Neues Album «Revival»

19. Dezember 2017 13:35; Akt: 19.12.2017 13:35 Print

Eminem setzt sein Comeback in den Sand

von Neil Werndli - Mit «Revival» kehrt Eminem nach einer vierjährigen Pause zurück. Zwar bricht er darauf seinen eigenen Geschwindigkeitsrekord, trotzdem bleibt es eine Enttäuschung.

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Mit den ersten Reviews muss Eminem für sein neues Album «Revival» einiges an Kritik einstecken. So schreibt etwa Spiegel.de: «Die hauptverantwortlichen Produzenten Dr. Dre und Rick Rubin haben Eminem ein verblüffend gestriges Klanggerüst ins Studio gezimmert, das klingt, als hätten sich die Beastie Boys auf ‹Licensed To Ill› nicht an Punk und Hardcore orientiert, sondern an einer Rock Classics-Doppel-CD aus dem örtlichen Einkaufszentrum.» «Ob Eminems Darbietung nun ‹technisch gut› ist, wie viele Silben er diesmal pro Sekunde ausspuckt, wie relevant die politische Komponente des Albums sein mag: Es ist völlig egal. Wer nach einer zwei Jahrzehnte währenden Rapkarriere sein Gespür vollends verloren hat, einen guten Beat von einem schlechten zu unterscheiden, ist für dieses Genre nicht mehr wichtig», schreibt Musikexpress.de. Auch der «Guardian» hat etwas am neuen Stil des Rappers auszusetzen: «Es lohnt sich, die Erinnerungen an den üblen Kerl hervorzurufen, der der talentierte Ausnahme-Rapper einst war, wenn man ‹Revival›, sein neuntes Album betrachtet.» Kurz und knapp bringt es die «New York Times» auf den Punkt: «Hip-Hop verändert sich. Eminem nicht.» «Und hier zeigt sich der wahre Grund, warum die 77 Minuten «Revival» sich so unangenehm anfühlen wie die Wartezeit vor einer Flughafentoilette. Irgendwo zwischen Eminems eigener Ratlosigkeit, seinen scheinbar längst verlorenen Beatpicking-Kompetenzen und der Marktforschungsabteilung (...), wird das Album zur in Plastik gepackten Frage: Wer genau soll das eigentlich hören?», schreibt das Magazin Spex.de. «Der Rapper wirkt wie ein italienischer Eismacher, der genug von Vanille und Schokolade hat und unbedingt mal Leberwurst-Krokant und Frozen Yogurt machen muss. Einfach weil das gerade alle machen. Denn genauso wie die Musikstile variieren, passt auch Eminem seinen Rap-Style an», schreibt Welt.de.

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Niemand kann abstreiten, dass Eminem zu den talentiertesten Rappern aller Zeiten gehört. Trotz White-Trash-Hintergrund mauserte er sich zu einem der wichtigsten Vertreter einer Bewegung, die bis anhin von Schwarzen dominiert wurde. «8 Mile» bleibt unvergessen, genauso Hits wie «Lose Yourself», «Stan» und «The Real Slim Shady».

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Fast 20 Jahre sind seither vergangen. Eminem ist mittlerweile 45 und auch wenn er immer noch als Rap-Gott gilt, kämpfte er ab der zweiten Hälfte seiner Karriere um Relevanz. «Revival» hätte nach einer vierjährigen Pause seine grosse Wiedergeburt werden sollen. Nach 18 Songs und 77 Minuten ist aber klar – Eminem ist vorbei.

Was tun Pink und Ed Sheeran hier?

Mit einem (angeblich improvisierten) Trump-Diss kehrte Eminem aus der Versenkung zurück und alle waren baff: Der Mann brennt wieder für etwas. Dann kam «Walk On Water» – ein Song, der eher wie eine von Selbstzweifel geprägte Spoken-Word-Nummer mit etwas «Lalala» von Beyoncé wirkte – und die ersten Fans wurden skeptisch.

Als dann die Tracklist von «Revival» im Internet kursierte, verspielte Eminem sein Momentum bereits wieder: Featurings von A-Listern wie Ed Sheeran, Alicia Keys und Pink drohten, jegliche Seele und Credibility aus dem Album zu saugen. Er, der kompromislose Strassenrapper, arbeitet nun also mit all den Hochkarätern, die auch Mama «noch lässig» findet.

Alte Schinken ohne neuen Twist

Die Schuld darf aber nur bedingt auf die langweiligen Gäste geschoben werden, das Problem liegt in der ganzen Produktion von «Revival». In dem Album steckt keine erkennbare Vision. Mal macht Eminem R'n'B («Nowhere Fast»), dann gibts Lagerfeuer-Gitarren («River») und um auch die junge Zielgruppe mitzunehmen, versucht er sich in modernem Trap («Chloraseptic»), nur um sich einen Song später über die Vertreter eben jenes Sounds lustig zu machen.

Zu allem Übel samplet Eminem im Laufe des Albums auch noch Joan Jetts «I Love Rock’n’Roll» und «Zombie» von den Cranberries. Ironischerweise wirken die alten Schinken in diesem Kontext genauso anachronistisch wie der Rapper selbst mittlerweile.

Die tote Ivanka im Kofferraum

Eines muss man ihm trotz allem lassen: Sowohl in Sachen Flow als auch lyrischer Kreativität gehört Eminem immer noch zu den Grössten. «Untouchable» etwa ist eine rabiate, sechsminütige Abhandlung zu Polizeigewalt. Die Reimkette in der dritten Strophe von «Chloraseptic» – Eminem findet 14 Reime auf «Budweiser» – muss man gehört haben. Und in der letzten Strophe von «Offended» bricht er sogar seinen eigenen Geschwindigkeitsrekord und spuckt unglaubliche 6,71 Wörter pro Sekunde aus.

Natürlich bekommen auch der US-Präsident und seine ganze Familie ihr Fett weg: In «Framed» fantasiert Em von der toten Ivanka Trump in seinem Kofferraum, was definitiv für eine kleine Kontroverse sorgen wird. Gegen Ende des Albums wird der 45-Jährige dann wieder emotional, besingt einmal mehr seine Tochter Hailey und seine Drogensucht – inklusive Selbstmordgedanken. Das geht unter die Haut, ist aber nach all den Jahren auch kein besonders origineller Move mehr.

Die Unsicherheit macht Eminem kaputt

Eminem muss damit leben, dass jeder einzelne seiner Releases an seinem Magnum Opus, der legendären «The Marshall Mathers LP», gemessen wird. Und in diesem Vergleich stinkt «Revival» ab. Macht das Eminem zu einem schlechten Rapper? Definitiv nicht. Macht es uns zuversichtlich für seine Zukunft? Leider nein.

Der grosse Choleriker, der Rapper mit dem wohl stärksten Mittelfinger aller Zeiten, scheint selbst nicht mehr zu wissen, was er eigentlich will, und genau diese Unsicherheit ruiniert die Essenz dessen, was ihn ausgemacht hat. Dann lieber mal wieder «8 Mile» schauen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • C. Wallace am 19.12.2017 13:54 Report Diesen Beitrag melden

    Eminem

    Eminem ist nicht "einer der talentiertesten Rapper" sondern DER talentierteste! Bin kein Eminem-Fan, höre einige Lieder ab und zu mal, aber was Eminem Technisch auf den Kasten hat, kann ihm keiner (der lebenden) das Wasser reichen!

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  • Tim Franke am 19.12.2017 14:05 Report Diesen Beitrag melden

    Ist ein Witz oder?

    Der Artikel ist ein Witz. Eminem ist bleibt einer der besten Rapper aller Zeiten.

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  • Mc am 19.12.2017 13:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ich lebe für Hip-Hop

    Ich finde es gut. Vielleicht weil all die Hipster es nicht gut finden oder einfach weil es gut ist. Keine Ahnung.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Josh Schmidiger am 20.12.2017 19:18 Report Diesen Beitrag melden

    Rap God

    Das viele das Album nicht gut finden ist okay. Ich finde aber das es gelungen ist. All diese Leute die jetzt auf Eminem rumhacken sollen es doch sein lassen. Eminem ist und bleibt ein Genie... Halt einfach anders als früher. Probiert mal mit 45 noch das gleiche zu machen wie mit 20. Ich hoffe Eminem ist Eminem geblieben und sagt wieder einmal allen Kritikern was er von ihrer Kritik hält. Ich freu mich! Sorry für die Rechtschreibung...

    • EMINEM am 20.12.2017 21:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Josh Schmidiger

      Die, die meckern haben einfach keine Ahnung. Sollten mal "Detroit vs Everybody" anhören, das erst 2-3 Jahre alt ist. Flow ist einfach brutal!

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  • Beat Hofer am 20.12.2017 15:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Spezieller Mann!

    Ich hatte mal das Vergnügen diesen Mann zu treffen! Wirkt sehr kalt und distanziert, erst wenn man sich mit ihm unterhaltet merkt man, wie herzlich und freundlich er ist er redet überhaupt nicht von oben herab, sondern sogar sehr respektvoll und würdigend. Sein Lebensstil und seine Ansichten diesbezüglich sind so einzigartig das es wirklich ein riesen Erlebnis war mit ihm zu sprechen.. Einer der interessantesten menschen mit denen ich jemals geredet habe :)

    • Meier patrick am 20.12.2017 17:21 Report Diesen Beitrag melden

      Frage

      Wirkllich? Wo und in welchem kontext haben Sie Ihn getroffen?

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  • Bigboi am 20.12.2017 15:35 Report Diesen Beitrag melden

    Rap vs pop

    Meine persönlich meinung!!! Seine musik gefällt mir schon lange nicht mehr.. Leider hört sich seine musik nicht mehr so raw und urban an wie früher (90s und anfangs 2000er). Völlig ok das sich seine musik ändert, in dem fall poppiger wurde, ich höre sie mir aber nicht mehr gerne an.

  • J. Bolton am 20.12.2017 12:41 Report Diesen Beitrag melden

    ..

    Revival von eminem hätte meiner Meinung nach kaum besser laufen können. Nicht viele Interpreten konnten bis jetzt ein so gutes Comeback vollbringen

  • Päde am 20.12.2017 12:38 Report Diesen Beitrag melden

    RiRaRappi

    Bleibt ihr bei eurem "Rap". Da hör ich doch lieber Megadeth. En Guete Allen :)

    • Le37 am 20.12.2017 15:15 Report Diesen Beitrag melden

      Und jetzt?

      Bravo! Hier, ein Keks.

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