wird die Tat minutiös beschrieben. Die Videoaufnahme, die Balicha von einem der Hooligans machen liess, ermöglichte es der Staatsanwaltschaft, den Tatablauf detailliert zu rekonstruieren. Dabei wird ersichtlich, dass Balicha zu unlauteren Mitteln griff, um seinen Rivalen Beqiri zu besiegen.

Die Staatsanwaltschaft liess die einzelnen Schläge Balichas von der International Sport Karate and Kickboxing Association (ISKA) auswerten. Im sechsminütigen Fight schlug Balicha wiederholt mit dem Ellbogen auf Beqiris Kehle, griff ihm in die Augen oder versuchte ihn zu würgen. «Kampftechniken, die in jeder Kampfsportart verboten sind», so die Anklage.

Balicha sagte gegenüber 20 Minuten ein halbes Jahr nach der Tat, er habe «einen fairen Kampf» gegen Beqiri gewollt. Die Staatsanwaltschaft kommt zu einem ganz anderen Schluss. Balicha habe sich vor dem Kampf mit Methcathinon, einem Amphetamin-ähnlichen Stimulans, das die körperliche Leistungsfähigkeit steigert, aufgeputscht.

Lebensgefährliche Verletzungen in Kauf genommen

Das alles nützte nichts. Nach sechs Minuten gewann Beqiri die Oberhand. Da eilten Balichas Schläger herbei. Sein Bruder soll Beqiri mit einem Schlagstock von hinten gewürgt und zurückgezogen haben. Weitere Schläger kamen hinzu und traktierten Beqiri mit Schlagwerkzeugen, dabei brach gar ein Teleskopschlagstock.

Beqiri erlitt Brüche an Hand und Nase und zahlreiche Blutungen am ganzen Körper. «Die Täter nahmen Knochenbrüche und lebensgefährliche Kopfverletzungen in Kauf», stellt die Staatsanwaltschaft fest.

«Kinder litten Todesangst»

Zum Zeitpunkt des Überfalls hielten sich 31 Personen in Beqiris Kampfsportschule auf, 20 davon waren noch minderjährig. Der jüngste Knabe erst 11. Balicha wählte absichtlich den Trainingstag der Kinder und Jugendlichen, weil er so mit weniger Gegenwehr rechnen konnte, heisst es in der Anklage.

Mehrere Erwachsene wurden erheblich verletzt, unter anderem Beqiris Bruder und sein Trainer. Die Schläger schreckten auch nicht davor zurück, Kinder zu traktieren, wenn sie aufmuckten oder sich nicht rechtzeitig in die ihnen zugewiesene Ecke bewegten. «Sie litten Todesangst», heisst es in der Anklage.

Horrende Schadenersatzforderungen

Mehrere der teils minderjährigen Opfer erlitten seelische Schäden. Es wurden posttraumatische Belastungsstörungen, depressive Episoden, Angst- und Schlafstörungen diagnostiziert. Balicha ist mit erheblichen Schadenersatzforderungen konfrontiert. Allein Beqiri macht 50'000 Franken geltend. Hinzu kommen Genugtuungsforderungen von 20 Privatklägern und eine substanziierte Forderung der Helvetia Versicherung über 377'667 Franken.

Die Strafanträge für Balicha und seine Schläger werden erst an der Hauptverhandlung gestellt, deren Termin noch aussteht. Paulo Balicha verzichtete gegenüber 20 Minuten auf die Möglichkeit, zur Anklageschrift Stellung zu beziehen.

(lha)