Lehrlingsmangel in der Schweiz

09. Juni 2017 16:42; Akt: 09.06.2017 16:42 Print

«Die Lehrlinge müssten bei uns Schlange stehen»

von V. Blank - Im Sommer ist Lehrbeginn – und Tausende Lehrstellen sind noch unbesetzt. Ein Schweizer Metzger erzählt von der schwierigen Suche nach Auszubildenden.

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Noch ist Christoph Jenzer vom gleichnamigen Fleisch- und Feinkostgeschäft einigermassen gelassen. Eine von drei offenen Lehrstellen für den Ausbildungsbeginn im Sommer 2017 konnte er besetzen. Zwei Stellen für die Lehre als Fleischfachmann oder Fleischfachfrau sind noch frei. «Jetzt ist schon Juni, also sind es nur noch zwei Monate bis Lehrbeginn», rechnet Jenzer im Gespräch mit 20 Minuten vor – und klingt nun doch ein bisschen besorgt.

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Jenzer ist Chef eines mittelgrossen Metzgereibetriebs mit drei Filialen in der Region Basel und beschäftigt 70 Mitarbeiter. Er denkt gern in Zahlen und Modellrechnungen. «Nur wenn ich pro Jahr ein oder zwei Lehrlinge ausbilde, kann ich meinen Stand an ausgebildeten Mitarbeitern langfristig halten.» Der 49-Jährige wurde im vergangenen Herbst zum Lehrmeister des Jahres gewählt. Jammern über den Lehrlingsmangel will er nicht, aber manchmal wundere er sich schon, sagt er: «Bei einem Betrieb, der so viel Wert auf Ausbildung und Talenteförderung legt, müssten die Jugendlichen doch eigentlich Schlange stehen.»

«Handwerk ist einfach nicht sexy»

Geeignete Bewerber zu finden, war für die Metzgerei schon in den vergangenen Jahren nicht immer leicht. Es habe auch schon Jahre gegeben, in denen eine Lehrstelle überhaupt nicht besetzt habe werden können, so Jenzer. «Und auch in den guten Jahren war es nicht so, dass ich aus zehn Bewerbungsdossiers hätte auswählen können.»

Nach den Gründen gefragt, formuliert es der Metzgereichef so: Handwerkliche Jobs seien «einfach nicht so sexy», das Image der Berufsleute von vielen Vorurteilen belastet. «Wenn ich früher im Ausgang war und erzählte, dass ich Metzger bin, sind meine Chancen beim anderen Geschlecht rapide gesunken.»

Auch die Eltern von potenziellen Bewerbern seien oft überkritisch gegenüber einer Lehre zum Fleischfachmann. Er habe schon einige Male erlebt, dass Mütter oder Väter ihrem Nachwuchs explizit von einer Lehre abraten. «Sie denken, wenn man sich schon mit 15 oder 16 für eine berufliche Richtung entscheidet, landet man in einer Sackgasse.»

Frauen gesucht – mit pinkfarbenem Inserat

Darum weist die Metzgerei Jenzer in ihren Lehrstellen-Inseraten explizit auf die Möglichkeit hin, parallel zur Grundausbildung die Berufsmatur zu absolvieren. «Damit stehen den Jungen nach der Lehre alle Wege offen.» Ein Plus sei auch, damit Bewerber mit höherem Intellekt abzuholen.

Dieses Jahr würde Jenzer eine seiner drei Lehrstellen gern mit einer Frau besetzen. Der Grund: Gesamtschweizerisch liege der Frauenanteil bei den Fleischveredlern bei 80 Prozent. Der Metzger hat bereits einen Plan, wie er die Suche nach einer weiblichen Lernenden angehen will: Nächste Woche schaltet er ein Stelleninserat in Pink. «Wir geben jetzt Vollgas, um die jungen Frauen anzusprechen.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Silvia am 09.06.2017 16:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Eltern seid stolz auf eure Kids

    Unsere Tochter (Notendurchschnitt Hauptfächer 5,8) hat sich für eine Lehre zur Polymechanikerin entschieden. Wir sind sehr stolz und unterstützen das voll und ganz. Wir brauchen gute Handwerker und eine solide Grundausbildung ist ein gutes Sprungbrett für eine Berufliche Karriere.

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  • Michi am 09.06.2017 16:49 Report Diesen Beitrag melden

    80% Männer

    Wo sind die Frauenverbände wo 50/50 fordern. Was macht ihr gegen diesen Missstand? Vermutlich nichts, weil ihr eben doch nur die Sexy-Jobs wollt

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  • Pirmin am 09.06.2017 16:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Lock Vogel

    Mit 23 Jahren 9000 Franken. Träumt ihr Alle ? Ohne Berufs Erfahrung gibt es leider nicht so viel Geld .

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Neon am 11.06.2017 16:17 Report Diesen Beitrag melden

    Einfache Lösung:

    Alle Jugendlichen einen Lehrabschluss machen lassen, dann kann jeder seines Weges gehen. Was sind schon 3 oder 4 Jahre? Dem Arbeitsmarkt würde es aber die fehlenden Arbeitskräfte zuführen, klar würde den EU-Turbos und ihrer Migrationspolitik nicht gefallen. Es täte vielen Menschen gut, wenn sie sich wenigsten während einer kurzen Zeit mal die Hände "dreckig" machen müssten. Könnte nur zu mehr Akzeptanz unter uns allen führen und ihnen vor Augen führen, dass das "Geiz ist Geil" Prinzip keine Zukunft hat.

    • G.V. am 11.06.2017 20:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Neon

      Genau, Studium nur noch als Weiterbildung anbieten.

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  • Patrick am 11.06.2017 10:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fachkräftemangel

    in 20 Jahren bekommen dann die Fachmetzger mehr Lohn als jeder IT'ler, da es fast keine mehr gibt. Eine Frage von Angebot und Nachfrage. Seit mutig und schwimmt gegen den Trend.

  • B.F. am 11.06.2017 10:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Stolzer Fleischfachmann

    Habe selber Metzger gelernt und mich stetig weitergebildet mit HFP, BWL, Management usw. Bin heute noch in der Fleischbranche, wo man nach wie vor Karriere machen kann. (Verdienst zwischen 120'000 und 180'000 möglich)

  • Dr.Kern am 11.06.2017 08:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Tolle Zeit

    Eigentlich spielt es keine Rolle was man macht. So lange man immer weiter macht. Ich habe mit einer Lehre als Polymechaniker begonnen. Danach habe ich die TS abgeschlossen, dann die FH und später noch den Master. Dies alles Berufsbegleitend. Dieser Weg hat für mich zwei Vorteile. Durch das ständige Arbeiten hatte ich früh ein selbständiges Leben und hatte nie Probleme bei der Stellen suche. Der zweite Grund ist, ich hätte die Matur nie im Leben bestanden da ich in den Sprachen immer schwach (und Faul) war. Jetzt kan ich meinen Arbeitsgeber aussuchen weil ich viel mehr Arbeitserfahrung ausweisen kan als jemand der aus dem Studium kommt.

  • Marcel am 10.06.2017 18:56 Report Diesen Beitrag melden

    Metzgerlehre zahlt sich aus

    Ich kann Herr Jenzer nur zustimmen. Habe nach der Metzgerlehre ein paar Jahre gearbeitet, danach war im Ausland und habe Sprachen gelernt. Danach habe ich mich Betriebswirtschaftlich weitergebildet. Arbeite heute im Einkauf einer Grossunternehmung in leitender Funktion. Verdiene 12'000.00 pro Monat. Metzger mit kaufmännischer Weiterbildung und Sprachkenntnissen haben alle Möglichkeiten. Vorausgesetzt man hat den nötigen Ehrgeiz und ist bereit ein bisschen mehr zu machen. Es gibt viele internationale Grosskonzerne die Metzger in der Geschäftsleitung haben.