«Akustische Attacken» in Kuba

06. Dezember 2017 23:05; Akt: 07.12.2017 08:07 Print

Ärzte vermuten kollektiven Stress – oder Grillen

Seit Monaten gehen Ärzte den rätselhaften Hörschäden von US-Diplomaten in Havanna nach. Für kubanische Mediziner stecken Dauerstress oder Steppengrillen dahinter.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Nach der mysteriösen Erkrankung von US-Diplomaten auf Kuba haben behandelnde Ärzte laut der Nachrichtenagentur AP bei den Betroffenen Auffälligkeiten im Gehirn entdeckt. Medizinische Tests ergaben, dass die Botschaftsmitarbeiter und deren Angehörige in Havanna Veränderungen an Bahnen des Gehirnmarks erlitten, über die verschiedene Teile des Hirns kommunizieren.

Die Mediziner suchen seit neun Monaten nach Hinweisen, die Symptome wie Hör-, Seh- und Gedächtnisstörungen sowie Schwindel erklären könnten. Die Erkenntnisse der Ärzte sind die bislang eindeutigsten Hinweise auf körperliche Schäden bei den 24 Betroffenen. Was immer passiert ist, es führte zu wahrnehmbaren Veränderungen im Gehirn.

Nur das FBI glaubt an Schallwellen-Angriffe

Washington macht die kubanische Regierung zwar nicht für die Vorfälle verantwortlich, wirft ihr aber vor, die Diplomaten nicht geschützt zu haben. Unter anderem spekuliert das FBI über Angriffe mit Schallwellen.

«Das würde mich sehr überraschen», widerspricht Elisa Konofagou, Professorin für Biomedizintechnik an der Universität Columbia. Sie selbst war allerdings nicht an der Untersuchung der Regierung beteiligt. Ultraschall werde in der Medizin häufig eingesetzt, etwa um Gehirntumore zu zerstören, erklärte Konofagou ABC News. «Wir haben nie beobachtet, dass sie Änderungen im Gehirnmark verursacht hätten».

Alles nur im Kopf

Was für US-Forscher offenbar noch unklar ist, können kubanische Ärzte schon lange erklären: Die Schäden seien durch eine «kollektive psychische Störung» ausgelöst worden, ist das Ergebnis einer Studie einer 20-köpfigen Gruppe von Wissenschaftlern, die dem Magazin «Science Insider» vorliegt.

Selbst in den USA ist man dieser These nicht ganz abgeneigt. Stanley Fahn, Neurologe an der Columbia University, stimmt dem kubanischen Bericht zu: «Es ist durchaus möglich, dass dies alles psychogen ist».

Stress führt zu kollektiver Psychose

«Wir suchen seit Monaten nach einem Auslöser für die Störungen, haben aber bis jetzt nichts gefunden», so das Fazit des kubanischen Teams. Die angeblichen Angriffe begannen demnach kurz nachdem Präsident Trump angekündigt hatte, die diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Ländern wieder abzubrechen.

«Das verursachte enormen Stress, die Mitarbeiter standen unter Druck und fühlten sich krank», lautet die Erklärung von Antonio Paz Cordovéz, Präsident der kubanischen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Medizin. «Wenn in dem Zusammenhang auch noch das Wort ‹Attacke› verbreitet wird, dann kommt schnell ein Gefühl von Bedrohung auf», meint er.

Schallwellen oder Grillen?

Auf der Suche nach der Ursache der Hörschäden stellten die Kubaner zeitweise eine gewagte Theorie auf: Die angeblichen Schallwaffen könnten lediglich Grillen gewesen sein. «Als ich zum ersten Mal von den Attacken hörte, glaubte ich, dass es sich um eine Episode von ‹Akte X› handelte», sagte der Hals-Nasen-Ohren-Spezialist Manuel Jorge Villar Kuscevic vom Enrique-Cabrera-Spital in Havanna, der dem kubanischen Ärztegremium angehörte.

Auf Tonbandaufnahmen, die die Botschaftsangestellten angefertigt haben und jetzt im Besitz des FBI sind, identifizierte Umweltphysiker Carlos Barcelo Pérez die jamaikanische Steppengrille. Diese zirpt mit einer Lautstärke um die 74,6 Dezibel – «nicht laut genug, um das Gehör zu schädigen», findet der Forscher.

Sein Kollege Kuscevic stimmt ihm zu: Um bei einem Menschen einen Hörschaden anzurichten, bräuchte es eine Lärmquelle von mindestens 130 Dezibel, sagt er. «Das entspricht in etwa dem Dröhnen der Triebwerke von vier Jets vor der Haustüre.» Und das war in Havanna nicht der Fall.

(kle/ap)