Nepal

27. September 2017 19:31; Akt: 28.09.2017 19:44 Print

Dreijähriges Mädchen zur Gottheit ernannt

Nepal hat eine neue Kindergottheit, da die alte in die Pubertät kam. Das Kind darf weder gehen noch weinen.

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Ein dreijähriges Mädchen ist in Nepal zur neuen lebenden Göttin erklärt worden. Trishna Shakya wurde am Donnerstag in einer Prozession vom Haus ihrer Eltern in einen Tempelpalast im Herzen Kathmandus getragen, wo sie bis kurz vor ihrer Pubertät leben soll. Als lebende Göttin, oder «Kumari», wird sie von Hindus und Buddhisten in Nepal verehrt. Sobald sie zwölf wird, muss eine Nachfolgerin gefunden werden.

Ein Gremium aus Hindu-Priestern wählte in tagelangen Beratungen die Dreijährige aus vier Finalistinnen des Shakya-Clans aus. Dafür prüften die Geistlichen unter anderem das Horoskop des Mädchens und untersuchten es nach körperlichen Makeln, die es als Göttin nicht haben sollte.

«Wir müssen sichergehen, dass die Göttin geeignet ist, um unserem Land Glück zu bringen», sagte einer der Priester, Gautam Shakya. «Wir haben unsere neue Kumari gefunden.»


Lebende Gottheit: Trishna Shakya lebt in den kommenden Jahren in einem Palast und wird von Gläubigen verehrt. Video: AFP

Eltern sind traurig und stolz

Bevor sie in den Tempel gebracht wurde, standen Leute vor ihrem Haus Schlange, um ihr Süssigkeiten, Obst und Eier zu geben. Hunderte Gläubige säumten anschliessend bei der Prozession die Strassen, um einen Blick auf die Dreijährige zu erhaschen.

Ihre Eltern sagten, es sei sehr traurig, dass ihre Tochter sie nun verlasse, sie seien aber auch stolz. «Sie wird die lebende Göttin sein. Sie ist nicht nur unsere Tochter, sondern die lebende Göttin für das gesamte Land», sagte ihr Vater Bijaya Ratna Shakya.

Kurz nach Trishnas Ankunft am Tempel verliess ihre zwölfjährige Vorgängerin Matina Shakya das Gebäude über einen Hintereingang, auf einer Sänfte getragen von Angehörigen und Anhängern.

Füsse dürfen Boden nicht berühren

Shakya entstammt wie ihre Vorgängerinnen der im Kathmandutal ansässigen Volksgruppe der Newar. Die Kumari werden als Inkarnation der Hindu-Gottheit Taleju angebetet.

Sobald sie den Palast bezogen hat, darf sie diesen nur an Feiertagen verlassen, insgesamt 13-mal im Jahr. Wenn sie dies tut, wird sie getragen, da ihre Füsse nach der überlieferten Tradition nicht den Boden berühren dürfen.

Brust wie Löwe, Schenkel wie Reh

Die Auswahlkriterien für die Kumari sind streng und umfassen eine Reihe physischer Attribute, darunter eine makellose Haut, «eine Brust wie ein Löwe» und «Schenkel wie ein Reh». Ausserdem muss das Mädchen seine Tapferkeit beweisen, indem es beim Anblick der Schlachtung eines Büffels nicht weint.

Die Newar-Tradition umfasst Elemente des Hinduismus und des Buddhismus. Sie war eng mit dem Königshaus in Nepal verbunden. Die Monarchie wurde in dem Himalaja-Staat 2008 abgeschafft, doch lebte die Kumari-Tradition fort.

Unterricht im Palast

Kinderrechtsaktivisten kritisieren, dass den Mädchen ihre Kindheit geraubt werde und die Abschottung im Palast ihre Ausbildung und Entwicklung behindere. 2008 entschied das Oberste Gericht Nepals, dass die lebenden Gottheiten im Palast unterrichtet werden müssen und auch Prüfungen ablegen können.

(oli/sda/ap)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • AMW am 27.09.2017 20:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    "Altes Mädchen"

    Was passiert mit dem "alten" Mädchen? Muss es zurück ins Dorf? Ein einfaches Lebenführen? Laufen? Würde mich interessiern.

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  • Lenny am 27.09.2017 20:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schlimm

    Schlimm! Das Mädchen tut mir leid und die vorhergehenden auch. Nicht gehen dürfen ist wie gelähmt sein. Paradox und sinnlos....

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  • Tom am 27.09.2017 20:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Armes Kind...

    ...wird als Gott missbraucht. Ein Gottesjob ist nicht einfach. Man muss für die Menschen da sein, ihnen zuhören, sie Sorgen tragen und letztendlich sein Leben für sie gaben....

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Die neusten Leser-Kommentare

  • John Livers am 28.09.2017 19:56 Report Diesen Beitrag melden

    Reine Volksverdummung

    Das ist wie mit allen Religionen: Reine Volksverdummung.

  • René am 28.09.2017 15:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Na und

    Was regen sich den hier wieder alle auf . Andere Länder , andere Sitten , so einfach ist das . Eine Religion die keine Kriege gegen andere führt . Ist doch gut so .

    • Baboo am 28.09.2017 19:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @René

      Es gibt keine Religion die Kriege führt oder keine Kriege führt. Es gibt nur Religionen und Politiker die Kriege führen.

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  • asdf am 28.09.2017 15:35 Report Diesen Beitrag melden

    sehr interessant

    in den Kommentaren wird nicht mit Kritik an diesem religiösen Brauch gespart, zurecht meines Erachtens. Bei gleichen Kommentaren zu einer gewissen anderen Religion wird hingegen sofort alles wegzensiert was irgendjemandem in den falschen Hals geraten könnte. Ihr wisst schon was ich meine.

    • Art. am 28.09.2017 23:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @asdf

      Wenn jemand Muslime zu verallgemeinern versucht, dann darf das in der Tat nicht veröffentlicht werden. Die Verallgemeinerung von Schweizern ist auch nicht ok, und es soll niemand deshalb öffentlich solches hinschreiben dürfen. Dass diese Gottheit-Mädchen wie Objekte behandelt werden, ist schlicht nicht ok. Und es ist auch nicht ok, wenn Atheisten ihre Kinder wie Eigentum behandeln würden.

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  • Bettina am 28.09.2017 13:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ja, die Religion.

    Ohne diese selbstgebastelten Aberglauben ginge es der Menschheit viel besser.

    • Nela am 28.09.2017 18:22 Report Diesen Beitrag melden

      Glaube ich nicht

      Es würde schlimmer werden.

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  • Glaubender am 28.09.2017 13:20 Report Diesen Beitrag melden

    Menschliche Grausamkeit

    Das ist ein absoluter Schwachsinn und wiederspricht jeglichem gesunden Menschenverstand selbst wenn man im Glauben lebt.