Steigende Gesundheitskosten

02. Februar 2017 11:15; Akt: 02.02.2017 11:15 Print

10 Behandlungen, die Prämien unnötig verteuern

Die Krankenkassenprämien werden laut Experten weiterhin massiv steigen. Dabei könnte auf viele Behandlungen oder Untersuchungen verzichtet werden.

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Die Gesundheitskosten steigen stetig. Doch einige häufige Behandlungen sind medizinisch weder notwendig noch sinnvoll. Die Schweizerische Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin hat eine Liste mit solchen Behandlungen publiziert. Doch wie realistisch ist der prognostizierte drastische Anstieg der Prämien? Zumindest Krankenkassen-Experte Felix Schneuwly hält das Szenario der doppelt so hohen Prämien im Jahr 2030 für realistisch. Um die Kosten zu senken, rät Schneuwly; «Die günstigste Krankenversicherung wählen, die Franchise so hoch wie möglich ansetzen, ein Hausarzt- oder Telemedizin-Modell wählen und nicht wegen jeder Bagatelle in die Notfallstation rennen.» Dass die Gesundheitskosten steigen, begründet Schneuwly mit der steigenden Lebenserwartung und dem medizinischen Fortschritt. Um die Kosten zu senken, müssten aber auch die Krankenkassen umdenken. «Sie müssten Patienten belohnen, die effiziente Versicherungsmodelle wie etwa das Telemedizin-, ein Hausarzt- oder ein HMO-Modell wählen», sagt Schneuwly. Heute würden Versicherte, Ärzte und Spitäler zu wenig belohnt, wenn sie effizient und qualitativ gut arbeiteten. «Leute, die mit Schnupfen in den Spitalnotfall rennen oder mit Schmerzen verschiedene Spezialärzte aufsuchen, strapazieren die Solidarität und sollten massiv höhere Prämien bezahlen.» Aber nicht nur die Kassen sieht Schneuwly in der Pflicht. «Notfallärzte, Hausärzte, Apotheker behandeln die Patienten gesondert, ohne dass jemand Gesamtverantwortung für die Kosten übernimmt», sagt Schneuwly. Jeder Patient solle eine Fachperson bestimmen, welche alle Untersuchungen koordiniert und für tiefe Kosten und hohe Qualität sorge.

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Bei medizinischen Leistungen stellt sich immer die Frage: Sind die Massnahmen auch wirksam? Das gilt besonders, wenn man die steigenden Kosten in der Gesundheitsbranche bedenkt. Bis ins Jahr 2030 könnten sich die Krankenkassenprämien mehr als verdoppeln, schätzen Analysten von EY.

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Hierzulande versucht die Schweizerische Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin dieser Problematik entgegenzuwirken. Sie hat eine Liste erstellt, die häufig durchgeführte Untersuchungen oder Behandlungen aufführt, die gemäss Wissenschaft keinen Nutzen bringen oder im Extremfall sogar schaden. Bernadette Häfliger, Generalsekretärin der Gesellschaft, betont: «Es geht uns ausschliesslich darum, die Behandlungsqualität zu verbessern und aufzuzeigen, welche Behandlungen unnütz sind, da sie überflüssig oder unter Umständen sogar schädlich sind.»

Auf der aktuellen Liste befinden sich insgesamt zehn Behandlungen, die teils erhebliche Kosten verursachen. Fünf davon stammen aus der ambulanten und fünf aus der stationären Medizin:

Sofortige Röntgenuntersuchung bei «unspezifischen» Rückenschmerzen. Die Diagnose wird meist nicht verbessert, der Patient aber unnötigerweise Strahlung ausgesetzt.

Sogenannte Prostata-spezifische-Antigen-Screenings (PSA) zur Prostatakrebs-Vorsorge. Ihr Nutzen ist umstritten.

Antibiotika bei leichtem Husten oder Schnupfen. Diese werden meist von Viren verursacht. Dagegen sind Antibiotika wirkungslos.

Ein Röntgenbild des Brustkorbes vor Durchführung einer Operation. Ist meistens unnötig.

Längerfristige Behandlungen mit Magenschutz-Tabletten bei unterschiedlichen Beschwerden mit mehr als der minimal notwendigen Dosis.

Blut- oder Röntgenuntersuchungen in regelmässigen Abständen, ohne konkretes Ziel.

Dauerkatheter bei Patienten mit Inkontinenz. Harnwegsinfektionen aufgrund von Kathetern sind die am häufigsten auftretenden im Spital erworbenen Infektionen.

Mehr Bluttransfusionen als zwingend notwendig. Sie bringen keine medizinischen Vorteile.

Zu lange Bettruhe für alte Patienten. Diese kann ebenfalls das Risiko von Stürzen erhöhen.

Schlafmittel für betagte Menschen. Sie erhöhen das Risiko von Stürzen und Unfällen deutlich.

Erstellt wurde die Liste von Fachgruppen von Experten. Zentral war laut Häfliger, dass sich die Empfehlungen in jedem Fall auf anerkannte wissenschaftliche Studien und Forschungsarbeiten abstützten. Patienten sei es damit möglich, ihren behandelnden Ärzten konkrete, kritische Fragen zu stellen. Ziel sei, dass die Patienten die Entscheidungen über die Therapieziele- und massnahmen mit den Ärzten gemeinsam treffen könnten.

Christoph Bosshard begrüsst im Gespräch mit 20 Minuten die Listen mit den überflüssigen Behandlungen: «Diese sensibilisieren die Patienten für wichtige Fragen und ermöglichen einen Diskurs zwischen ihnen und dem behandelnden Arzt.» Der Vizepräsident der Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte FMH gibt aber zu bedenken, dass es Ausnahmefälle gebe, in denen trotz Empfehlungen auf einer Liste anders entschieden werden sollte. «Patienten heutzutage leiden zunehmend unter verschiedenen Krankheiten gleichzeitig, eine einfache Liste wird dieser Komplexität nicht immer gerecht.»

(kwo)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Ugly am 02.02.2017 11:25 Report Diesen Beitrag melden

    die richten Kostenträger bestrafen

    Bittet erst mal die Kandidaten zur Kasse welche für Bagatellen zum Notfall rennen. Bestraft mal die richtigen Kostenträger und nicht immer nur die diejenigen die für alles den Kopf bzw. das Portemonnaie hinhalten müssen. Ich habe nämlich die Schnauze voll für Kreti und Pleti die Zeche zu bezahlen!

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  • Sehnsucht 67 am 02.02.2017 11:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    nicht immer die Patienten

    Der Titel ist falsch formuliert es sollte heißen 10 Behandlungen die zu überteuerten Preisen der Krankenkassen verrechnet werden. Oder 10 Behandlungen die nicht nötig gewesen wären. Wieso wollen die Medien uns mitteilen das wir schuld wären für die Kostenexplosion im Gesundheitswesen? Angst die Ärzteschaft und Krankenkassen anzugreifen?

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  • Gaby am 02.02.2017 11:22 Report Diesen Beitrag melden

    Alte Menschen

    Dauerkatheter und Schlafmittel sind wohl eher zur Entlastung des Spitalpersonals gedacht und nicht zum Wohle der Patienten, die haben da oft gar keine Wahl.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • M.N. am 03.02.2017 18:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Irgendeine Behandlung...

    Ich habe zur Zeit starke Rückenschmerzen im Lendenbereich. Die Schmerzen erinnern stark an einen Bandscheibenvorfall, kann aber auch was anderes sein. Untersucht wurde ich kaum, habe Schmerzmittel und Muskelrelaxanzien bekommen und gehe zum Chiropraktiker. Aber was ich eigentlich habe wurde nicht abgeklärt, es wird einfach mal ins blaue behandelt!

  • Anouk Manser am 03.02.2017 16:07 Report Diesen Beitrag melden

    Eigenverantwortung

    Wenn der Patient wegen Beschwerden zum Arzt rennt, dann will er eine Diagnose. Er geht solange zum Arzt, bis ihm irgendeiner sagt, er hat was! Der Patient möchte, dass geröngt wird, er verlangt Medis, denn schliesslich hat er ja was. Meistens ist es schlechte Ernährung und Bewegungsmangel...

  • Jens am 03.02.2017 14:53 Report Diesen Beitrag melden

    Alles Kalkül

    Immer vorderndere Patienten und einem Rechtsstaat mit exszessiver Administration in der Logik und gesunder Menschenverstand abgeschafft wurde, können die Kosten nur in eine Richtung gehen.

  • Geronimo P. am 03.02.2017 12:19 Report Diesen Beitrag melden

    Einfacher Lösungsansatz

    Zwei Punkte die mir als Kostentreiber vorkommen: 1) das die Politik/Bundesrat immer mehr in die Grundversicherung packt, und 2) das Rennen in den Notfall. Dabei wäre vor allem 2) so einfach zu lösen. Das Spital muss auf der Abrechnung nur einen Code für die KK ausweisen ob Notfall oder nicht. Wenn nicht werden Mehrkosten von der KK weiterverrechnet. Ein einziger Code für die Taxpunkte. Man muss nur wollen. Und wer es abgedeckt haben will braucht eine Zusatzversicherung.

  • Mr. Burns am 03.02.2017 11:26 Report Diesen Beitrag melden

    Ursachenforschung?

    «Patienten heutzutage leiden zunehmend unter verschiedenen Krankheiten gleichzeitig, eine einfache Liste wird dieser Komplexität nicht immer gerecht.» Wie wärs, wenn man mal der Ursache nachgehen würde, WIESO die leute heutzutage zunehmend unter verschiedenen Krankheiten gleichzeitig leiden... aber das scheint bei der Diskussion um die Gesundheitskosten ja absolut keine Rolle zu spielen.... Früher hat sich immer der stärkste durchgesezt - aber da mussten auch noch nicht Millionen Leute in der Pharma und Medizinbranche vom erwirtschafteten Gewinn leben.... Think about it