Tamil Tigers

10. Januar 2018 15:17; Akt: 10.01.2018 15:17 Print

Terroristen oder Freiheitskämpfer?

Der Prozess in Bellinzona dominiert die Schlagzeilen. Angeklagt sind mutmassliche Unterstützer der Tamil Tigers. Was Sie über die Organisation wissen müssen.

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Es ist der grösste Prozess, den das Bundesstrafgericht je verhandelt hat: Aneinandergelegt seien die Akten des gesamten Falls 3250 Kilometer lang, schreibt die NZZ. Die 13 Angeklagten sollen von in die Schweiz geflüchteten Tamilen durch Erpressung und Betrug mehr als 15 Millionen Franken eingesammelt haben, um die Tamil Tigers zu unterstützen.

Wer sind die Tamil Tigers?
Die Tamil Tigers existieren seit 1976. Offiziell heisst die Gruppierung Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE). Sie entstand, weil nach dem Ende der britischen Kolonialherrschaft die singhalesische Mehrheit im Zuge der Sinhala-only-Politik die tamilische Minderheit im Norden und Osten Sri Lankas zunehmend unterdrückte.

Was hat es mit dem Tiger auf sich?
Das Emblem der Tigers ist ein fauchender Tiger, der aus einem Reif mit gekreuzten Gewehren springt. Der Tiger war ein wichtiges Symbol der Chola-Dynastie in Indien. Unter ihr erlebte die tamilische Kultur, Sprache und Religion ihre mittelalterliche Blütezeit.

Was wollen die Tigers?
Eine eigene Nation mit Namen Tamil Eelam. Von 1983 bis 2009 kämpften sie in einem opferreichen Bürgerkrieg dafür. Sowohl die singhalesische als auch die tamilische Seite verübten Gräueltaten an Zivilisten. Der Krieg endete mit der militärischen Niederlage der LTTE. Seither kommt es immer wieder zu Vergeltungsakten der sri-lankischen Streitkräfte an Tamil Tigers und deren Sympathisanten. Sri Lanka verweigert eine unabhängige Untersuchung dieser Vorwürfe.

Ein Aussöhnungsprozess hat nie stattgefunden. Angesichts der Landenteignungen von tatsächlichen oder vermeintlichen LTTE-Sympathisanten oder der nicht stattfindenden Demilitarisierung wächst der Unmut unter Sri Lankas Tamilen.

Sind sie noch aktiv?
Die Niederlage der Tamil Tigers auf Sri Lanka war absolut, von ihren staatlichen und militärischen Strukturen (die LTTE hatte eigene Gerichte, einen Geheimdienst, eine eigene Luftwaffe und Marine) ist im Land nichts mehr übrig geblieben. Brad Adams, der Asien-Direktor von Human Rights Watch bezeichnete die LTTE 2014 als «erloschen».

Also weg vom Fenster?
Nein. Die Tigers setzen den Kampf für einen tamilischen Staat auf politischer Ebene fort – wobei dem Ausland eine besondere Bedeutung zukommt. Die tamilische Diaspora (etwa drei Millionen Menschen) war immer der Motor der Tamil Tigers, weil sie mit Spenden, aber auch mit Geldwäsche, den Kampf in Sri Lanka finanzierte. Die Schweiz mit ihren über 50’000 Personen aus Sri Lanka war als Finanzdrehscheibe für die LTTE besonders wichtig.

«Tamilische Gruppierungen fallen in der Schweiz und in anderen europäischen Ländern kaum mehr öffentlich auf», heisst es im aktuellen Sicherheitsbericht des Schweizer Nachrichtendienstes. «Die geschlossenen Anlässe und Veranstaltungen tamilischer Interessenorganisationen verlaufen ohne Zwischenfälle, werden aber immer wieder auch von Mitgliedern und Sympathisanten der LTTE besucht. Ausserhalb Sri Lankas versuchen die LTTE weiterhin, sich neu zu orientieren.»

Sind die Tigers in der Schweiz verboten?
Nein. In der Schweiz gelten die Tamil Tigers nicht als kriminelle Organisation. Merkmale einer kriminellen Organisation sind laut Schweizer Strafrecht unter anderem, dass sie Aufbau und personelle Zusammensetzung geheim hält und dass sie Verbrechen zum zentralen Ziel hat. Ob die LTTE respektive ihr Ableger in der Schweiz diese Merkmale erfüllen, wird in dem in Bellinzona laufenden Prozess entschieden werden müssen.

Im Gegensatz zur Schweiz stufen 31 Staaten die LTTE wegen Menschenrechtsverletzungen und Anschlägen als terroristische Organisation ein, etwa Indien, die USA und die EU. Letzten September verlangte die Generalstaatsanwältin des Europäischen Gerichtshofs, die Tigers von der Terrorliste zu streichen.

Sind die Tigers Terroristen oder Freiheitskämpfer?
Sehr schwer zu beantworten – und eine der zu klärenden Hauptfragen im jetzt laufenden Prozess in Bellinzona.

Einerseits: Die Tamil Tigers setzten zielgerichteter als jede Terrorgruppe vor ihnen Selbstmordanschläge als Kriegsmittel ein. Zwischen 1980 und 2000 verübten sie 168 Selbstmordanschläge, rekrutierten dafür auch Frauen. Sie sollen um die 5000 Kindersoldaten eingesetzt haben. Die LTTE gilt als Erfinderin des Sprengstoffgürtels. Sie unterhielt enge Beziehungen zu internationalen Terror-Organisationen.

Andererseits: Die Tigers machen geltend, sich als einzige Organisation für die Interessen der Sri-Lanka-Tamilen einzusetzen. «Wir wollten unsere historische Heimat, die wir vor Kolonialzeit hatten, zurückerhalten und die gegen unseren Willen beraubte tamilische Souveränität in unserer Heimat wiederherstellen. Nur so können wir die Existenz unserer Nation und unseres Volkes sichern, weil immer noch ein Völkermord an Tamilen verübt wird», sagt Kurusamy Kuruparan, Präsident von Tamil Movement, im Interview mit 20 Minuten.

(gux)