Irak

20. Oktober 2017 13:17; Akt: 20.10.2017 19:02 Print

Armee setzt Häuser in ländlicher Region in Brand

Der Konflikt zwischen irakischen Truppen und kurdischen Peshmerga-Kämpfern spitzt sich zu. In umkämpften Gebieten soll es viele Tote gegeben haben.

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Irakische Truppen und kurdische Peschmerga-Kämpfer liefern sich schwere Gefechte. (19. Oktober 2017) Irakische Truppen und kurdische Peschmerga-Kämpfer liefern sich schwere Gefechte. (19. Oktober 2017) Kurden während einer Kundgebung vor dem US-Konsulat in der Stadt Arbil. (20. Oktober 2017) Situation verschärft sich: Über einem Kontrollpunkt nördlich der Stadt Altun Kupri steigt dichter Rauch auf. (20. Oktober 2017) Die Behörden der autonomen Kurdenregion schicken Verstärkungen: Kurdische Einsatzkräfte auf dem Weg nach Alton Kupri. (20. Oktober 2017) Rascher Vorstoss: Ein Konvoi irakischer Truppen und Milizionäre auf ihrer Fahrt nach Kirkuk. (16. Oktober 2017) Ein irakischer Soldat geht an einer verunstalteten Kurdenfahne in einem Vorort Kirkuks vorüber. Anwohner strömen an die Srassen, um die vorrückenden irakischen Truppen zu begrüssen. Auch Kinder winken den Regierungskräften zu. Irakische Kämpfer machen das Victory-Zeichen. Die Zentralregierung reagiert auf das Unabhängigkeitsreferendum der Kurden: Eine Einheit der irakischen Armee durchquert ein Ölfeld auf dem Weg zur Stadt Kirkuk. Peschmerga-Kämpfer ziehen sich von einigen Stellungen offenbar kampflos zurück: Die irakische Armee und unterstützende Milizen nehmen zuvor von Kurden gehaltene Gebiete bei Kirkuk in Besitz. Irakische Regierungstruppen auf dem Vormarsch nach Kirkuk. Die kurdische Regionalregierung hatte schon im Vorfeld mehrere Tausend Kämpfer in die umstrittene Provinz beordert: Peschmerga-Kämpfer in der Stadt Kirkuk. Polizisten in Kirkuk. Vorstoss im Schutz der Nacht: Fahrzeuge der irakischen Armee südlich von Kirkuk. Kurdische Peschmerga-Kämpfer hatten den Angriff erwartet. (16. Oktober 2017) Konfliktpunkt Provinz Kirkuk: Irakische Truppen rücken in kurdisches Gebiet vor. (15. Oktober 2017) Einsatz gegen die eigene Bevölkerung: Irakische Truppen fahren in der Nähe des Dorfes Khabbaz auf einer Strasse zwischen Hawija und Kirkuk, hier im Einsatz gegen den IS. (7. Oktober 2017) Am Kampf gegen den IS hatten sich auch Milizen beteiligt, hier Kämpfer der Hashed al-Shaabi auf einer Strasse zwischen Hawija und Kirkuk. (6. Oktober 2017) Von der Jihadistenmiliz Islamischer Staat abgefackelt: Ein Ölfeld in der Provinz Kirkuk. (6. Oktober 2017) Ein Tag vor der Offensive auf kurdische Stellungen in der Provinz Kirkuk hatte Ministerpräsident Haider al-Abadi Befürchtungen der Kurden noch zurückgewiesen. «Wir werden unsere Armee nicht für einen Krieg gegen unsere kurdischen Mitbürger einsetzen», erklärte Abadi, auf dem Bild bei einer Pressekonferenz mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron eine Woche zuvor. (5. Oktober 2017) Am 9. Oktober hatte Vizepräsident Iyad Allawi allerdings vor Bürgerkrieg gewarnt. Er rief die Kurden und die mit seiner Regierung verbündeten und vom Iran unterstützten Milizen zur Zurückhaltung auf. Falls die irakischen Volksmobilmachung-Milizen in Kirkuk einmarschieren, würden «alle Möglichkeiten zur Vereinigung beschädigt» und «gewaltsamen Konflikten» die Tür geöffnet.

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Viele Tote bei schweren Gefechten zwischen Iraks Truppen und Kurden Irakische Regierungstruppen haben in der Provinz Kirkuk im Norden des Iraks das letzte von den kurdischen Peschmerga gehaltene Gebiet zurückerobert. Dabei lieferten sich irakische Truppen und kurdische Peschmerga-Kämpfer schwere Gefechte.

Armee, Polizei und Anti-Terror-Einheiten seien in die Stadt Altin Köprü im Norden der Provinz Kirkuk vorgedrungen, teilte das gemeinsame Einsatzkommando der irakischen Armee am Freitag mit.

Versuchte Brückensprengung

In Altin Köprü hätten die Peschmerga versucht, die Brücke über den Fluss Sab zu sprengen und sie dabei beschädigt. Die irakischen Truppen hätten aber die Landesflagge auf einem Verwaltungsgebäude gehisst und kontrollierten die Stadt.

Der Sicherheitsrat der Kurden warf Armee und Milizen vor, sie hätten Altin Köprü am Morgen angegriffen. Auf Videos im Internet war Gefechtslärm zu hören. Bilder zeigten, wie Truppen und gepanzerte Fahrzeuge in den Ort fahren. Von Seiten der Peschmerga-Kämpfern hiess es jedoch, sie hätten die Angriffe abwehren können.

General getötet

Ein Kommandant der Peschmerga sagte, es gebe in der Region Gefechte mit den schiitischen Hasched-al-Schaabi-Milizen (Volksmobilisierungseinheiten), die vom Iran unterstützt werden. Sie versuchten, auf die Ortschaft Sirawa vorzustossen.

Aus seinem Umfeld hiess es, der Peschmerga-General Ghasi Dolemri sei bei den Kämpfen getötet worden. Nach kurdischen Angaben kamen etwa 30 Peschmerga-Kämpfer ums Leben.

Rückzug ohne Widerstand

Die ländliche Region Altin Köprü war das letzte Gebiet in der Provinz Kirkuk, das noch von den Peschmerga gehalten wurde. Die Region von 520 Quadratkilometern, die von Kurden und Turkmenen bewohnt ist, liegt nur 50 Kilometer von Erbil entfernt, der Hauptstadt der Kurden im Nordirak. Die irakische Regierung kündigte an, die Offensive gegen die Kurden fortzusetzen.

Iraks Truppen hatten Anfang dieser Woche bereits grosse Gebiete eingenommen, die bisher unter Kontrolle der Peschmerga waren, darunter die ölreiche Provinz Kirkuk. Aus den meisten Orten zogen sich die Kurden ohne Widerstand zurück.

Referendum als Auslöser

Die Spannungen zwischen Bagdad und der kurdischen Regionalregierung in Erbil waren nach dem Referendum der Kurden vom 25. September eskaliert. Die Kurden hatten dabei fast geschlossen für die Unabhängigkeit gestimmt. Bagdad hatte das Ergebnis des Volksentscheids aber nicht akzeptiert.

Bei den eingenommenen Gebieten handelt es sich um Regionen, die sowohl von der Zentralregierung in Bagdad als auch von den Kurden beansprucht werden. Die umstrittenen Gebiete ausserhalb der kurdischen Autonomieregion haben die Kurden seit 2003 unter ihre Kontrolle gebracht.

Brennende Häuser und Plünderungen

Als die irakische Armee im Juni 2014 vor der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) die Flucht ergriffen hatte, besetzten die Peschmerga auch Kirkuk und die umliegenden Ölfelder, was ihnen grosse Einnahmen brachte.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) berichtete am Freitag von Übergriffen und Plünderungen im Ort Tus Churmatu, den Iraks Truppen Anfang der Woche unter Kontrolle gebracht hatten. Ein Augenzeuge habe erzählt, das in einem vor allem von Kurden bewohnten Gebiet Geschäfte gebrannt hätten. Läden seien geplündert worden.

Die UNO-Mission im Irak hatte am Donnerstag gemeldet, ihr lägen Berichte vor, denen zufolge bewaffnete Gruppen 150 Häuser angezündet hätten.

Gruppen führen Eigenleben

Die einflussreichen Schiitenmilizen waren in der Vergangenheit mehrfach Übergriffen auf Zivilisten beschuldigt worden. Die bewaffneten Gruppen stehen zwar offiziell unter Befehl von Regierungschef Haidar al-Abadi, führen aber ein Eigenleben. Finanziert werden sie vom ebenfalls schiitischen Iran.

(kaf/oli/sda)