Schweizer Musikindustrie

17. März 2017 19:28; Akt: 17.03.2017 19:28 Print

Streaming überflügelt erstmals den Download

Nachdem die Musikindustrie jahrelang mit schwindenden Verkäufen kämpfte, sind die Zahlen nun wieder stabil – vor allem dank des Erfolgs von Streaming-Services.

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Der Schweizer Musikmarkt ist erstmals seit 2000 wieder stabil, wie die IFPI mitteilt. Zu verdanken sind die steigenden Umsatzzahlen vor allem dem Hype um Vinyl und Streaming-Services. Im Anschluss sehen Sie – unabhängig von Verkaufszahlen – die zehn wichtigsten Alben aus dem Jahr 2016, gewählt von der 20-Minuten-Musikredaktion. Wer sich 2016 mit Popmusik befasst hat, kam nicht um «Lemonade» herum, nicht zuletzt wegen einer privaten Angelegenheit von Beyoncé, die medial ausgeschlachtet wurde: Parallel zum Album «Lemonade» kamen Gerüchte auf, die Texte handelten von einer handfesten Beziehungskrise mit Jay Z. PR-Stunt hin oder her – «Lemonade» ist eine vielseitige Platte, die musikalisch über den Tellerrand hinausblickt und gesellschaftliche Probleme anspricht. Ausserdem gibt es einen Film zum Album, der «Lemonade» zu einem wohldurchdachten Gesamtkunstwerk macht. Am 10. Januar 2016 verstummte mit David Bowie eine der grössten Stimmen der vergangenen Jahrzehnte – nur zwei Tage zuvor war «Blackstar» erschienen. Der unerwartete Tod gab dem Album eine mystische Note, vor allem wegen Textzeilen, die als Vorahnung auf das nahende Ende interpretiert wurden. Der «Starman» zeigt sich in Songs wie «Lazarus» mit Bowie-typischen Bläsern und um mehrere Ecken chiffrierten Lyrics noch ein letztes Mal in Höchstform. Kaum ein Album stiftete dieses Jahr so viel Verwirrung wie «The Life of Pablo». Nachdem der Titel ungefähr ein Dutzend Mal geändert worden war, erschien es aus heiterem Himmel. Noch am selben Tag zog Kanye das Werk wieder zurück und schraubte weiter an den Songs rum. Wochenlang kursierten verschiedene Versionen, bis Kanye endlich zufrieden war und «The Life of Pablo» offiziell veröffentlicht wurde. Zum Song «Famous» entwickelte sich zudem eine Kontroverse wegen der «I made that bitch famous»-Zeile über Taylor Swift und auch das Video mit nackten Puppen von Promis und Politikern sorgte für rote Köpfe. Schon seit Jahren sind AnnenMayKantereit als deutscher Geheimtipp in aller Munde. Mit «Alles Nix Konkretes» erschien im März endlich das Debüt in Albumlänge und trotz Hype blieb die Band ganz nonchalant ihrem bodenständigen Indie-Rock treu. Sänger Henning May ist erst Anfang zwanzig, klingt mit seiner tiefen Stimme aber, als hätte er schon drei furchtbar anstrengende Leben hinter sich. Mit den scharfsinnigen Texten – oftmals eine Art Alltagsflucht ins Bünzlitum – singen AnnenMayKantereit zudem vielen Millennials aus der Seele. Nach dem Debakel ihres überambitionierten Albums «Artpop» hatten viele Lady Gaga schon abgeschrieben. Mit «Joanne» gelang ihr allerdings doch noch der längst überfällige Wandel: Produzent Mark Ronson schneiderte ihr ein Retro-Pop-Gewand auf den Leib und holte für sie renommierte Musiker wie Josh Homme oder Beck ins Studio. Trotzdem wirkt «Joanne» authentisch und vor allem beweist es endlich, dass hinter Gagas schriller Fassade eine wirklich talentierte Sängerin steckt. Während Singer-Songwriter Justin Vernon, Mastermind hinter Bon Iver, monatelang einsam durch die abgelegensten Orte Europas zog, entstand «22, A Million». Vernon erfand nicht nur neue Wörter für die Lyrics, sondern entwickelte auch gleich eigene Effektgeräte, um seine Stimme zu verfremden und den Autotune-Gesang auf ein neues Level zu heben. Die Songs tragen Titel wie «33 "GOD"» – hinter all den chaotischen Codes, den Noise-Flächen und aufgehackten Loops verbergen sich aber einige der schönsten Songs, die wir seit Jahren gehört haben. In eine ähnliche Richtung zielte Frank Ocean. Sein Album «Blonde» (auf dem Cover stilisiert zu «blond») ist kein Werk, das man gemütlich nebenbei hört, sondern eine komplexe Soundcollage. Vier Jahre nach seinem Meisterwerk «Channel Orange» legte Ocean zuerst mit einem avantgardistischen 45-Minuten-Video namens «Endless» eine falsche Fährte, um uns dann mit «Blonde» zu überraschen. Es ist ein sehr flüchtiges Album fast ohne greifbare Beats, das Oceans Organ genügend Platz lässt und weit über den klassischen R&B hinausgeht. Auch Nick Cave veröffentlichte 2016 ein Album, das alles andere als bequem ist. Auf «Skeleton Tree» verarbeitet er den Tod seines Sohnes, der vergangenes Jahr im Alter von 15 Jahren während eines LSD-Trips von einer Klippe stürzte und verstarb. «You fell from the sky and crash-landed in a field», lautet die erste Zeile auf dem Album. Über karge, meist nur angedeutete Rhythmen trauert Nick Cave im Anschluss, während bedrohliche Streicher und Pianos seine hoffnungslose Situation eindrücklich untermalen. Es war die Hip-Hop-Rückkehr des Jahres: 18 Jahre nach ihrer letzten Platte zeigen die US-Pioniere von A Tribe Called Quest, dass man Old-School-Rap auch auf das 21. Jahrhundert übertragen kann. Während der Produktion verstarb das Gründungsmitglied Phife Dawg. «We Got It From Here ... Thank You 4 Your Service» wurde trotzdem noch fertiggestellt und – mit der Ankündigung, dass es das letzte Album sein werde – veröffentlicht. Es lebt nicht nur von Nostalgie, sondern legt den Finger auch auf gesellschaftliche Wunden. Zum Release von «A Moon Shaped Pool» begingen Radiohead erst einmal Social-Media-Selbstmord: All ihre Kanäle wurden komplett leergeräumt – ein Promo-Kniff, den in den darauffolgenden Monaten unzählige Bands nachahmten. Mit Songs wie dem klaustrophobischen «Burn the Witch» sprachen Radiohead unsere Empörungskultur an und Thom Yorke verarbeitete gleichzeitig seine gescheiterte Ehe – im Dezember, anderthalb Jahre nach der Scheidung, verstarb seine Ex-Frau übrigens an Krebs. So emotional und trotzdem anspruchsvoll wie auf «A Moon Shaped Pool» klangen Radiohead schon lange nicht mehr.

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Die Musikindustrie jammert gern. Internetpiraterie und der Niedergang der CD machten den Labels jahrelang einen Strich durch die Rechnung. Nun hat die IFPI, ein Zusammenschluss der 39 grössten Labels der Schweiz, ihre Jahreszahlen bekannt gegeben. Und siehe da: Erstmals seit dem Jahr 2000 ist der Markt wieder stabil.

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«Unterm Strich geben die Leute wieder mehr Geld für Musik aus», sagt Ivo Sacchi, IFPI-Präsident und Managing Director bei Universal Schweiz, in einem Mediengespräch. Vor allem zahlende Streaming-Nutzer haben der Musikindustrie das Jahr gerettet.

Streaming und Vinyl auf dem Vormarsch

«Streaming hat eine atemberaubende Entwicklung hingelegt», erklärt Sacchi und weist darauf hin, dass in diesem Segment ganze 50 Prozent mehr Umsatz gemacht wurden. Dadurch hat Streaming im Jahr 2016 erstmals den klassischen Download überflügelt. Insgesamt ist der digitale Markt mittlerweile lukrativer als der physische Verkauf, der nur noch 47 Prozent des Gesamtmarkts ausmacht.

Doch auch dort wurde der Niedergang der CD gedämpft, vor allem durch den Hype um Vinyl. Vinylverkäufe haben 2016 um 50 Prozent zugenommen – mehr Platten wurden seit 1991 nicht mehr abgesetzt. Sacchi ist zwar überzeugt, dass die CD auf absehbare Zeit wichtig bleiben wird. Vinyl dürfe aber nicht unterschätzt werden und erlebe eine neue Blütezeit: «Interessant ist: Ein Teil der Konsumenten nimmt Vinyl als neues Produkt wahr – die kannten das vorher gar nicht.»

«Der Vinyl-Markt wird noch massiv zunehmen»

Schweizer von Spotify diskriminiert

Von den 84,6 Millionen Franken, die IFPI-Mitglieder insgesamt umgesetzt haben, macht Vinyl mit 4,4 Prozent allerdings weiterhin nur einen Bruchteil aus. Der Fokus liegt klar auf dem digitalen Markt. Dort will sich die IFPI künftig noch stärker für Chancengleichheit einsetzen: Nach wie vor werden Schweizer Künstler nämlich von einigen Anbietern wie Spotify diskriminiert. Hiesige Musik landet deshalb nur selten in den vom Streaming-Service kuratierten Playlists.

«Spotify will sein Angebot bisher nicht für die Schweiz massschneidern», sagt Sacchi. «Dabei könnten Schweizer Künstler davon massiv profitieren.» IFPI verhandle aber schon länger mit den Streaming-Anbietern; Sacchi gibt sich hoffnungsvoll. Vor allem weil der Siegeszug von Streaming nicht aufzuhalten sei: «Es ist schon lange kein Geheimnis mehr: Dem Streaming gehört die Zukunft. Der Download wird allerdings verschwinden», so der IFPI-Präsident.

(nei)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • james mc'neil am 17.03.2017 19:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Suisa?

    Super. Können wir nun die Suisa-Gebühren für Datenträger abschaffen, wenn die überwiegende Mehrheit legal Musik bezieht? Wenn Downloads verschwinden so muss auch die Suisa-Gebühr verschwinden! Zur Erklärung für alle die Suisa nicht kennen: Auf jedes Speichermedium (DVDs, CDs, UBS-Sticks, SSDs, microSD Karten usw.) das in der Schweiz verkauft wird entfällt eine Gebühr zur Handen der Suisa und der Musikindustrie (sozusagen die Billag der Musikindustrie).

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  • B. M. am 18.03.2017 07:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Keine Verpflichtung

    Je älter ich werde, umso mehr verweigere ich jede Art von langfristigen Abos. Wer macht denn hinter mir alle Türen zu?

  • Pack Man am 17.03.2017 20:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    drei "Guddis" der Scheiben..

    Erstens,es sind nicht wirklich die alten Songst,sondern oft ein "neues"altes von der gleichen Band.Zweitens,wenn Du dein Abo kündest oder pausierst, ist alles wieder weg.Drittens,Es geht nix über die Klangqualität und die Erinnerung an Kratzer;)

Die neusten Leser-Kommentare

  • Trivium am 19.03.2017 12:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nur CD

    Für mich kommt nur die CD ins Haus, A hat es die Band verdient und B habe ich sie so physisch und spitze sie noch den PC ab ...

  • andreas am 19.03.2017 09:34 Report Diesen Beitrag melden

    Streaming

    Oder auch Download bei fast allen Anbieter kann man die Musik auch Downloaden und Offline benutzen ich weiss nicht wo genau das Problem der Leute liegt?

  • Moschtli am 18.03.2017 23:56 Report Diesen Beitrag melden

    ach gott...

    Ich beame mir die lieder einfach auf meinen persönlichen server und dann streame ich mein server. SO kann es gehen - das geht bereits seit jahren so!

  • Marco am 18.03.2017 14:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    musiccard

    Ich denke mit musiccard macht man nichts falsch. Für 10 Franken bekommt man die neuste Musik, bin sehr zufrieden damit und kann ich nur weiterempfehlen. Für alle die gerne ihre Musik kaufen statt streamen macht man mit musiccard nichts falsches und die Qualität ist immer in 320kbs

  • Remo Sandt am 18.03.2017 12:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    musiccard

    Ich probiere die musiccard gerade aus und finde die ganz ok. 10 Fr. für neue Alben inkl. Download (via App und am pc als mp3). Preislich kommt bisher nichts vergleichbares an die musiccard ran.

    • Simone am 18.03.2017 17:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Remo Sandt

      Ich habe musiccard auch für mich entdeckt. Bin Absolut begeistert davon!

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