Schweizer Filmschaffende über sexuelle Belästigung

18. Oktober 2017 12:44; Akt: 18.10.2017 12:56 Print

«Es hätte auch mir passieren können»

Der Sex-Skandal um Harvey Weinstein zieht sich praktisch durch ganz Hollywood. Wie sieht es in der Schweizer Branche aus? 20 Minuten hat nachgefragt.

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Mehr als 30 Frauen beschuldigen Produzenten-Mogul Harvey Weinstein, sie sexuell belästigt oder gar vergewaltigt zu haben. Der Sex-Skandal erschüttert die Industrie und man fragt sich: Passiert das nur in Hollywood? 20 Minuten hat bei Schweizer Filmschaffenden nachgefragt. (37) Regisseurin von «Who Killed Johnny» (2013) «Zum Glück musste ich so etwas selbst nie erleben oder kam nie in eine Situation, die mir unangenehm war. Es hätte aber auch mir passieren können. Je jünger du bist, desto verletzlicher bist du. Viele der Opfer sagten, sie hätten Angst gehabt, ihre Arbeit zu verlieren und abgeschrieben zu werden, sollten sie damit an die Öffentlichkeit gehen. Ich verstehe das sehr gut. Es braucht sehr viel Mut, sich hinzustellen und die Wahrheit zu sagen.» (40) Produzentin von «Akte Grüninger» (2014) «Ich bin glücklicherweise nie in eine solche Situation gekommen.» (34) Schauspieler («Die göttliche Ordnung», 2017) «Ich habe das nie erlebt. Eine Kollegin hat mir erzählt, dass sie mal von einem Regisseur angemacht wurde. Unter vier Augen hat sie ihm dann mitgeteilt, dass sie umgekehrt nicht so empfinde, und damit war die Sache für beide abgeschlossen.» (35) Regisseur von «Tempo Girl» (2015) «So etwas habe ich in der Form zum Glück noch nie erlebt in der Filmbranche. Ich finde es sehr wichtig, dass gerade die Regie für ein sicheres Umfeld sorgt, so dass die Schauspielerinnen und Schauspieler sich fallen lassen und ihre besten Leistungen abrufen können.»

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Bereits mehr als 30 Frauen haben Filmproduzent Harvey Weinstein (65) öffentlich sexuelle Belästigung oder gar Vergewaltigung vorgeworfen – darunter sind bekannte Namen wie Rose McGowan (44), Angelina Jolie (42) und Gwyneth Paltrow (45).

Der Skandal zieht sich durch weite Kreise Hollywoods und es stellt sich die Frage: Gehört sexuelle Belästigung zur Filmbranche genauso dazu wie Castings und Pressekonferenzen? 20 Minuten hat bei Schweizer Filmschaffenden nachgefragt – nur wenige von ihnen wollten sich äussern.

«Je jünger die Frauen, desto verletzlicher»

«Es hätte auch mir passieren können», sagt etwa die Berner Schauspielerin, Regisseurin und Autorin Yangzom Brauen, die im Jahr 2000 erstmals im Schweizer TV zu sehen war, «je jünger du bist, desto verletzlicher bist du. Die meisten dieser Frauen waren Anfang 20, als es passierte, am Anfang ihrer Karriere.» Die 37-Jährige (sie drehte den 2013er-treifen «Who Killed Johnny» mit Melanie Winiger, Max Loong und Carlos Leal) betont jedoch: «Zum Glück musste ich das selbst nie erleben und kam auch nie in eine Situation, die mir unangenehm war.»

Sie verstehe aber, dass die Angst, mit so etwas an die Öffentlichkeit zu gehen, oftmals zu gross sei, weil man nie wissen könne, ob man ernst genommen werde und wie sich das auf die Karriere auswirke. «Dafür muss man eine sehr starke Persönlichkeit sein», so die Schweizerin, die seit bald zehn Jahren in Los Angeles lebt. «Ich denke und hoffe, dass in Zukunft noch mehr Frauen hervortreten und diese Männer entlarven.»

Unterschied zwischen Anmache und Belästigung

Die Zürcher Produzentin Anne Walser (40, «Akte Grüninger», «Der letzte Weynfeldt») fasst sich kurz, sagt aber ebenfalls: «Ich bin glücklicherweise nie in eine solche Situation gekommen.»

Dasselbe gilt für Schauspieler Max Simonischek (34, «Die göttliche Ordnung», «Gotthard»). «Eine Kollegin hat mir erzählt, dass sie mal von einem Regisseur angemacht wurde», fügt er an, «unter vier Augen hat sie ihm dann mitgeteilt, dass sie umgekehrt nicht so empfinde, und damit war die Sache für beide abgeschlossen.» Eine Belästigung war das sehr wahrscheinlich nicht.

Offene Fragen

Auch «Tempo Girl»- und «Goliath»-Regisseur Dominik Locher (35) war bei seiner Arbeit noch nie mit sexueller Belästigung konfrontiert. Er nimmt seine Zunft in die Pflicht: «Gerade als Regisseur will ich für ein sicheres Umfeld am Set sorgen, so dass die Schauspielerinnen und Schauspieler sich fallen lassen können. Als Feminist ist mir ein respektvoller Umgang miteinander auch in allen anderen Bereichen des Lebens sehr wichtig.»

Die Filmschaffenden, die sich hier zum Thema geäussert haben, waren in ihrem Beruf alle noch nicht von sexueller Belästigung betroffen oder tangiert. Dieser Umstand lässt einige Fragen offen. Passiert so etwas in der Schweizer Branche also gar nicht? Oder melden sich nur die Leute, die noch nicht damit in Berührung gekommen sind? Falls geschwiegen wird: warum?

(shy)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • weissesned am 18.10.2017 13:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Heuchelei

    Ich weiss nich was ich schlimmer finden sollte, die Taten von Weinstein oder die Heuchelei der Stars, die alle von ihm (angeblich) belästigt wurden, es jahrzehntelang hinnahmen und sich erst jetzt dazu äussern.

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  • rina am 18.10.2017 13:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    hätte auch mir passieren können....

    Plötzlich wollen alle belästigt worden sein. Kommt mal der Tag, dann darf man(n) zum guten Tag sagen nicht mal mehr die Hände schütteln....ohne dass es eine Belästigung ist.

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  • slowlife am 18.10.2017 13:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das Thema ist also echt langsam ausgeschlachtet...

    Wie lange wollt ihr noch darüber berichten? Habe jetzt schon mindestens 3-4 Artikel zu dem Thema gelesen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Dagobert am 19.10.2017 08:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ach ja

    jetzt war plötzlich jede Betroffen. Aber mitmachen für die Karriere, ja, da war man schon dabei. Er ist ein Schwein, wenn das alles stimmt. Aber mitgemacht habt ihrctrotzdem, wegen der Aussicht auf Erfolg.

  • Realist am 18.10.2017 19:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Es waren keine Europäer

    Langsam reicht es wirklich! Allerdings wird tunlichst verschwiegen, wer zu den Hauptgrabsten gehört. Man will ja nicht die Personen, welche in Köln und anderen Städten damals am Neujahr 2015/16 grabsten erwähnen, das wäre ja rassistisch...

    • Realist am 19.10.2017 17:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Realist

      Anm. das seltsame Wort sollte Hauptgrabscher heissen... ;-)

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  • Unwichtig unwichtiger am 18.10.2017 18:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    neuer trend

    in albanien wurden bereits jugendliche wegen angucken komareif geschlagen. hier ist das so etwas wie ein neuer hype. "hey! ich bin vor 10 jahren begrapscht worden, heute ist der zeitpunkt um es allen zu sagen!"

  • Bume83 am 18.10.2017 16:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Warum erst jetz?

    Gratulation an die "Opfer" welche jahre lang geschwiegen haben. Ihr seit eigentlich Mittäterinnen bei jedem Fall der nach euch passiert ist. Hättet ihr damals denn Mund aufgemacht und nicht nur an die eigene Karriere gedacht, hätten einige Frauen das gar nie erleben müssen.

  • F... the Star am 18.10.2017 16:32 Report Diesen Beitrag melden

    Das ist nur versteckte Werbung

    Hier macht ein Prostituierten-Ring Werbung und alle Medien machen mit. Willst Du eine Schauspielerin musst Du nur genug Geld oder Einfluss haben und sie wehrt sich nicht (oder erst 20 Jahre später).