Abzocke mit Loot-Boxen

25. November 2017 22:31; Akt: 25.11.2017 22:31 Print

So rauben uns die Game-Entwickler den Spielspass

von Jan Graber - In der Gamewelt ist eine heftige Diskussion um Mikrotransaktionen entbrannt. Die Branche macht sich damit einen zu kurzsichtigen Gefallen.

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Das Action-Adventure-Game «Mittelerde: Schatten des Krieges» steckt voller Loot-Boxen mit Goodies. Nur sind diese immer schwieriger zu erreichen – bis Spieler ins Portemonnaie greifen. Rückzieher: Nach heftiger Kritik entfernte Electronic Arts die Mikrotransaktionen aus dem Spiel «Star Wars: Battlefront 2» wieder. «Guitar Hero Live» knöpfte Spielern Geld für Songs ab, die sich nur während 24 Stunden spielen liessen. Das Basketballspiel «NBA 2K18» lässt Spieler bluten, die im «My Career»-Modus eine eigene Figur mit individuellem Aussehen und Fähigkeiten aufbauen wollen. Leichter tödlich: Im Prügelspiel «Mortal Kombat X» lassen sich mit realem Geld leichter auszuführende «Fatalities» (besonders brutale Abschluss-Moves) kaufen. Geld für Gegner: Im Sci-Fi-Actionspiel «Mass Effect 3» gelingt die Freischaltung von neuen Charakteren im Co-op-Multiplayermodus nur mit unendlicher Geduld, enorm viel Glück oder dem Griff ins Portemonnaie. Verlor auf der ganzen Länge: Das vielversprechende Multiplayer-Actiongame «Evolve» wollte Spielern so viel Geld für Skins, Monster und Charaktere abknöpfen, dass sich die meisten schliesslich vom Spiel abwendeten. Im Singleplayer-Game «Dead Space 3» versuchten die Entwickler den Spielern Geld für Waffenupgrade-Komponenten aus der Tasche zu ziehen – für Aufrüstungen, die am Ende wenig brachten. Überblick nur für Cash: In «Assassin's Creed Unity» gabs gewisse Sammelstücke nur gegen die extrem rare In-Game-Währung Helix. Diese liess sich freilich auch durch reales Geld besorgen. Einige rennentscheidende Modifikationen der Bolliden in «Forza Motorsport 7» sind nur in sogenannten Preiskisten enthalten. Diese gibts natürlich nur gegen reales Geld – oder viel Glück und Geduld. Kohle zum Verpulvern: Im Actionspiel «Deus Ex: Mankind Divided» zogen die Entwickler den Spielern Geld für Objekte aus den Taschen, die sich nur einmalig verwenden liessen, wie zum Beispiel Munition oder Aufrüstungsgegenstände. Bei einem zweiten Spieldurchlauf waren die erstandenen Goodies wieder weg. Spielversicherung: Im Multiplayermodus des Actionspiels «Metal Gear Solid 5» konnten Spieler ihre Online-Basisstation für reales Geld gegen Beschädigungen versichern lassen.

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Stellen Sie sich vor, sie kaufen sich Wellness-Ferien in einem Luxushotel direkt am Meer mit allem, was Sie sich wünschen: Einen makellosen Strand, Saunen und Bäderlandschaften, Massage- und Beauty-Angebot sowie erstklassige Restaurants und eine Cocktail-Bar. Sie haben viel Geld dafür bezahlt, stürzen sich ins Vergnügen – und stellen fest, dass Sie zu all den schönen Orten nur gegen Geld Zugang haben. Oder nur dann, wenn Sie genügend Treuepunkte gesammelt haben.

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In dieser Lage sehen sich derzeit Gamer, wenn sie ein Spiel wie «Mittelerde: Mordors Schatten» oder «Call of Duty: WWII» kaufen. Sie blättern fürs Spiel 60 Franken und mehr hin (für die Deluxe-Edition auch mal 100 Franken). Beim Spielen stellen sie aber fest, dass das Beste – die grossen Helden, die besten Waffen, die epischen Momente – entweder nur gegen zusätzliches Geld oder sehr viel Geduld zu haben ist: Wenn sie das Game so lange spielen, bis genügend Punkte für die Freischaltung der Goodies gesammelt sind – was dauern kann. Die Rede ist vom Geschäft mit den Mikrotransaktionen und Loot-Boxen und dem Sturm der Entrüstung, den die neuste Erfindung der Gamebranche ausgelöst hat.

Fiese Tricks

Selbstverständlich gehören Herausforderung mit anschliessender Belohnung zu einem Game, wie die rote Mütze zu Super Mario. Auch verschlingt die Herstellung von Blockbuster-Games bis zu dreistellige Millionenbeträge und irgendwie muss das Geld wieder eingespielt werden. Fliesst der Cash, lassen sich allfällige zukünftige Flops abfedern – und zudem wollen auch die Aktionäre bei Laune gehalten werden. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden, das sehen wohl auch diejenigen Gamer so, die bereit sind, fürs schnellere Spielvergnügen in die Tasche zu greifen.

Im Grunde aber handelt es sich um ein hinterhältiges Game mit Lust und Frust. In der Free-to-Play-Welt (von der die Idee stammt) nennt man es «Fun Pain» – ein Trick, der Spieler genau so viel leiden lässt, bis sie zum Geldbeutel greifen, um den Schmerz zu lindern. Da sich Spieler aber oft nicht sicher sind, welches Game-Goodie sie gegen ihr Geld erhalten, wird die Praxis von kritischen Seiten als Glücksspiel bezeichnet – etwas, das unters Glückspielgesetz fällt.

Kurzsichtiges Denken

Mit der Idee, so ans schnelle Geld zu kommen, schiesst sich die Branche ins eigene Knie. Sie gibt sich zwar nahe an der Game-Community, profitiert von ihren Ideen und Anregungen, ist sich gleichzeitig aber nicht zu schade, sie für den schnellen Cash zu melken. Dass hier die Wogen hochgehen und beispielsweise Electronic Arts fürs Game «Star Wars: Battlefront II» ins Kreuzfeuer geraten ist, versteht sich von selbst.

EA hat denn auch bereits reagiert und die Idee mit den Mikrotransaktionen vorerst wieder fallen gelassen. Andere fangen gar nicht erst damit an: So sagte der Studiochef von CD Project RED («Witcher»-Serie), Adam Kicinski, er überlasse die Gier lieber den anderen. Sein neuestes Werk «Cyberpunk 2077» solle ein ehrliches Werk bleiben.

Abschliessend handelt es sich bei den Mikrotransaktionen um ein kurzsichtiges Denken: Zwar sind Spieler bereit, fürs Vergnügen zusätzlich in die Tasche zu greifen, das Vertrauen geht langfristig aber verloren. Wer will wirklich Geld für ein Spiel ausgeben, dessen Inhalt vielleicht unvollständig ist und wofür mit zusätzlichen Ausgaben zu rechnen ist? Oder würden Sie ein Wellness-Hotel buchen, wenn Sie nicht wissen, unter welchen Umständen Sie die Sauna benutzen dürfen?

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Gamer am 25.11.2017 22:46 Report Diesen Beitrag melden

    Waren das noch Zeiten...

    als man in den Laden ging und sich eine fertige Vollversion von einem Spiel für die Playstation 1, den Nintendo64 oder was auch immer kaufen konnte. Heute sind die Entwickler so dreist, dass sie Spiele die bei weitem noch nicht fertig sind als Vollpreistitel verkaufen. Der Kunde muss dann feststellen, dass auch nach einem Jahr voller Updates das Spiel immer noch in der Betaphase steckt. No Man's Sky lässt grüssen....

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  • Ein Leser am 25.11.2017 22:43 Report Diesen Beitrag melden

    Man kann etwas dagegen tun

    Rockefellerprinzip(Öllampenprinzip) auf feinste Art. Kauft keine solchen Games und dann verschwinden sie von alleine.

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  • Enis Dulaku am 25.11.2017 22:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    DLC

    Für DLC Maps bin ich je nach dem welches Spiel bereit zu zahlen. Aber für solche Lootboxen lohnt es sich einfach überhaupt nicht. Hab auch mal mit Freunden zusammen 20Fr. investiert um zu schauen was man bekommt. Da kam kaum was gutes raus. Lootboxen sind reinste abzocke und machen den Spass am Spiel kaputt.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Dr. Neo Cortex am 07.12.2017 08:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ganz einfach..,

    Die Entwickler spiegeln nur unsere Gesellschaft dar. Egoistisch & Geldgeil. Was kann man dagegen tun. Ganz einfach der Kunde ist König. Einfach EA spiele boykottieren. Wenn die nix mehr verkaufen sind sie gezwungen um zu denken. Das Problem ist nur richtige Game nerds wie z.B ich informieren sich ganzheitlich über das Thema. Der grösste Teil der Konsumenten sieht nur aaaah Star Wars. Hat aber von Lootboxen &Mikrotransaktionen noch nie was gehört. Sauerei!!! Also alle die keine Ahnung von games habt. Merkt euch eins. EA Sport ist böse, ganz böse die zocken euch ab bevor ihr es merkt ;-)

  • Gygo am 30.11.2017 16:47 Report Diesen Beitrag melden

    entspricht dem Umsatz

    Ist normal das man manche DLCs oder Addons zusätzlich kaufen muss... Die Videospielindustrie verdient an den DLCs ect. mehr als am Hauptspiel selber... seht mal die MMOs an... diese Spiele leben von DLCs die man kaufen muss zB. in WoW oder Elder Scrolls Online. Auch Handygames leben davon DLCs oder zusätzliche Inhalte separat zu verkaufen. Ansonsten würde diese keinen Umsatz machen welcher sich lohnen würde. Und von Abschaffung könnt ihr weiter träumen... wird nicht passieren! Das ist Marketing.

  • Thor am 28.11.2017 19:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    DLC ok

    ok, DLC ist OK auch für 30.- wider wie bei GTAV nur Inngame Cash voll OK. Oder halt für Optisch extra zu bezahlen auch gut. Aber kein Pay to Win wie Rainbow 6 Siege

    • Labersack am 07.12.2017 16:03 Report Diesen Beitrag melden

      Rainbow Six Siege

      Wo ist R6S Pay to Win?

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  • gogg am 28.11.2017 17:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Alles immer gleich sofort

    Battlefield 4 war genau deshalb so gut, weil man eben nicht in einer halben Stunde alles freischalten konnte. In BF1 gings zu schnell. In BF3 und 4 wars perfekt. Benutze Waffen um Aufsätze zu bekommen. Spiele die Klassen um Waffen freizuschalten. Man probiert und experimentiert. Wer da die Shortcut bundles kaufte, tat sich keinen Gefallen. Battlefront 2 hab ich nach der Beta bewusst nicht gekauft. Hat mich nicht gekpackt.

  • A. Powers am 28.11.2017 16:59 Report Diesen Beitrag melden

    Das grösste Übel fehlt: Fifa

    Die grösste Abzocke ist immer noch Fifa: jedes Jahr von neuem den Vollpreis bezahlen für etwas, das in einem 20.- download verpackt werden könnte. Aber das ist genau wie mit den Microtransactions: Ohne die Dummen die das kaufen, würde das System nicht funktionieren!

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