Digitalisierung und Outsourcing

07. Dezember 2017 07:39; Akt: 07.12.2017 08:24 Print

Schweizer fürchten trotz Aufschwung um ihren Job

von Isabel Strassheim - Die Schweizer Wirtschaft brummt. Aber das Zittern um die Jobs hält wegen Digitalisierung und Outsourcing an. Was macht das mit den Menschen?

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Die Schweizer Wirtschaft wächst dank starker Ausfuhren, vor allem auch nach Deutschland: Containerbahnhof in Frankfurt am Main. Der in diesem Jahr erstarkte Euro hilft den Schweizer Exportbranchen. Rudolf Minsch, Chefökonom von Economiesuisse, ist auch für 2018 optimistisch. Er erwartet, dass das Wachstum auf 2,2 Prozent anziehen wird. 2017 dürfte es bei 1 Prozent liegen. Die Jobangst bleibt, trotz rosiger Wirtschaftsaussichten. Denn die Digitalisierung verändert die Arbeitswelt ... .... laut einer Studie des Bundesrats hat sie in den letzten 20 Jahren 350'000 Jobs gekostet, zugleich aber 860'000 Stellen geschaffen, allerdings in anderen Branchen. Das Foto zeigt einen Besucher am Digitaltag im November 2017 im Zürcher Hauptbahnhof. Wie sich die Digitalisierung weiterhin auf den Arbeitsmarkt auswirkt, ist unklar ... ... das Beratungsunternehmen Deloitte geht bis 2025 von 270'000 neuen Stellen in der Schweiz aus. Das bedeutet zugleich eine hohe Dynamik, die mit Stellenwechseln verbunden ist. Wonach schauen Schweizer, wenn sie auf Jobsuche gehen: Gemessen am Angebot verzeichnen Stellen in der öffentlichen Verwaltung oder im Bildungswesen besonders viele Klicks. Bei den Lehrer-Jobs liegt der Anteil der Klicks 90 Prozent höher als der Anteil der ausgeschriebenen Stellen. Weniger spannend finden die Stellensuchenden Jobs in der Baubranche, der Pflege oder der Forst- und Landwirtschaft. Bei der Baubranche, in der mehr als 10 Prozent der Stelleninserate publiziert werden, liegt die Nachfrage ein Drittel tiefer als das Angebot. Für die Studienautoren ist es durchaus möglich, dass die hohen Zugriffszahlen auch von frustrierten Lehrern stammen. «Unzufriedenheit verleitet direkt zur Jobsuche», sagt Nicoline Scheidegger von der ZHAW. Die Auswertung habe auch gezeigt, dass die Angestellten vor allem während der Arbeitszeit auf Jobsuche seien.

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Der Motor läuft: Die Schweizer Wirtschaft wächst dieses Jahr um rund ein Prozent. Und 2018 soll die Konjunktur dank der starken Exporte noch stärker in Schwung kommen. Trotz Aufschwung – bei den Angestellten und Arbeitern ist die Angst um den Job ständiger Begleiter. Denn Digitalisierung und Outsourcing gehen weiter. Ein Teil der Banker, Industriearbeiter oder Chirurgen wird nach und nach durch Roboter und Computer ersetzt oder ins Ausland verlagert.

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«Wir haben eine sehr hohe Dynamik, jedes Jahr fallen rund zehn Prozent der Stellen weg, zugleich werden zehn Prozent neue Stellen geschaffen», sagt Rudolf Minsch, Chefökonom des Wirtschaftsverbands Economiesuisse, zu 20 Minuten. «Für die einzelnen Arbeitnehmer ist das sehr anstrengend.»

Die Jobunsicherheit ist allgegenwärtig, auch wenn die Arbeitslosigkeit abnehmen dürfte. Economiesuisse geht davon aus, dass kommendes Jahr erstmals seit 2012 die Arbeitslosenquote unter 3 Prozent fällt. Momentan liegt sie im Schnitt bei 3,2 Prozent. Aber sichere Jobs bedeutet das eben nicht mehr. Gleichzeitig wechseln viele den Job und orientieren sich neu. «Weiterbildung und Flexibilität sind absolut notwendig», sagt Minsch.

Die entscheidende Frage in punkto Jobangst sind Ausbildung, Werdegang und Alter. Aber auch die individuelle Grundhaltung spielt eine Rolle. Wie gehen Menschen mit der permanenten Jobunsicherheit um?

Die Fortschritts-Enthusiasten: Zwar lässt auch sie die Frage nicht kalt, ob ihre Stelle in den nächsten zwei, drei Jahren nicht plötzlich nach Polen ausgelagert oder durch einen Algorithmus ersetzt wird. Aber sie können sich für den Wandel begeistern und fokussieren darauf, dass die Digitalisierung auch neue Jobs schafft. Selbstverständlich im Fall der Fälle auch für sie. Die Energie und Offenheit für neue Wege gibt ihnen ihr Enthusiasmus.

Die Digitalisierungs-Ignoranten: Stellenabbau? Kündigung? Bei mir und hier doch nicht. Die Nachrichten über Jobstreichungen nehmen die Naiven schon zur Kenntnis. Aber die eigene Branche, die eigene Firma sehen sie nicht davon bedroht. Die Vorstellung, dass ihre Funktion auch von einem Roboter ausgeübt werden kann, erscheint ihnen wie Science Fiction. Das mag naiv erscheinen, ist aber auch ein gesunder Selbstschutz: Die Angst setzt erst dann ein, wenn die Bedrohung konkret wird.

Die Pflichtgeplagten: Wer gerade ein Haus gebaut hat und auf hohen Hypotheken sitzt, dazu vielleicht noch kleine Kinder hat, für den kann sich die Job-Unsicherheit sehr leicht zur massiven Existenzangst steigern. Die Flexibilität ist zudem stark eingeschränkt: Die Kinder wollen betreut werden, und niemand möchte das neue Haus gleich wieder verkaufen, um womöglich eine neuen Job an einem entfernten Ort anzunehmen. Ist die Familie zudem auf zwei Einkommen in bestimmter Höhe angewiesen, wird der Spielraum noch kleiner und die Angst noch grösser.

Die Anpassungsfähigen: Sie finden die Unsicherheit spannend. Denn die Vorstellung, über Jahre hinweg denselben Job zu machen, macht ihnen ebenso Angst. Weiterbildung, Stellenwechsel, Umzug planen sie ohnehin ein und richten auch ihr Leben entsprechend aus. Ihre Einstellung: Neue Jobs gibt es immer und selbstverständlich auch für sie. Auch der Umstieg in eine ganz andere Branche oder auch Abstieg in eine niedrigere Funktion oder einfachere Tätigkeit wäre für sie kein Weltuntergang.

Die Zukunfts-Skeptiker: Die Jobunsicherheit lässt sie zittern, jede neue Meldung zu einem Stellenabbau verstärkt ihre Angst. Statt rational damit umzugehen und verschiedene Optionen durchzuspielen, sehen sie schwarz. Den Unternehmen ist sowieso nicht zu trauen und die nächste Wirtschaftskrise steht bestimmt auch schon vor der Tür. Und sie sind sich sicher: Die Technologie dient nur dazu, den Menschen in der Arbeitswelt überflüssig zu machen. Indizien dafür sehen sie überall: Roboter erobern die Altersheime und Chatbots übernehmen die Aufgabe von Kundenberatern.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Pierre Scheidegger am 07.12.2017 07:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ausverkauf!

    Das Hauptproblem liegt nicht im Fortschritt und in der Digitalisierung. Vielmehr macht der Schweizer Wirtschaft die Raffgier der Investoren und Manager zu schaffen, die nicht mehr das Wohl und den Fortbestand eines Produktionsunternehmens im Fokus haben. Viel lieber werden sie Wissen und Können ins Ausland auslagern oder, wie am Basar, an den Meistbietenden verscherbeln. Danke HSG!!!

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  • Eric am 07.12.2017 07:16 Report Diesen Beitrag melden

    Aufschwung?

    Wo findet der Aufschwung statt? Ich bin wöchentlich in verschiedenen grossen und kleineren Firmen. Alle richten sich auf weniger ein, es geht teilweise sogar die Angst um. Im Baugewerbe sowieso und davon hängt sehr viel ab.

  • Paede am 07.12.2017 07:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Jobunsicherheit

    Die Job Unsicherheit wäre kein Problem wenn man nach Kündigung rasch wieder etwas finden würde. Nur genau da haperts. Die Arbeitgeber suchen sich das raus was sie wollen und dies ist meistens nicht die richtige Person. Das heisst, lieber auf junge dynamische setzen, die nach 2 Jahren weiterziehen weil sie es sich leid sind, als ältere beständige. Wer hat den Leuten den Blödsinn nur eingeredet?

Die neusten Leser-Kommentare

  • Alter am 07.12.2017 18:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ü50

    Alle Ü50 Schweizer sollten sich einen einzigen Bitcoin anschaffen und halten für 3 Jahre und gut ist.

  • Klara B. am 07.12.2017 18:46 Report Diesen Beitrag melden

    Selbstverantwortung und "Kniff ins Fudi"

    Wenn man die Kommentare liest, so hat man das Gefühl die Schweiz bestehe hauptsächlich aus ummündigen Bürgern die alle auf die Hilfe des Staates angewiesen sind. Eine furchtbare Vorstellung.

  • Ein Leser am 07.12.2017 18:18 Report Diesen Beitrag melden

    verständlich

    Wenn man einen guten Job hat, dann macht man sich schon sorgen, man weiss ja nie wo man später hinkommt. Ich kenne einige die gekündet wurden, aus wirtschaftlichen Gründen, aber haben in der Arbeitswelt nie mehr richtig Fuss fassen können. Die guten Jobs gehen unter der Hand weg. Und wenn man bedenkt wieviel Grenzgänger täglich zu uns ins Land strömen, macht mir das schon Sorgen. Die nehmen die guten Arbeitsplätze denn Schweizern weg.

  • mein kommentar am 07.12.2017 16:11 Report Diesen Beitrag melden

    affiliate-marketing (nicht mlm!) ...

    ... wird in zukunft eine digitale chance für viele werden - nur leider wissen staat und behörden nicht, was dies ist, oder aber die augen werden bewusst davor verschlossen!

  • Herr Max Bünzlig am 07.12.2017 16:07 Report Diesen Beitrag melden

    ja genau

    jetzt verstehe ich endlich den Bibelspruch : Fürchte dich nicht