Vor 20 Jahren

02. Mai 2009 08:06; Akt: 02.05.2009 08:05 Print

Der Anfang vom Ende des Ostblocks

von Peter Blunschi - Am 2. Mai 1989 begann Ungarn mit dem Abbau der Sperranlagen zu Österreich. Der Eiserne Vorhang zwischen West- und Osteuropa öffnete sich. Niemand ahnte damals, welche Konsequenzen dieser Vorgang haben würde.

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Ungarische Soldaten zerschneiden am 2. Mai 1989 den Stacheldraht. (Bild: Keystone/Bernhard J. Holzner)

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Eine kurze Agenturmeldung kündigte es Mitte April 1989 an: «Ungarn wird am 2. Mai damit beginnen, den sogenannten Eisernen Vorhang, das Alarmsystem an der Grenze zu Österreich, zu beseitigen.» Tatsächlich schritten Soldaten an jenem Tag zur Tat und demontierten Stacheldraht und elektronische Warnanlagen. Der Eiserne Vorhang – ein von Winston Churchill geprägter Begriff – wurde durchlöchert.

Die unmittelbare Begründung entsprang mehr wirtschaftlichen und praktischen als politischen Überlegungen. Ende 1988 war der ungarischen Führung klar geworden, dass die Anlage technisch veraltet war und den hoch verschuldeten ungarischen Staat übermässig viel Geld kostete. Zudem hatten die ungarischen Staatsbürger bereits seit dem 1. Januar 1988 das Recht auf einen Reisepass, mit dem sie auch in den Westen durften.

Gorbatschow gab grünes Licht

Um den Frust über die Niederschlagung des Volksaufstands von 1956 zu dämpfen, hatten die ungarischen Kommunisten unter Langzeit-Parteichef Janos Kadar einen relativ liberalen Kurs verfolgt und der Bevölkerung einen im Vergleich zu anderen Ostblock-Staaten hohen Lebensstandard ermöglicht – im Westen sprach man vom «Gulaschkommunismus». Unter dem Reformpremier Miklos Nemeth emanzipierte sich die Regierung zunehmend von der sozialistischen Staatspartei.

Sie hatte für Öffnung des Eisernen Vorhangs eine günstige internationale Situation gewählt. Der seit 1985 an der Spitze der Sowjetunion stehende Parteichef Michail Gorbatschow hatte im Zeichen von «Glasnost» (Offenheit) und «Perestroika» (Umgestaltung) eine neue Politik zwischen Ost und West angekündigt. Als Nemeth Gorbatschow am 3. März 1989 in Moskau über die Abbau-Pläne informierte, erhielt er zu seiner Verblüffung die lakonische Antwort: «Ich sehe da, ehrlich gesagt, kein Problem.»

Das letzte Opfer des Eisernen Vorhangs

Als die beiden Aussenminister Gyula Horn und Alois Mock am 27. Juni 1989 vor der Weltpresse selber zur Drahtschere griffen, waren die Abbauarbeiten schon weit fortgeschritten. Nun realisierte man weltweit, was sich an der einst hermetisch abgeschotteten Grenze zwischen West und Ost tat. Viele DDR-Bürger entschieden, ihre Sommerferien in der «sozialistischen Bruderrepublik» zu verbringen. Sie kamen jedoch nicht wegen Plattensee oder Puszta, sie wollten in den Westen.

Bei einem «Paneuropäischen Picknick» am 19. August in der Grenzstadt Sopron nutzten mehrere hundert Menschen aus der DDR die Gelegenheit zur Flucht nach Österreich. In Ungarn war man mit dem Ansturm aus Ostdeutschland überfordert. So kam es am 21. August an der Grenze zu einem Handgemenge, bei dem sich ein Schuss aus einer Maschinenpistole löste und einen Architekten aus der DDR tötete – er war das letzte Todesopfer des Eisernen Vorhangs.

Dammbruch am 10. September

Premierminister Miklos Nemeth suchte mit BRD-Kanzler Helmut Kohl nach einer Lösung. Am 10. September wurde die Öffnung der Grenze vereinbart, DDR-Bürger durften uneingeschränkt in den Westen ausreisen. Die Regierung in Ostberlin schäumte, doch wieder griff Gorbatschow nicht ein. Lange Schlangen von Trabants und Wartburgs vor den Übergangen nach Österreich prägten in der Folge das Bild.

Es war der endgültige Dammbruch. Am 9. November wurde die Berliner Mauer geöffnet. Danach kollabierten die kommunistischen Regimes in Polen, der Tschechoslowakei und Bulgarien, und Ende Dezember wurde Nicolae Ceausescu, der ruchloseste Diktator Osteuropas, in Rumänien gestürzt und hingerichtet. Im Eiltempo war der einst im Westen gefürchtete Ostblock zerfallen. Und Ungarn war der erste Dominostein, der die 1945 in Jalta beschlossene Aufteilung Europas zum Einsturz brachte.